Deserteursdenkmal Erfurt

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Deserteursdenkmal Erfurt

Beitrag aus der Serie Denkmale in Erfurt aus der Thüringer Allgemeine von Dr. Steffen Raßloff (2011)


Den Opfern der NS-Militärjustiz

DENKMALE IM ERFURT (5): Das Deserteurs-Denkmal von Thomas Nicolai erinnert an die Geschichte des Petersberges als Ort der NS-Militärjustiz. An diesem Denkmal haben sich heftige Diskussionen entzündet.


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Am 11. April 2010 präsentierte das Stadtmuseum eine Wanderausstellung zur Wehrmachtsjustiz. Ausstellungsort war die Peterskirche. Der Petersberg, einst Heimstatt eines bedeutenden Benediktinerklosters, war seit seiner Umformung zur kurmainzischen Zitadelle ein Ort des Militärs. Mainzer, kaiserliche und preußische Truppen, Polizei, Reichswehr und Wehrmacht haben diese Anlage 300 Jahre geprägt. In der Zeit des Dritten Reiches befand sich im Kommandantenhaus seit 1935 ein Militär- bzw. Kriegsgericht. Dieses verurteilte während des Zweiten Weltkrieges bis zu 60 Deserteure zum Tode. Im Keller der Defensionskaserne waren die Arrestzellen untergebracht. Die Zitadelle Petersberg ist damit ein authentischer Erinnerungsort an die „unheilvolle Wehrmachtsjustiz“, wie der Historiker Prof. Wolfgang Benz das Wirken deutscher Militärgerichte charakterisiert hat.

Hieran erinnert seit dem 1. September 1995 das „Denkmal für den unbekannten Wehrmachtsdeserteur“. Es befindet sich im Festungsgraben zwischen den Bastionen Leonhard und Philipp. Der Erfurter Künstler Thomas Nicolai hat ein abstraktes Denkmal geschaffen, an dem sich die Geister durchaus scheiden. Zu sehen sind zwei parallele Reihen von acht Metallstelen. Nur eine der wie Soldaten in disziplinierter Haltung wirkenden Stelen ist individuell geformt und soll den Deserteur darstellen. Eine Bronzetafel im Boden ehrt die rund 20.000 Opfer der Militärgerichte: „Dem unbekannten Wehrmachtsdeserteur - Den Opfern der NS-Militärjustiz - Allen die sich dem Naziregime verweigerten.“

Die teils heftigen Reaktionen verwiesen seinerzeit auf die ungebrochene Brisanz der Thematik. In Tagespresse und Zeitschriften lieferten sich Befürworter und Gegner hitzige Debatten. So erklärte der Direktor des Erfurter Stadtarchivs Dr. Rudolf Benl in einem Leserbrief, dass er den „Trieb“ zur Lebenserhaltung nicht für „ehrenhaft oder gar ehrenswert“ erachte. Er „gedenke lieber derer, die bei ihren Kameraden ausgeharrt haben“ und notfalls ihr Leben opferten. Prof. Siegfried Wolf betonte dagegen, die Deserteure der Wehrmacht seien „von der Art gewesen, wie sie 1945 an den Rückzugsstraßen an den Bäumen hingen. Sie waren es leid, das sinnlose Sterben zu verlängern. Und Angst hatten sie auch. Hätten sie Helden für Hitler sein sollen?“ Es besteht also bis heute kein Konsens, auch wenn die Wehrmachtsdeserteure 2002 offiziell vom Bundestag rehabilitiert wurden. Umso wichtiger ist deshalb nach wie vor die öffentliche Diskussion, die sich auch am Erfurter Deserteurs-Denkmal entzündet hat.


Siehe auch Der Petersberg in der NS-Zeit