Notgeld Erfurt

Erfurter Notgeld

Beitrag der Serie Außen Quadrat - Innen Biedermeier von Dr. Steffen Raßloff (31.10.2009)


Beliebtes Notgeld

Außen Quadrat - Innen Biedermeier (7): Das Notgeld der Nachkriegszeit wurde rasch beliebtes Sammlerobjekt


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Die Notgeldscheine der frühen 1920er Jahre reagierten ursprünglich auf den Münzmangel der Kriegszeit. Künstlerisch ansprechend gestaltet wurden sie aber rasch zu begehrten Sammlerobjekten. Erfurter Notgeldserien von 1920/21 erregten sogar große Diskussionen, die im Zusammenhang der “Erfurter Museumsfrage” zu sehen sind.

Viele Erfurter haben sie noch in ihrem Familienschatz, die kleinen bunten Notgeldscheine mit Motiven aus der Erfurter Altstadt, zur Kunstgeschichte und zum Leben Luthers. 1920/21 waren sie gedruckt worden, um den Mangel an Münzen auszugleichen. Dieser Mangel hatte verschiedene Ursachen, die in die Zeit des Ersten Weltkrieges 1914/18 zurück gehen. Die größeren Silbermünzen waren wegen ihres hohen Materialwertes und der beginnenden Inflation in den Sparstrümpfen vieler Bürger verschwunden. Kleinere Münzen aus Kupfer, Nickel, Zink und Eisen überstiegen auch bald ihren aufgeprägten Nominalwert und wurden für Kriegszwecke eingezogen.

Aus dem Notgeld im Sinne von Mangel an Münzen wurde nach Kriegsende bald ein begehrtes Objekt für Sammler. Das blieb den Kommunen und Notgeldfabrikanten nicht verborgen, so dass sich eine regelrechte Notgeld-Kultur entwickelte. Viele Städte und Gemeinden legten großen Wert auf originelle, anspruchsvolle Motive, für die angesehene Künstler engagiert wurden. Meist präsentierten die Kommunen historische Bau- und Kunstwerke, wichtige Persönlichkeiten, markante Besonderheiten in Natur, Brauchtum oder Sagenwelt.

Die beiden Erfurter Notgeldserien von 1920/21, die in der aktuellen Ausstellung des Stadtmuseums zu sehen sind (siehe Abb.), fielen bereits in die Zeit der Notgeld-Konjuktur, die fast nur noch Sammlerzwecken diente und die gebeutelten Kassen der Kommune aufbessern sollte. Die große Beliebtheit der kleinen Scheine und ihr Repräsentationscharakter für die Stadt erklären auch, warum die beiden Serien zu einem echten Politikum im Zusammenhang der “Erfurter Museumsfrage” der 1920er Jahre werden konnten.

Museumsdirektor Walter Kaesbach hatte das heutige Angermuseum nicht zuletzt dank der Unterstützung des jüdischen Schuhfabrikanten Alfred Hess zu einem Zentrum der kulturellen Moderne, besonders des Expressionismus gemacht. Unterstützung fand er bei Oberbürgermeister Bruno Mann. Allerdings sahen das große Teile der Bürgerschaft gänzlich anders, so dass sich die Anhänger von Moderne und Tradition um das Museum heftige Auseinandersetzungen lieferten. Daher waren die Reaktionen auf die Notgeldscheine auch sehr gespalten, hatte sie doch auf Kaesbachs Empfehlung hin der Erfurter Expressionist Alfred Hanf gestaltet. Heute freilich sind die Kleinkunstwerke mehr denn je beliebte Sammlerobjekte, die an Erfurts Zeit als Brennpunkt der klassischen Moderne erinnern.


Siehe auch: Erfurt in der Weimarer Republik