Arbeiterbewegung und Preußen: Unterschied zwischen den Versionen

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[[Datei:Bebelwanderstock.jpg|350px|right]]Die Reichstagswahl vom 12. Januar 1912 war ein großer Triumph für die SPD. Trotz staatlicher Repressalien und Anfeindungen als „rote Umsturzpartei“ war die Arbeiterpartei an der Wahlurne seit Jahrzehnten von Sieg zu Sieg geeilt. Mit der letzten Reichstagswahl des Kaiserreiches wurde diese Entwicklung gekrönt. Die SPD erhielt jetzt über vier Millionen Stimmen (34,8 Prozent) und damit so viele wie noch nie zuvor eine Partei. Trotz wahlrechtlicher Benachteiligungen stellte sie auch zum ersten Mal mit 110 Abgeordneten die stärkste Fraktion. Die sozialdemokratische Hochburg Erfurt leistete hierzu ihren Beitrag. Schon 1890 hatte der SPD-Kandidat 52,7 Prozent erzielt. Im Stadtgebiet errangen die Sozialdemokraten seither meist absolute Mehrheiten. 1912 gelangte nun auch erstmals der SPD-Kandidat, Volksschullehrer Heinrich Schulz, im preußischen Wahlkreis Erfurt-Schleusingen-Ziegenrück in den Reichstag.
[[Datei:Bebelwanderstock.jpg|310px|right]]Die Reichstagswahl vom 12. Januar 1912 war ein großer Triumph für die SPD. Trotz staatlicher Repressalien und Anfeindungen als „rote Umsturzpartei“ war die Arbeiterpartei an der Wahlurne seit Jahrzehnten von Sieg zu Sieg geeilt. Mit der letzten Reichstagswahl des Kaiserreiches wurde diese Entwicklung gekrönt. Die SPD erhielt jetzt über vier Millionen Stimmen (34,8 Prozent) und damit so viele wie noch nie zuvor eine Partei. Trotz wahlrechtlicher Benachteiligungen stellte sie auch zum ersten Mal mit 110 Abgeordneten die stärkste Fraktion. Die sozialdemokratische Hochburg Erfurt leistete hierzu ihren Beitrag. Schon 1890 hatte der SPD-Kandidat 52,7 Prozent erzielt. Im Stadtgebiet errangen die Sozialdemokraten seither meist absolute Mehrheiten. 1912 gelangte nun auch erstmals der SPD-Kandidat, Volksschullehrer Heinrich Schulz, im preußischen Wahlkreis Erfurt-Schleusingen-Ziegenrück in den Reichstag.


In der Stadtverordnetenversammlung saßen zu diesem Zeitpunkt freilich nur zwei „Sozis“ – und das auch nur wegen der Eingemeindung Ilversgehofens ein Jahr zuvor. Wie erklärt sich dieser Widerspruch? Die Sozialdemokratie hatte in der rasant wachsenden Industriestadt Erfurt rasch Fuß gefasst. Im Norden und Osten entstand ein fest verankertes Arbeitermilieu, das von SPD und Gewerkschaften geführt wurde. Es gab diverse Vereine, Feste und Traditionen, wie den seit 1890 begangenen 1. Mai. Mit dem Volkshaus „Tivoli“ besaß man ein Kulturzentrum, mit der „Thüringer Tribüne“ eine eigene Parteizeitung. Ihr Herausgeber war der Schneidermeister Paul Reißhaus, die Vaterfigur der Erfurter SPD. Aus der Kommunalpolitik blieb die SPD jedoch trotz ihres großen Anhanges wegen des undemokratischen Dreiklassenwahlrechtes in Preußen weitgehend ausgeschlossen. Dieses teilte die Wähler in drei nach dem Steueraufkommen gestaffelte Klassen, so dass die wohlhabende Bürgerschaft weitgehend unangefochten im Rathaus bis 1918 den Ton angeben konnte.  
In der Stadtverordnetenversammlung saßen zu diesem Zeitpunkt freilich nur zwei „Sozis“ – und das auch nur wegen der Eingemeindung Ilversgehofens ein Jahr zuvor. Wie erklärt sich dieser Widerspruch? Die Sozialdemokratie hatte in der rasant wachsenden Industriestadt Erfurt rasch Fuß gefasst. Im Norden und Osten entstand ein fest verankertes Arbeitermilieu, das von SPD und Gewerkschaften geführt wurde. Es gab diverse Vereine, Feste und Traditionen, wie den seit 1890 begangenen 1. Mai. Mit dem Volkshaus „Tivoli“ besaß man ein Kulturzentrum, mit der „Thüringer Tribüne“ eine eigene Parteizeitung. Ihr Herausgeber war der Schneidermeister Paul Reißhaus, die Vaterfigur der Erfurter SPD. Aus der Kommunalpolitik blieb die SPD jedoch trotz ihres großen Anhanges wegen des undemokratischen Dreiklassenwahlrechtes in Preußen weitgehend ausgeschlossen. Dieses teilte die Wähler in drei nach dem Steueraufkommen gestaffelte Klassen, so dass die wohlhabende Bürgerschaft weitgehend unangefochten im Rathaus bis 1918 den Ton angeben konnte.  

