Petersberg NS-Zeit

Die Zitadelle Petersberg in der NS-Zeit

Der Petersberg weist als herausragendes Kulturdenkmal auch einige Erinnerungsorte an die Verbrechen der NS-Diktatur auf.


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Die Zitadelle Petersberg im Herzen der thüringischen Landeshauptstadt gehört zu den touristischen Perlen der Region, die seit 1989/1990 mit viel Aufwand saniert wurde und wird. In erster Linie bringt man sie heute mit bau- und kulturhistorischen Aspekten bzw. der älteren Festungs- und Militärgeschichte in Verbindung. Zwei authentische Orte erinnern dort aber auch an NS-Diktatur und Zweiten Weltkrieg 1933-1945. Es sind dies die ehemalige Haftanstalt auf dem Festungsplateau und das Denkmal für den unbekannten Wehrmachtsdeserteur im Festungsgraben. Sie gehören zu den relativ wenigen Zeugen im öffentlichen Raum, die an jenes dunkle Kapitel deutscher Geschichte in Erfurt erinnern.

Große Teile auch der Erfurter Bevölkerung, insbesondere seiner bürgerlichen Schichten, hatten in der "Machtergreifung" des Nationalsozialismus 1933 zunächst einen Ausweg aus der fundamentalen Krise der Weimarer Republik gesehen. (1) In geschickter Verbindung von "Verführung und Gewalt" gelang es den neuen Machthabern, ihre Position rasch zu festigen. (2) Zu den wichtigsten Ereignissen zählte hierbei der 1. Mai 1933, erstmals offizieller Feiertag in Deutschland, der zum Symbol für die neue "nationale Volksgemeinschaft" werden sollte. Nach berauschenden Massenveranstaltungen, in die auch die Gewerkschaften einbezogen worden waren, erfolgte am Morgen des 2. Mai die Zerschlagung der Freien Gewerkschaftsorganisation und die Verhaftung führender Gewerkschaftsvertreter. Vom "Volkshaus" in der Johannesstraße 55 wurden sie von der SA durch die Stadt auf den Petersberg getrieben, wo man sie im Polizeigefängnis festhielt und auch misshandelte.

Auf derartige Gewaltmethoden des Dritten Reiches und ihre Opfer weist eine noch aus der DDR-Zeit stammende Gedenktafel an dem wenig einladenden Klinkerbau-Komplex aus dem Jahre 1913 hin, der sich unmittelbar an die ehemalige Hauptwache der Festung anschließt. Das ehemalige Militärarrestgebäude hatte die Schutzpolizei nach dem Ersten Weltkrieg von der Reichswehr übernommen und als Polizei-Haftanstalt eingerichtet. Es bot Platz für über 60 Gefangene in 19 Einzel- und drei Gemeinschaftszellen. Sofort nach der "Machtergreifung" 1933 war mit der Ausweitung der polizeilichen Haftbefugnisse ("Schutzhaft") und dem Festhalten von Gefangenen teils weit über die bisherige 24-Stunden-Frist hinaus begonnen worden. So wurden die Haftanstalten der rasch "gleichgeschalteten" Polizei zu berüchtigten NS-Täterorten, von denen der Weg für viele Inhaftierte direkt in die Gestapo-Einrichtungen und Konzentrationslager führte. (3) Die Möglichkeit, jederzeit von der Polizei verhaftet und unbefristet in eines der Gefängnisse wie das auf dem Petersberg verbracht zu werden, gehörte zu den zentralen Elementen des NS-Unrechtsstaates.

Der Petersberg war über Jahrhunderte ein Ort des Militärs, der kurmainzischen und kaiserlichen, französischen, preußischen und schließlich Wehrmachtseinheiten. Während des Dritten Reiches befand sich hier auch die Stadtkommandantur und seit 1935 im Kommandantenhaus das Erfurter Kriegsgericht sowie dazugehörige Arrestzellen im Keller der großen Defensionskaserne. Im Festungsbereich kam es zur Erschießung von einigen der rund 50 "Fahnenflüchtigen", die auf dem Petersberg von Militärrichtern verurteilt worden waren. (4)

