Wilhelm Knappe: Unterschied zwischen den Versionen

Aus erfurt-web.de
Zur Navigation springen Zur Suche springen
K (Schützte „Wilhelm Knappe“ ([edit=sysop] (unbeschränkt) [move=sysop] (unbeschränkt)))
 
(94 dazwischenliegende Versionen von 2 Benutzern werden nicht angezeigt)
Zeile 1: Zeile 1:
= Wilhelm Knappe =
= Wilhelm Knappe =


'''Konsul, Kolonialbeamter, Völkerkundler und Schöpfer der Erfurter Südseesammlung'''
[[Datei:KnappeRassloff.jpg|310px|right]]'''Der Konsul und Kolonialbeamte Wilhelm Knappe gehört zu den frühen Vertretern deutscher Weltpolitik. 1889 hat er seine bedeutende Südseesammlung seiner Heimatstadt Erfurt verkauft.'''


geb. 20.10.1855 Erfurt, gest. 05.02.1910 Berlin


1883 Auswärtiges Amt, 1886/1887 erster Kaiserlicher Kommissar der Marshall-Inseln
Die Biographie des einst in Erfurt sehr bekannten "Konsuls Knappe" schildert die Lebensstationen als erster Kaiserlicher Kommissar der Marshall-Inseln 1886/87, Konsul auf Samoa 1888/89, Nationalbankdirektor von Südafrika 1891-1894, Konsul in Kanton 1894/97 und Generalkonsul in Shanghai 1898-1905. Aber auch Kindheit und Jugend in Erfurt sowie das Schicksal der Erfurter Südsee-Sammlung werden vorgestellt. Ein Anhang lässt Knappe selbst ausführlich zu Wort kommen. Schlaglichtartig werden dabei zentrale Kapitel deutscher Weltpolitik und des Imperialismus angesprochen: von der Kolonialkonkurrenz in der Südsee über den Burenkrieg bis hin zum Boxeraufstand in China. Diese Ereignisse spiegeln sich auch in Zeitzeugnissen aus Knappes Heimatstadt Erfurt wider.


1888/89 Konsul auf Samoa ("Samoa-Krieg")
Seine Südsee-Sammlung hat der Jurist und Kolonialbeamte von 1886 bis 1889 zusammengetragen. Sie umfasst zahlreiche Gebrauchs- und Kultgegenstände, Schmuck, Waffen, Modelle von Schiffen und Häusern, Tierpräparate u.ä., aber auch Human Remains. Beeindruckendstes Exponat ist ein sechs Meter langes Auslegersegelboot. Knappe hatte die Sammlung 1889 an die Stadt Erfurt verkauft. Von 1890 bis in die DDR-Zeit war sie im heutigen Volkskundemuseum zu sehen.  2005 wurde sie in der vielbeachteten Ausstellung "Sehnsucht nach dem Paradies" in der Kunsthalle präsentiert. Seit 2001 ist die Sammlung im Schaudepot Benaryspeicher untergebracht.


1891-1894 Direktor der Nationalbank von Südafrika (Transvaal)
Die Forschung zollt Knappe Respekt für sein ethnologisches Interesse und seine persönliche Haltung. Prof. Dr. Hermann Joseph Hiery schätzt ein: "Der Südsee-erfahrene deutsche Vizekonsul von Apia war einer der ersten, der die melanesische Bevölkerung relativ vorurteilsfrei und genau studierte." Knappe nahm dabei an Expeditionen teil, wie der Befahrung des unerforschten Sepik-Flusses in Neuguinea 1886. Der Katalog zu den einst rund 900 Gegenständen seiner 1889 an die Stadt Erfurt veräußerten Sammlung ist heute ein wertvoller Quellenbestand, der auch zur Wiederbelebung ursprünglicher Kulturtechniken genutzt wird. 


1894-1897 Konsul in Kanton, 1898-1905 Generalkonsul in Shanghai
Der Erwerb der Südsee-Sammlung scheint auf rechtmäßigem Wege erfolgt zu sein. Dafür sprechen allein schon die äußeren Rahmenbedingungen. Knappe verfügte auf den Marshall-Inseln nur über einen Polizisten. Alle paar Monate kam ein Kriegsschiff auf Stippvisite. Das Dutzend Deutsche, das auf dem Atoll eng mit den rund 1000 Einheimischen zusammenlebte, war auf friedliches Miteinander angewiesen. Knappe legte so zwangsläufig, aber auch aus eigenem Selbstverständnis heraus, Wert auf gute Zusammenarbeit und erlernte rasch die einheimische Sprache. Trotz der Verstrickung in einen unglücklichen Kolonialkonflikt auf Samoa 1889 wurde ihm auch auf anderen Schauplätzen deutscher Weltpolitik schon von den Zeitgenossen große Sensibilität für die indigenen Kulturen bescheinigt.


