Franzos Mitschnitt

Erfurt macht in Blumen

Der beliebte Reiseschriftsteller Karl Emil Franzos beschrieb 1901 die Blumenstadt Erfurt, 2021 Austragungsort der Bundesgartenschau.


Franzos.png

„Erfurt - wie wär`s? Eine Geschäftsstadt, ja, aber sie ‚macht‘ in Blumen, das ist doch eine hübsche Ware. ... Zudem ist ja Erfurt uralt, eine Hansastadt, da kann`s gar nicht nüchtern sein. ... Der heilige Bonifacius, und - Bismarck im Unionsparlament und dazwischen die Universität und Dalberg, der Kur-Erzkanzler. ... Freilich nach Erfurt, hübsch ist`s in Erfurt, ja, ja, du, tu`s!“

Man mag dem beliebten Berliner Journalisten und Reiseschriftsteller Karl Emil Franzos (1848-1904) auch heute nur allzu gerne Recht geben, wenn er sich im August 1901 im Zug von Wittenberg kommend mutig für einen Stopp an der Gera entschied. Erfurt galt seinerzeit noch eher als graue Geschäftsstadt. Von der großen Geschichte der Metropole Thüringens, 742 in einem Brief des Missionars Bonifatius erstmals erwähnt, hatte Franzos immerhin schon gehört. Und er wusste wie viele Zeitgenossen, dass die moderne Industriestadt mit ihren Gartenbaubetrieben zugleich den Ruf einer „Blumenstadt“ erlangt hatte.

Franzos, bekannt durch die Herausgabe der Werke Georg Büchners, hat seinen Entschluss nicht bereut – und wir verdanken ihm sehr lebendige Schlaglichter auf die Blumenstadt Erfurt anno 1901. Reisereportagen waren damals sehr in Mode. Franzos reiste kreuz und quer durch Mitteldeutschland, seine Eindrücke zu Papier bringend. Er verband dabei plaudernde Gegenwartsschilderungen mit gründlich recherchierter Geschichte. Zunächst in der Presse zu lesen, erschienen die Reisebilder 1903 als Buch unter dem Titel „Aus Anhalt und Thüringen“. Vor wenigen Jahren gab der Sutton Verlag den Bericht über Erfurt noch einmal in einer illustrierten Neuauflage heraus (s.u.).

Nach Aufenthalten in Zerbst, Dessau, Wörlitz und Wittenberg erreichte Franzos Erfurt, das „Herz Thüringens“. Der erste Eindruck ist jedoch nicht gerade verheißungsvoll: „Vor dem Bahnhof ein enges, von häßlichen Häusern und Holzverschlägen umschlossenes Plätzchen.“ Auch der weitere Weg durch die Bahnhofstraße erweckt noch den Eindruck einer „nüchternen Geschäftsstadt“, die wenig auf Touristen eingestellt ist. Freilich hätte sich ihm nur wenig später ein ganz anderes Bild geboten. Denn 1905 entstand mit dem Hotel „Erfurter Hof“ eine würdige Visitenkarte gegenüber dem Bahnhof, damals noch für die meisten Reisenden das Tor zur Stadt.

Rasch jedoch sollte sich Franzos mit der aufblühenden Großstadt anfreunden, die fünf Jahre später ihren einhunderttausendsten Bürger freudig begrüßen konnte. Natürlich fesselte ihn die Mittelaltermetropole in reizvoller Umgebung, die auch heute die Anziehungskraft Erfurts ausmacht. Fast schon wehmütig formulierte er beim Abschied: „Wie bisher in der Wirklichkeit, so fahre ich nun in Gedanken wieder auf den Steiger und durch die Blumenfelder und gehe wieder über den Anger und den Domplatz und durch das Gewirr enger Gäßchen, bedächtig und andächtig und der Sehnsucht voll.“

Gerade die herrlichen bunten Blumenfelder, die sich seinerzeit noch rund um die Stadt erstreckten, hatten es Franzos angetan. Für ihn ist Erfurt eine Insel im „Meer von berauschend duftenden, in allen Farben leuchtenden Blüten: Rosen und Feilchen, Reseden, Levkojen und Tulpen, Balsamienen“. Schon der erste Eindruck vom Steiger her begeisterte den Berliner: „Das schimmerte nur so von Farben, und selbst mit dem Feldstecher besehen, war`s wie ein Regenbogen, der dort vom Himmel gesunken und nun fest gebannt auf der Erde lag – so aus der Ferne ein phantastisches Bild, aber noch wunderbarer aus der Nähe.“ Jene „größten Blumenfelder auf deutscher Erde“ seien einzigartig!

An dem authentischen Bericht sieht man auch, wie der Gartenbau zunehmend zum Imagefaktor im aufstrebenden Fremdenverkehr wurde und die Gartenbaubetriebe geradezu zu beliebten Tourismuszielen aufrückten. Franzos geht sogar so weit zu behaupten, was die Menschen nach Erfurt ziehe, seien der „Dom und die Blumenzucht“. Und er besucht eifrig die Gärtnereien, „die kleinste eine gewaltige Plantage, die größten mit ihrem Gewirr von Beeten, Feldern und Gewächshäusern unübersehbar und die Sinne verwirrend“. Auch heute noch ziehen Traditionsunternehmen wie Chrestensen und Haage nicht nur Gartenfreunde in ihren Bann.

120 Jahre nach dem Besuch von Karl Emil Franzos wird Erfurt die Bundesgartenschau 2021 ausrichten. Sicher wäre der beliebte Reisejournalist dann wieder in die Blumenstadt gekommen. Ihm wäre aufgefallen, dass Erfurt längst ein attraktives Tourismusziel geworden ist, das mit dem egapark samt Gartenbaumuseum seit 1961 über ein einzigartiges grünes Zugpferd verfügt. Immerhin hatte Franzos schon die Anfänge der Parkanlagen an der Cyriaksburg mit ihren „hübschen Spazierwegen und Ruhepunkten“ gewürdigt. Die über den Petersberg bis in die nördliche Geraaue ausgedehnte Buga-Parklandschaft wird Erfurt noch schöner machen. Das hätte Karl Emil Franzos bestimmt wieder ins Schwärmen gebracht. (Foto aus: Gustav Könnecke: Bilderatlas zur Geschichte der deutschen Nationallitteratur. Marburg 1895. S. 417)


Steffen Raßloff: "Erfurt macht in Blumen". Der Reiseschriftsteller Karl Emil Franzos und die Blumenstadt anno 1901. In: BUGA - Mitschnitt des Jahres 2016. Hg. Verein Freunde der Bundesgartenschau Erfurt 2021 e.V. und BUGA Erfurt 2021 gGmbH. Erfurt 2017. S. 49 f.


Lesetipp:

Karl Emil Franzos: Erfurt. Ein Reisebericht aus dem Jahre 1901. Mit einem Vorwort von Steffen Raßloff. Erfurt 2008.


Siehe auch: Bundesgartenschau 2021