Seit dem 1. September 1995 weist das Denkmal für den unbekannten Wehrmachtsdeserteur auf diese Vorgänge hin (siehe Abb., Foto: Dr. Steffen Raßloff). Es befindet sich im Festungsgraben zwischen den Bastionen Leonhard und Philipp. Der junge Künstler Thomas Nicolai hat dort an ruhiger, abseits der Touristenströme gelegener Stelle ein Denkmal geschaffen, das sich den klassischen Konventionen verweigert und nicht auf den ersten Blick seinen Bedeutungsgehalt frei gibt. Zu sehen sind zwei parallele Reihen von insgesamt acht Metallstelen; nur eine der ansonsten wie Soldaten in starrer, disziplinierter Haltung wirkenden Stelen ist individuell geformt und soll den Deserteur symbolisieren. Eine Bronzetafel im Boden vermittelt die Intention: "Dem unbekannten Wehrmachtsdeserteur - Den Opfern der NS-Militärjustiz - Allen die sich dem Naziregime verweigerten." Der Text schließt mit einem Zitat von Günter Eich: "Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt."

Die teils heftigen Reaktionen auf seine Errichtung verweisen auf die ungebrochene Brisanz der Thematik, der sich das Denkmal widmet. Desertion bzw. "Fahnenflucht" ist ein Phänomen, das sich bis in die Anfänge der Militärgeschichte zurückverfolgen lässt. In der Regel wurde es entweder strikt verurteilt oder verdrängt, da es "den archimedischen Punkt politischer Herrschaft" berührt, "den Anspruch auf die Ausübung legitimer Gewalt" mit Dienstverpflichtung bis hin zum Einsatz des Lebens. (5) Trotz weiter zurückreichender pazifisitsicher Traditionen wurde erst in der Zeit der Weimarer Republik in Deutschland eine heftige öffentliche Debatte angestoßen, wobei Kurt Tucholskys vielzitierter Satz "Soldaten sind Mörder" (1931) die deutlichste Anklage militärischer Gehorsamspflicht v.a. im Krieg darstellte. (6) Im Dritten Reich besaßen solche ohnehin nie mehrheitsfähigen Positionen mit der Verfolgung jeglicher Art von "Wehrkraftzersetzung" kein Forum mehr.

Auch über die Einordnung von Desertion aus der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, während dessen man hunderttausende Fälle von "Fahnenflucht" schätzt und rund 15.000 Todesurteile vollstreckt wurden, besteht ganz offensichtlich bis heute kein Konsens. Über dreieinhalb Jahrzehnte mussten die Wehrmachtsdeserteure warten, bis man ihr Schicksal überhaupt öffentlich zur Kenntnis nahm. Dies lag nicht zuletzt an den zahlreichen Nachkriegskarrieren ehemaliger Militärjuristen, unter denen der 1978 wegen seiner Vergangenheit als Marinerichter zurückgetretene Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Hans Filbinger, herausragte. Erst zu Beginn der 1980er Jahre kam eine breite und kontroverse Debatte zustande, die schließlich zur gesetzlichen Rehabilitierung der Deserteure durch den Bundestag im Mai 1999 führte. Die historische Forschung hat parallel dazu die Vielfalt von Ursachen und Motivationen der Desertion, die rigide Praxis der deutschen Militärjustiz sowie die zunehmende Sinnlosigkeit des z.T. von halben Kindern und alten Männern ("Volkssturm") getragenen Kampfes in den letzten Kriegsmonaten herausgearbeitet. Ein allgemeiner Konsens in der Desertions-Frage war damit freilich nicht verbunden.

Das Spektrum öffentlichen Andenkens an Wehrmachts-Deserteure reicht auch in Erfurt von allzu undifferenzierter Glorifizierung über das Betonen einer moralischen Berechtigung, sich offensichtlich verbrecherischen oder sinnlosen Befehlen bzw. Befehlshabern zu entziehen, bis hin zu klarer Ablehnung im Geiste alter "Heldenbilder". Eine Kontroverse in der Zeitschrift Stadt und Geschichte aus den Jahren 1999/2000 macht dies schlaglichtartig deutlich.

