Sport Club Erfurt 1895
Sport-Club Erfurt 1895
Der FC Rot-Weiß Erfurt kann auf eine blau-weiße Vorgeschichte bis ins Jahr 1895 zurückblicken und gehört als DFB-Gründungsmitglied 1900 zu den ältesten Fußballvereinen in Deutschland.
Die Geschichte des deutschen Fußballs reicht ins späte 19. Jahrhundert zurück. Von England kommend, fand die neue Sportart rasch zahlreiche Freunde. Anfangs eher ein bürgerliches Spiel, erfasste es auch die Arbeiterschaft. Lange behielten die Vereine dabei ein klares soziales Profil, galten als Bürger- oder Arbeiterverein in den entsprechenden Stadtvierteln. Mit der Gründung des Deutschen Fußballbundes (DFB) 1900 in Leipzig erhielt der immer populärere Sport einen nationalen Dachverband. Die Tradition vieler Vereine datiert in diese Frühphase um 1900: Hannover (18)96, Darmstadt (18)98, Schalke (19)04, BVB (19)09 usw. Im Osten dagegen scheint die Geschichte vieler Traditionsvereine nur bis 1965/66 zurückzureichen. Dies erklärt sich aus den Zäsuren der DDR-Zeit: 1946 wurden alle Vereine aufgelöst und neu organisiert. Um den Jahreswechsel 1965/66 traten besonders geförderte Fußballclubs ins Leben, die das internationale Niveau des DDR-Fußballs heben sollten: BFC Dynamo, 1. FC Union Berlin, FC Vorwärts Berlin (später Frankfurt/O.), SG Dynamo Dresden (schon 1953 gegründet), FC Rot-Weiß Erfurt, Hallescher FC Chemie, FC Carl Zeiss Jena, FC Karl-Marx-Stadt, 1. FC Lokomotive Leipzig, 1. FC Magdeburg und F.C. Hansa Rostock.
Stolz feiern viele dieser Clubs 2025/26 ihr 60. Gründungsjubiläum. Dabei sollte nicht aus dem Blick geraten, dass die meisten eine weit längere Traditionslinie aufweisen. Das gilt auch für den am 26. Januar 1966 gegründeten FC Rot-Weiß Erfurt. Unmittelbarer Vorläufer, der 1966 praktisch nur umbenannt wurde, war der SC Turbine Erfurt. Nach diversen Namenswechseln (SG Erfurt-West, SG Fortuna, BSG KWU) seit 1951 unter diesem Namen antretend (zunächst als BSG, ab 1954 als SC), gehörte Turbine anfangs zu den Spitzenmannschaften und feierte 1954 und 1955 zwei umjubelte Meistertitel in der DDR-Oberliga. Hieran erinnert bis heute der Stern mit der 2 über dem RWE-Logo auf den Trikots unserer Kicker. Darüber hinaus kann RWE mit dem Sport-Club Erfurt 1895 an einen der ältesten deutschen Fußballvereine anknüpfen. Der S.C.E. gehörte zu den Gründungsmitgliedern des DFB und errang große Erfolge bis hin zur Mitteldeutschen Meisterschaft und dem Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft 1909. Die rot-weiße Vereinshistorie hat also eine bemerkenswerte blau-weiße Vorgeschichte – Vereinsfarben vom S.C.E. und Turbine waren blau-weiß. Vor dem 60. Gründungsjubiläum 2026 steht damit in diesem Jahr das 130. Gründungsjubiläum des ältesten Vorläufers an – RWE als Club mit Tradition seit 1895!