Aktuelle Version vom 1. Oktober 2022, 10:09 Uhr

Arbeiterbewegung und Preußen

Beitrag der TA-Serie Erfurt und die Preußen von Dr. Steffen Raßloff (25.07.2015)


Hochburg der Arbeiterbewegung

ERFURT UND DIE PREUßEN (7): In der Industriestadt Erfurt etablierte sich eine starke Sozialdemokratie, die hier 1891 ihren wegweisenden Erfurter Parteitag abhielt


Bebelwanderstock.jpg

Die Reichstagswahl vom 12. Januar 1912 war ein großer Triumph für die SPD. Trotz staatlicher Repressalien und Anfeindungen als „rote Umsturzpartei“ war die Arbeiterpartei an der Wahlurne seit Jahrzehnten von Sieg zu Sieg geeilt. Mit der letzten Reichstagswahl des Kaiserreiches wurde diese Entwicklung gekrönt. Die SPD erhielt jetzt über vier Millionen Stimmen (34,8 Prozent) und damit so viele wie noch nie zuvor eine Partei. Trotz wahlrechtlicher Benachteiligungen stellte sie auch zum ersten Mal mit 110 Abgeordneten die stärkste Fraktion. Die sozialdemokratische Hochburg Erfurt leistete hierzu ihren Beitrag. Schon 1890 hatte der SPD-Kandidat 52,7 Prozent erzielt. Im Stadtgebiet errangen die Sozialdemokraten seither meist absolute Mehrheiten. 1912 gelangte nun auch erstmals der SPD-Kandidat, Volksschullehrer Heinrich Schulz, im preußischen Wahlkreis Erfurt-Schleusingen-Ziegenrück in den Reichstag.

In der Stadtverordnetenversammlung saßen zu diesem Zeitpunkt freilich nur zwei „Sozis“ – und das auch nur wegen der Eingemeindung Ilversgehofens ein Jahr zuvor. Wie erklärt sich dieser Widerspruch? Die Sozialdemokratie hatte in der rasant wachsenden Industriestadt Erfurt rasch Fuß gefasst. Im Norden und Osten entstand ein fest verankertes Arbeitermilieu, das von SPD und Gewerkschaften geführt wurde. Es gab diverse Vereine, Feste und Traditionen, wie den seit 1890 begangenen 1. Mai. Mit dem Volkshaus „Tivoli“ besaß man ein Kulturzentrum, mit der „Thüringer Tribüne“ eine eigene Parteizeitung. Ihr Herausgeber war der Schneidermeister Paul Reißhaus, die Vaterfigur der Erfurter SPD. Aus der Kommunalpolitik blieb die SPD jedoch trotz ihres großen Anhanges wegen des undemokratischen Dreiklassenwahlrechtes in Preußen weitgehend ausgeschlossen. Dieses teilte die Wähler in drei nach dem Steueraufkommen gestaffelte Klassen, so dass die wohlhabende Bürgerschaft weitgehend unangefochten im Rathaus bis 1918 den Ton angeben konnte.

Erfurt ging nicht nur als SPD-Hochburg, sondern auch als Ort eines ihrer wichtigsten Parteitage in die Geschichte ein. Vom 14. bis 20. Oktober 1891 fand unter der Leitung von „Arbeiterkaiser“ August Bebel der Erfurter Parteitag der SPD im „Kaisersaal“ statt. Die 235 Delegierten beschlossen dabei das für Jahrzehnte wegweisende Erfurter Programm, das internationalen Vorbildcharakter trug. Die Industrialisierung hatte seit der Mitte des 19. Jahrhunderts immer drängender die „soziale Frage“ aufgeworfen. Hierauf sollten nun in Erfurt sowohl mit marxistischer Ideologie, als auch mit pragmatischen Zielen wie Achtstundentag, Verbot der Kinder- und Nachtarbeit, freies Koalitions- und Wahlrecht, Antworten gefunden werden. (Abb.: August Bebels Wanderstock, mit dem die Sitzungen des Erfurter Parteitags geleitet worden sein sollen, Stadtmuseum Erfurt/Dirk Urban)


Siehe auch: Erfurt und die SPD, Erfurter Parteitag 1891, Erfurt und Preußen, Geschichte der Stadt Erfurt