== Biographie ==
Zudem gibt es Belege für den regulären Ankauf vieler Gegenstände der Sammlung. Grundsätzlich sollte beim Erwerb von Kulturgut im Kolonialkontext statt eines einfachen Täter-Opfer-Schemas eine differenzierte Perspektive gewählt werden. Ethnologen wie Prof. Dr. Brigitta Hauser-Schäublin fordern gerade für die Südsee eine faktenbasierte und ergebnisoffene Forschung, um "komplexe Verhältnisse der Verflechtungen und Interaktionen" sichtbar zu machen. Vertreter der Geschichtswissenschaft, wie Prof. Dr. Horst Gründer, warnen ebenfalls davor, "die Geschichte der Kolonialherrschaft als ''reine'' Ausbeutungsgeschichte" darzustellen. 




'''[[Steffen Rassloff|Steffen Raßloff]]: Wilhelm Knappe (1855-1910). Staatsmann und Völkerkundler im Blickpunkt deutscher Weltpolitik.''' Jena 2005. ('''[[Publikationen des Erfurter Geschichtsvereins|Publikation des Erfurter Geschichtsvereins]]''')


[[Datei:Knappeeinband.jpg|200px|right]]
''Das Buch ist für 10 EUR im Stadtmuseum Erfurt (Johannesstraße 169) sowie per E-Mail-Bestellung erhältlich: erfurter-geschichtsverein@gmx.de''
Die Biographie des einst sehr populären Erfurter Konsuls, der durch den "Samoa-Krieg" 1889 Weltbekanntheit erlangte, schildert die teils spektakulären Lebensstationen fern der Heimat, aber auch Kindheit und Jugend in Erfurt sowie das Schicksal der Erfurter Südsee-Sammlung. Ein Anhang lässt Knappe selbst ausführlich zu Wort kommen; von ihm aufgenommene Photographien dienen zur Illustration. Schlaglichtartig werden dabei Kapitel deutscher Weltpolitik und des Imperialismus angesprochen: von der Kolonialkonkurrenz in der Südsee über den Burenkrieg bis hin zum Boxeraufstand in China. Diese Ereignisse spiegeln sich auch in Zeitzeugnissen aus Erfurt wider.


Das kulturelle Jahresthema der Stadt Erfurt lautete 2005 "Sehnsucht nach dem Paradies". Eine Ausstellung in der Kunsthalle am Fischmarkt präsentierte zahlreiche exotische Gebrauchs- und Kultgegenstände, Schmuck, Waffen, Modelle von Schiffen und Häusern, Tierpräparate u.ä. Als beeindruckendstes Exponat zog ein sechs Meter langes Auslegersegelboot mit Bastsegel die Besucher in seinen Bann. Knappe hatte 1889 jene Sammlung von ethnologischen Gegenständen an das Erfurter Städtische Museum verkauft. Seit 1890 bis in die DDR-Zeit hinein war sie im Großen Hospital, dem heutigen Volkskundemuseum, zu sehen. Heute ist die Südsee-Sammlung im Schaudepot Benaryspeicher zugänglich.


Weiterer Lesetipp:


'''[[Steffen Raßloff]]: Wilhelm Knappe (1855-1910). Staatsmann und Völkerkundler im Blickpunkt deutscher Weltpolitik.''' [http://www.glaux.de/ Glaux Verlag Jena] 2005.
Steffen Raßloff: '''[https://erfurt-web.de/images/ErfurtKolonialesErbeRassloff.pdf Koloniales Erbe in Erfurt. Ein Plädoyer für differenzierte Aufarbeitung]'''. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt 87 (2026), S. 131-145.


== Erfurts Südseekonsul zum 100. Todestag ==


Vor 100 Jahren verstarb der Erfurter Diplomat und Völkerkundler Wilhelm Knappe
Siehe auch: '''[[Erfurter Suedseesammlung|Südseesammlung]]''', '''[[Burenhaus Erfurt|Burenhaus]]''', '''[[Knappe Tongji Universität Shanghai|Tongji Universität]]''', '''[[Koloniales Erbe in Erfurt]]''', '''[[Geschichte Erfurter Museen|Museen in Erfurt]]''', '''[[Geschichte der Stadt Erfurt|Geschichte Erfurts]]'''
 
Die Stadt Erfurt verdankt ihm ihre wertvolle Südseesammlung. Einst war Konsul Knappe nicht nur deshalb eine populäre Persönlichkeit in seiner Vaterstadt. Er brachte die weite Welt an die Gera, ohne zu den Verfechtern eines aggressiven Kolonialismus zu gehören. Dennoch verwehrte ihm der Kulturausschuss des Stadtrates die Würdigung durch einen Straßennamen.
 