Die ersten Anfänge des Fußballs in Erfurt lassen sich schon für 1887 nachweisen. Im M.T.V., dem gutbürgerlichen Männerturnverein, wurde in diesem Jahr eine Fußballriege gegründet. Diese bestand aus ca. 20 Spielern, welche mangels Gegnern in der Stadt jedoch keine Wettkämpfe austrugen. Im Zuge der langsam populärer werdenden Sportart kam es dann 1895 zur Gründung des Cricket Club Erfurt durch Max Handwerk, Karl Wunder, Otto Tegetmeyer, Hermann Stockmann und Gustav Bätge, dem ersten Vorsitzenden. Schon ein Jahr später wurde im Vereinslokal „Sächsischer Hof“ eine Namensänderung beschlossen: Sport-Club Erfurt 1895. Schnell konnte der S.C.E. die Fußballbewegung über die Stadtgrenzen hinaus prägen. Dies zeigt sich nicht zuletzt daran, dass die einzigen Thüringer Vertreter bei der Gründungsversammlung des Deutschen Fußballbundes am 28. Januar 1900 in Leipzig vom Sport-Club Erfurt 1895 und FC Germania 1899 Mühlhausen kamen. Die Fußballer des M.T.V. hatten ihre Platzanlage auf dem Erfurter Petersberg, welche jedoch nicht für Fußball ausgelegt war. So mussten sie die Torbalken vor jedem Training und Wettkampf aus der Gaststätte „Goldenes Einhorn“ am Domplatz holen, der heutigen Stadtbibliothek. Wesentlich leichter hatten es da die Spieler des S.C.E., die seit 1903 über eine komfortable Anlage auf der Daberstedter Schanze, dem heutigen Stadtpark, verfügten. Das verdeutlicht die Verwurzelung des Clubs im wohlhabenden Bürgertum, das vorzugsweise im Süden und Südwesten der Stadt wohnte, während Arbeiter und Kleinbürger überwiegend im Osten und Norden ansässig waren.
Am 20. August 1904 wurde der Sport-Club Erfurt e.V. beim Amtsgericht Erfurt in das Vereinsregister eingetragen. In der ersten Satzung heißt es in § 1, dass man „sämtliche Leibesübungen wie Fußball, Lawn Tennis, Schwimmen, Schlagball, Laufen, Radfahren, Athletik, Fußwanderungen u.s.w.“ pflege. Aber alles als reine Amateure, worauf § 14 verweist: „Die Gelder des Vereins dürfen nur zur Anschaffung von Geräten, zur Verwaltung und Repräsentation des Clubs verwendet werden.“ Um 1900 kam es dann auch in Erfurt zu vielen Neugründungen von Fußballvereinen, wie Britannia, Teutonia, Germania, Borussia, Concordia, Alemannia, Normannia, Erfordia, Wacker, Einigkeit oder Frischauf. Man spielte oftmals mit eigenen Regeln, und die Teilnahme an Training und Spielen richtete sich nach Lust und Zeit. Stand der Reiz des neuen Spiels anfangs noch im Vordergrund, so gewann auch der Wettkampfcharakter an Bedeutung. Lange besaß dabei der S.C.E. eine dominante Stellung. Siebenmal in Folge, von 1903 bis 1909, wurde er Gaumeister Thüringens. Die Gauliga wurde als erster regelmäßiger Spielbetrieb vom Verband Thüringer Fußball-Vereine ausgerichtet.
Nachdem der Sport-Club 1908 erstmals an der im Pokalmodus ausgetragenen Endrunde um die Mitteldeutsche Meisterschaft teilnehmen durfte, gewann er diese ein Jahr später nach Siegen über den Chemnitzer BC (3:1) und den Dresdner SC (7:2) am 9. Mai 1909 in Leipzig mit einem 5:4 im Finale gegen den Halleschen Fußballclub von 1896 (heute VfL Halle 96). Nun nahm der S.C.E. an der Endrunde der acht regionalen Titelträger um die Deutsche Meisterschaft teil. Nach einem 4:3 n.V. gegen SC Alemannia Cottbus gelangte man ins Halbfinale am 23. Mai 1909 in Frankfurt/M. Dort unterlag der Club dem späteren Deutschen Meister FC Phönix Karlsruhe, Vorläufer des KSC, mit 1:9. Mitteldeutscher Meister und Halbfinale der Deutschen Meisterschaft blieben der größte Erfolg der Vereinsgeschichte. Bei den folgenden acht Teilnahmen an der Mitteldeutschen Meisterschaft rückte der Club zwar 1910 nochmals ins Finale und danach mehrfach ins Halbfinale vor, konnte den Titelgewinn aber nicht wiederholen.