Auf eine wohlwollende Vorstellung, die Unverständnis über den "Widerstand [...] gegen Schaffung und Aufstellung des Denkmals" äußerte (7), reagierte ein Leser mit der Feststellung, dass er "Fahnenflucht" und den "Trieb" zur Lebenserhaltung nicht für "besonders ehrenhaft oder gar ehrenswert" halte. Er "gedenke lieber derer, die ausgeharrt haben - das heißt doch auch: bei ihren Kameraden ausgeharrt haben - und ihre Bereitschaft, notfalls das Leben hinzugeben, schließlich in der bittersten Weise einlösen mußten". (8) Hierauf erwiderte ein anderer Leser, dass "die Wehrmacht ein Instrument des Vernichtungskrieges der Nazis" gewesen sei und damit die Treue zur (Hakenkreuz-)Fahne ihm nicht als besonders ehrenhaft gelte. Zudem seien viele "Deserteure der Wehrmacht [...] von der Art [gewesen], wie sie 1945 an den Rückzugsstraßen an den Bäumen hingen. Sie waren es leid, das sinnlose Sterben zu verlängern. Und Angst hatten sie auch. Hätten sie Helden für Hitler sein sollen?" (9)

Solche kontroversen Diskussionen, die auch von ästhetisch-künstlerischen Argumentationen bzw. Bedenken begleitet wurden (10), belegen die Notwendigkeit von Erinnerungsorten, die zu kommunikativen Brennpunkten umstrittener Kapitel der jüngeren Geschichte werden können, eben zu echten Denkmalen. Dies gilt in besonderen Maße für die Stadt Erfurt, in der dank vergleichsweise geringer Zerstörungen - Luftkrieg und Kampfhandlungen waren dennoch schlimm genug (11) - und dem Fehlen demonstrativer NS-Architektur und Terrororte heute kaum mehr etwas auf den ersten Blick an die Zeit des Dritten Reiches und Zweiten Weltkrieges gemahnt. Von daher sind auch die Bemühungen um die Zukunft des Geländes von "Topf & Söhne", Hersteller der Öfen von Auschwitz, oder die Aufarbeitung der einstigen Nutzung von Teilen des Landtagsgebäudes in der Arnstädter Straße durch die Gestapo (seit 1938) sehr zu begrüßen.


(1) Steffen Raßloff: Flucht in die nationale Volksgemeinschaft. Das Erfurter Bürgertum zwischen Kaiserreich und NS-Diktatur (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen. Kleine Reihe Bd. 8). Köln/Weimar/Wien 2003.

(2) Steffen Raßloff: Verführung und Gewalt. Erfurt im Nationalsozialismus. In: Stadt und Geschichte. Zeitschrift für Erfurt 24 (2004). S. 3-5.

(3) Andrea Herz/Wolfgang Fiege: Haft und politische Polizei in Thüringen 1945-1952. Erfurt 2002.

(4) Frank Lipschik: Erinnerungsorte an die Zeit des Nationalsozialismus. In: Stadt und Geschichte. Zeitschrift für Erfurt 24 (2004). S. 6 f.

(5) Ulrich Bröckling/Michael Sikora (Hg.): Armeen und ihre Deserteure. Vernachlässigte Kapitel einer Militärgeschichte der Neuzeit. Göttingen 1998. S. 7.

(6) Michael Hepp/Viktor Otto (Hg.): "Soldaten sind Mörder". Dokumente einer Debatte 1931-1996. Berlin 1996.

(7) Gerhard Herz: Denkmale in Erfurt - Der unbekannte Deserteur. In: Stadt und Geschichte. Zeitschrift für Erfurt 4 (1999). S. 22.

(8) Leserbrief von Dr. Rudolf Benl. In: Stadt und Geschichte. Zeitschrift für Erfurt 6 (2000). S. 23.

(9) Leserbrief von Prof. Dr. Siegfried Wolf. In: Stadt und Geschichte. Zeitschrift für Erfurt 7 (2000). S. 27.

(10) Leserbrief von Oberbürgermeister Manfred Ruge mit Bezug auf den Beitrag von Frank Lipschik (Anm. 4). In: Stadt und Geschichte. Zeitschrift für Erfurt 26 (2005). S. 30.

(11) Helmut Wolf: Erfurt im Luftkrieg 1939-1945 (Schriften des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt. Bd. 4). Jena 2005.


Text: Steffen Raßloff: Die Zitadelle Petersberg als Erinnerungsort an NS-Diktatur und Zweiten Weltkrieg. In: Heimat Thüringen 2-3/2005. S. 42-44.


Siehe auch Erfurt im Nationalsozialismus, Petersberg, Deserteursdenkmal Erfurt, Gefängnis Petersberg