Von '''[[Steffen Raßloff|Dr. Steffen Raßloff]]'''
 
Die Erfurter Südseesammlung im Schaudepot Benaryspeicher gilt in Kennerkreisen als Geheimtipp. Sie umfasst zahlreiche exotische Gegenstände, Schmuck, Waffen, Modelle und Tierpräparate. Jene wertvolle Sammlung geht auf den Erfurter Wilhelm Knappe (1855-1910) zurück, der als Konsul, Kolonialbeamter und Bankdirektor in der Südsee, in Afrika und Asien wirkte. An Knappes 100. Todesjahr werden der Geschichtsverein und das Volkskundemuseum, welches die Sammlung betreut, erinnern. 
 
Knappe hatte sich den Ruf eines auf Ausgleich bedachten Akteurs im Zeitalter des Imperialismus erworben. Als erster Kaiserlicher Kommissar auf den Marschallinseln 1886 schützte er die Einwohner vor den Kokos-Handelsgesellschaften. Als Generalkonsul in Shanghai vertrat er nicht nur deutsche Interessen erfolgreich. Die englische Zeitung “Shanghai Mercury” bescheinigte Knappe 1905 unter Diplomaten außergewöhnliche Popularität. Darüber hinaus zollten ihm die Chinesen für seinen offenen Umgang Respekt. Noch heute ist er in Shanghai als Mitinitator der Tongji-Universität bekannter als in Erfurt. Bundespräsident Horst Köhler bezeichnete Knappe bei seiner Festansprache zum 100. Jubiläum der Elitehochschule 2007 als  Gründerpersönlichkeit, die die Chinesen als Partner achtete.
 
Das große Interesse für Kulturen und Sprachen stellt ebenfalls keine Selbstverständlichkeit dar. Auf Expeditionen in Papua-Neuguinea etwa sicherte Knappe kulturelle Befunde, die oft nur wenige Jahre später verloren waren. Ethnologen schätzen den Amateur-Völkerkundler, der als einer der ersten die Einheimischen “vorurteilsfrei und genau studierte”, so Südseeexperte Prof. Hermann Joseph Hiery. Im Rahmen des Erfurter Kulturjahres 2005 “Sehnsucht nach dem Paradies” wurde deshalb die Biographie Knappes dem Vergessen entrissen, dem sie in der DDR-Zeit anheim gefallen war.
 
Um so mehr zeigten sich '''[[ErfurterGeschichtsverein|Geschichtsverein]]''' und '''[[Universität Erfurt|Universität]]''' erstaunt, als der Kulturausschuss des Stadtrates Ende 2009 ihren Antrag auf einen Straßennamen ablehnte. Knappes Verdienste seien nicht ausreichend und der Vertreter des deutschen Kolonialismus dieser Ehrung nicht würdig. Sicher hat der Kolonialbeamte auch an der Unterdrückung überseeischer Völker mitgewirkt, geriet durch den Samoa-Konflikt 1889 sogar einmal in die Schlagzeilen. Aber er gehörte gerade nicht zu den imperialistischen Säbelrasslern und Rassisten. Nach Ansicht von Zeitgenossen und heutigen Wissenschaftlern hat er sich durchaus bleibende Verdienste erworben. Sollte in seiner Vaterstadt wirklich kein Platz für ein Gedenken an den Erfurter Südseekonsul sein, der am 5. Februar 1910 in Berlin verstarb?
 
(Thüringer Allgemeine vom 05.02.2010)

Aktuelle Version vom 20. April 2026, 14:01 Uhr

Wilhelm Knappe

KnappeRassloff.jpg

Der Konsul und Kolonialbeamte Wilhelm Knappe gehört zu den frühen Vertretern deutscher Weltpolitik. 1889 hat er seine bedeutende Südseesammlung seiner Heimatstadt Erfurt verkauft.