Aufgrund immer neuer Beitritte von Vereinen in den Verband Mitteldeutscher Ballspiel-Vereine (VMBV), der die Meisterschaften ausrichtete, kam es zu strukturellen Anpassungen. So erfolgte 1909 die Einrichtung einer Gauliga Nordthüringen. Auch dort wurde der S.C.E. 1910, 1911, 1912, 1914, 1917 und 1918 Meister. Seit 1910 spielte er nicht mehr auf der Daberstedter Schanze, sondern im eigenen Sportpark westlich der Cyriaksburg auf dem heutigen egapark-Gelände. Die Voraussetzung dafür hatte Mäzen Alfred Hess mit dem Ankauf des Geländes geschaffen. Der Sportpark wurde bis 1921 zu einem Stadion mit überdachter Tribüne für 600 Zuschauer und Aschenbahn, zwei Zusatzplätzen, Tenniscourts und Turnanlagen ausgebaut. Unweit der mondänsten Wohnlagen um die Cyriakstraße gelegen, veranschaulicht es noch einmal den bürgerlichen Charakter des Clubs. Mit dem Ersten Weltkrieg 1914–1918 wurden die Spiele um die Mitteldeutsche Meisterschaft eingestellt, weil es für die Vereine immer schwieriger wurde, eine Mannschaft aufzustellen. Beim S.C.E. fielen mehr als 100 Vereinsmitglieder, was einem Fünftel der Mitgliedschaft entsprach. In jenen Jahren trug man auch sogenannte Kriegsgaumeisterschaften aus. Als Kriegsfürsorge wurde ein Teil der Einnahmen gespendet oder direkt an die Front geschickt. Das Endspiel um die Kriegsgaumeisterschaft Thüringen am 17. Mai 1917 gewann der S.C.E. gegen den 1. SV Jena 2:1. Das gleiche Finale ein Jahr später konnte Jena mit 3:1 für sich entscheiden. Hier scheint bereits die zwischen Gera und Saale wechselnde Vorherrschaft jener beiden Traditionsvereine in Thüringen schlaglichtartig auf, aus denen Rot-Weiß Erfurt und Carl Zeiss Jena hervorgehen sollten.
Nach dem Krieg wurden wieder Mitteldeutsche Meisterschaften ausgetragen. Jetzt dominierten Mannschaften aus Dresden, Leipzig und Halle. In Erfurt spielte Fußball nicht mehr die erste Rolle, mehr Zuschauer kamen etwa zu den Radrennen im Andreasried. Der S.C.E. lief weiter in seinem gepflegten Sportpark auf und dachte auch angesichts überschaubarer Zuschauerzahlen nicht an einen Umzug in die neue Mitteldeutsche Kampfbahn. Das Stadion war als eines der Großprojekte der „Goldenen Zwanziger“ der Weimarer Republik am 17. Mai 1931 eröffnet worden. Erst ab 1948 sollte das nunmehrige Georgij-Dimitroff-Stadion, seit 1991 Steigerwaldstadion, zur Heimstatt der S.C.E.-Nachfolgevereine Turbine und RWE werden. Die Zahl der meist gutsituierten bürgerlichen Mitglieder stieg in den 1920er-Jahren auf bis zu 1.300 beständig an. Dazu trug maßgeblich der bereits erwähnte jüdische Schuhfabrikant und Ehrenvorsitzende Alfred Hess bei, bekannt auch für sein Engagement um die moderne Kunst in Erfurt. Der Sport-Club war damit einer der größten und finanzstärksten Vereine im mitteldeutschen Raum. So konnte er ein Grundstück an der Ecke Rudolf- und Heinrichstraße kaufen, das mit einem Clubhaus nahe der eigenen Sportstätte bebaut wurde. Im „Clubhaus Cyriaksburg“ stieg im Sommer 1924 die Einweihungsfeier. Das spätere Kulturhaus des VEB Funkwerk Erfurt ist heute Versammlungsort einer Kirchgemeinde.
