Schliessung Universitaet 1816

Schließung der Universität 1816

Erfurts doppelter Superlativ

Serie Historisches 2016: Vor 200 Jahren ließ der preußische König die Universität Erfurt schließen.


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Stolz präsentiert sich die Erfurter Alma Mater als älteste und jüngste Universität im heutigen Deutschland. Seit einigen Jahren setzt sich die Forschungsmeinung immer mehr durch, dass das päpstliche Gründungsprivileg von 1379 als „Geburtsurkunde“ der Hochschule gelten kann. Sie datiert damit vor Heidelberg und Köln am weitesten zurück. Zugleich aber ist sie dank der Wiedergründung 1994 auch die jüngste staatliche Universität der Bundesrepublik. Dieser doppelte Superlativ ist aber nur möglich, weil das akademische Leben in Erfurt zwischen mittelalterlicher Blütezeit und der ambitionierten Reformuniversität unserer Tage eine lange Durststrecke überwinden musste. Vor genau 200 Jahren war die Universität auf einem Tiefpunkt angekommen und wurde vom preußischen König geschlossen.

Der Wechsel der Landesherrschaft in den Wirren der napoleonischen Zeit von Kurfürstentum Mainz zum Königreich Preußen 1802 hatte die seit langem schwächelnde Universität endgültig vor die Existenzfrage gestellt. Vorerst beschränkte sich das Berliner Kultusministerium aber darauf, freie Stellen nicht wieder zu besetzen. Ein schleichender Tod schien bevor zu stehen. Doch dann kam mit Napoleon ein letzter Versuch, die Universität Erfurt zu erhalten. Mit seinem Sieg über Preußen bei Jena und Auerstedt 1806 geriet Erfurt unter französische Herrschaft und wurde 1807 „Kaiserliche Domäne“. Den glanzvollen Höhepunkt jener Zeit bildete der Erfurter Fürstenkongress 1808. Das Treffen des Kaisers der Franzosen mit Zar Alexander und zahlreichen Monarchen nutzte auch die Universitätsleitung, ihre Probleme Napoleon vorzutragen. Dieser nahm sie huldvoll auf, verfügte eine jährliche Unterstützung von 812 Reichstalern und hob die Stellensperre auf.

Die traditionsreiche Alma Mater Erfordensis schien wieder eine Perspektive zu besitzen. Freilich waren die französischen Beamten nicht sonderlich an der Umsetzung der Maßnahmen interessiert. Kaum hatte sich der Kaiser wieder auf die Schlachtfelder Europas verabschiedet, waren die großen Pläne vergessen und der Niedergang nahm seinen ungebremsten Lauf. 1811 studierten noch ganze 23 Studenten bei 35 Professoren. Die Befreiungskriege und die opferreiche Belagerung der Stadt 1813/14 brachten das Hochschulleben völlig zum Erliegen. Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, dass die preußische Regierung 1814 ihre Schließungspläne wiederaufnahm. Trotz eines positiven Gutachtens des Erfurter Historikers Jakob Dominikus sah man für die Hochschule keine Zukunft. In der neu entstandenen Provinz Sachsen, zu der auch der Regierungsbezirk Erfurt gehörte, existierte zudem mit Halle eine florierende Universität. So wurde die Universität Erfurt schließlich am 12. November 1816 auf Weisung von König Friedrich Wilhelm III. aufgehoben. (Foto: Wandbild im Rathausfestsaal zur alten Universität [Alexander Raßloff])

(Dr. Steffen Raßloff in Thüringer Allgemeine vom 23.01.2016)


Siehe auch: Universität Erfurt, Geschichte der Stadt Erfurt