Die Biographie des einst in Erfurt sehr bekannten "Konsuls Knappe" schildert die Lebensstationen als erster Kaiserlicher Kommissar der Marshall-Inseln 1886/87, Konsul auf Samoa 1888/89, Nationalbankdirektor von Südafrika 1891-1894, Konsul in Kanton 1894/97 und Generalkonsul in Shanghai 1898-1905. Aber auch Kindheit und Jugend in Erfurt sowie das Schicksal der Erfurter Südsee-Sammlung werden vorgestellt. Ein Anhang lässt Knappe selbst ausführlich zu Wort kommen. Schlaglichtartig werden dabei zentrale Kapitel deutscher Weltpolitik und des Imperialismus angesprochen: von der Kolonialkonkurrenz in der Südsee über den Burenkrieg bis hin zum Boxeraufstand in China. Diese Ereignisse spiegeln sich auch in Zeitzeugnissen aus Knappes Heimatstadt Erfurt wider.

Seine Südsee-Sammlung hat der Jurist und Kolonialbeamte von 1886 bis 1889 zusammengetragen. Sie umfasst zahlreiche Gebrauchs- und Kultgegenstände, Schmuck, Waffen, Modelle von Schiffen und Häusern, Tierpräparate u.ä., aber auch Human Remains. Beeindruckendstes Exponat ist ein sechs Meter langes Auslegersegelboot. Knappe hatte die Sammlung 1889 an die Stadt Erfurt verkauft. Von 1890 bis in die DDR-Zeit war sie im heutigen Volkskundemuseum zu sehen. 2005 wurde sie in der vielbeachteten Ausstellung "Sehnsucht nach dem Paradies" in der Kunsthalle präsentiert. Seit 2001 ist die Sammlung im Schaudepot Benaryspeicher untergebracht.

Die Forschung zollt Knappe Respekt für sein ethnologisches Interesse und seine persönliche Haltung. Prof. Dr. Hermann Joseph Hiery schätzt ein: "Der Südsee-erfahrene deutsche Vizekonsul von Apia war einer der ersten, der die melanesische Bevölkerung relativ vorurteilsfrei und genau studierte." Knappe nahm dabei an Expeditionen teil, wie der Befahrung des unerforschten Sepik-Flusses in Neuguinea 1886. Der Katalog zu den einst rund 900 Gegenständen seiner 1889 an die Stadt Erfurt veräußerten Sammlung ist heute ein wertvoller Quellenbestand, der auch zur Wiederbelebung ursprünglicher Kulturtechniken genutzt wird.

Der Erwerb der Südsee-Sammlung scheint auf rechtmäßigem Wege erfolgt zu sein. Dafür sprechen allein schon die äußeren Rahmenbedingungen. Knappe verfügte auf den Marshall-Inseln nur über einen Polizisten. Alle paar Monate kam ein Kriegsschiff auf Stippvisite. Das Dutzend Deutsche, das auf dem Atoll eng mit den rund 1000 Einheimischen zusammenlebte, war auf friedliches Miteinander angewiesen. Knappe legte so zwangsläufig, aber auch aus eigenem Selbstverständnis heraus, Wert auf gute Zusammenarbeit und erlernte rasch die einheimische Sprache. Trotz der Verstrickung in einen unglücklichen Kolonialkonflikt auf Samoa 1889 wurde ihm auch auf anderen Schauplätzen deutscher Weltpolitik schon von den Zeitgenossen große Sensibilität für die indigenen Kulturen bescheinigt.

Zudem gibt es Belege für den regulären Ankauf vieler Gegenstände der Sammlung. Grundsätzlich sollte beim Erwerb von Kulturgut im Kolonialkontext statt eines einfachen Täter-Opfer-Schemas eine differenzierte Perspektive gewählt werden. Ethnologen wie Prof. Dr. Brigitta Hauser-Schäublin fordern gerade für die Südsee eine faktenbasierte und ergebnisoffene Forschung, um "komplexe Verhältnisse der Verflechtungen und Interaktionen" sichtbar zu machen. Vertreter der Geschichtswissenschaft, wie Prof. Dr. Horst Gründer, warnen ebenfalls davor, "die Geschichte der Kolonialherrschaft als reine Ausbeutungsgeschichte" darzustellen.


Steffen Raßloff: Wilhelm Knappe (1855-1910). Staatsmann und Völkerkundler im Blickpunkt deutscher Weltpolitik. Jena 2005. (Publikation des Erfurter Geschichtsvereins)

Das Buch ist für 10 EUR im Stadtmuseum Erfurt (Johannesstraße 169) sowie per E-Mail-Bestellung erhältlich: erfurter-geschichtsverein@gmx.de


Weiterer Lesetipp:

Steffen Raßloff: Koloniales Erbe in Erfurt. Ein Plädoyer für differenzierte Aufarbeitung. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt 87 (2026), S. 131-145.


Siehe auch: Südseesammlung, Burenhaus, Tongji Universität, Koloniales Erbe in Erfurt, Museen in Erfurt, Geschichte Erfurts