Noch sechsmal konnte der S.C.E. die Meisterschaft in der nach dem Krieg als höchste Klasse ausgespielten Kreisliga Thüringen (1919, 1920) und in der 1923 wieder gebildeten Gauliga Nordthüringen (1924, 1927, 1932, 1933) gewinnen. Maßgeblich mit hierfür verantwortlich zeichnete Hans Carl, der spätere Meistertrainer von Turbine 1954 und 1955. Der gebürtige Erfurter kickte seit seinem 15. Lebensjahr beim Sport-Club und kam als universeller Spieler auf über 700 Einsätze als Torwart, Verteidiger, Mittelläufer und Stürmer. Die große Spieler- und Trainerpersönlichkeit verkörpert die Kontinuität vom S.C.E. zu Turbine und RWE. Allerdings büßte der Verein seine Dominanz allmählich ein. Er musste sich v.a. des großen Rivalen SpVgg Erfurt erwehren, 1902 als Teutonia gegründet und 1912 mit Germania zur SpVgg (Spielvereinigung) fusioniert. Die SpVgg wurde 1922 Thüringer Kreismeister und fünfmal Nordthüringer Gaumeister (1916, 1925, 1926, 1929, 1930). Aus dem Verein in der nördlichen Arbeitervorstadt gingen die BSG Umformtechnik und der heutige FC Erfurt Nord hervor. Auch der am Johannesplatz beheimatete VfB Erfurt (bis 1915 FC Britannia) konnte 1928 einen Gaumeistertitel feiern. Ihm schloss sich mit Fußballlegende Helmut Nordhaus der spätere Kapitän der Turbine-Meistermannschaft an.
Im Dritten Reich wurde 1933 die Gauliga Mitte als eine von 16 obersten Ligen im Wesentlichen aus dem heutigen Thüringen und Sachsen-Anhalt gebildet. Hier wechselten sich über Jahre der 1. SV Jena und der SV Dessau 05 als Meister ab, die sich nun direkt für die Spiele um die Deutsche Meisterschaft qualifizierten. Der S.C.E. dagegen stieg nach zwei Mittelfeldplätzen 1936 erstmals ab. Hierauf folgten mehrfach Auf- und Abstieg. Ab 1941 konnte man sich im Mittelfeld der Liga etablieren. Freilich warf nun der Zweite Weltkrieg 1939–1945 seine Schatten immer dunkler über den Sport. Die Saison 1944/45 kam schließlich nach wenigen Spieltagen zum Erliegen. Nach Kriegsende im Mai 1945 blieben Wettkämpfe zunächst verboten. Am 12. April 1945 von der US-Armee besetzt, kam Erfurt im Juli 1945 zur Sowjetischen Besatzungszone, aus der 1949 die DDR hervorging. Das hatte die eingangs skizzierten Veränderungen im Fußball zur Folge. Auf Anordnung des Alliierten Kontrollausschusses wurde der Sport-Club Erfurt e.V. am 13. April 1946 aus dem Vereinsregister gelöscht. Als wenig später der Spielbetrieb wieder zugelassen wurde, erfolgte im Sportpark an der Cyriaksburg die Wiedergründung als SG Erfurt-West v.a. mit Spielern von S.C.E. und VfB. Nach den Umbenennungen in Fortuna, KWU und Turbine sowie dem Umzug ins heutige Steigerwaldstadion ging die Tradition des Sport-Club Erfurt 1895 schließlich 1966 auf den FC Rot-Weiß Erfurt über.
Michael Kummer / Steffen Raßloff: Sport-Club Erfurt 1895. Die blau-weiße Vorgeschichte des FC Rot-Weiß Erfurt, in: 1966er 1/2025, S. 35-39.
Siehe auch: FC Rot-Weiß Erfurt, Geschichte der Stadt Erfurt