Rezension Stadtmuseum Stadt - Haus - Geschichte

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Rezension Festschrift Stadtmuseum (2024)

Rezension von Steffen Raßloff (Hg.): Stadtmuseum "Haus zum Stockfisch". Stadt - Haus - Geschichte. Erfurt 2024. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt 86 (2025), S. 247-249.


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Am 7. Juni 2024 feierte das Erfurter Stadtmuseum mit einem Sommerfest das 50. Jubiläum der Gründung des Museums für Stadtgeschichte 1974 und das 30. Jubiläum seiner Wiedergründung als Stadtmuseum „Haus zum Stockfisch“ 1994. Aus diesem Anlass wurde vom Förderverein die hier zu besprechende Publikation präsentiert. Dieses Doppeljubiläum war ein erfreulicher Anlass, erfüllen doch die Stadtmuseen eine wichtige Funktion. Sie sind das Objektgedächtnis einer Stadt, was in der einstigen Mittelaltermetropole Erfurt besonders deutlich wird. Das Stadtarchiv sammelt die schriftlichen Akten und Dokumente zur Stadtgeschichte. Das Stadtmuseum aber ist das dingliche Gedächtnis der Stadt, die Bewahranstalt der besonderen Exponate, das Fundbüro der Findigkeiten und der erste Ort für Antworten auf die Frage nach der eigenen Identität. Es spricht für sich: Museen genießen in der Bevölkerung in Deutschland ein überdurchschnittlich hohes Vertrauen. Dies ergab eine Umfrage des Instituts für Museumsforschung im April 2024. Ganz oben in der Rangliste des Vertrauens stehen Familie und Freunde, gleich danach folgen die Museen.

Museen sind auch mehr als viele Besucherinnen und Besucher glauben und oftmals leider auch die politischen Träger. Es sind nicht nur Häuser, in denen Dinge gesammelt, aufbewahrt und ausgestellt werden. Hier werden die Sammlungen wissenschaftlich erforscht – wenn die Zeit dafür eingeräumt wird. Hier fangen Steine, Fingerhüte, Fahnen, Brotkörbe, Kerzenleuchter und sogar Klobürsten an zu sprechen. Hier wird Wissen nicht eingefroren, im Gegenteil: Herzen und Hirne werden aufgetaut. Museen sind vor allem Orte der lebendigen Wissensvermittlung, der attraktiven und unvergesslichen Bildungserlebnisse. Deshalb ist es ein Rätsel, warum Museen in Thüringen außer von ihren kommunalen Trägern nur vom Kulturministerium gefördert werden. Sie sind auch unverzichtbare Bildungsorte wie Universitäten und Schulen, sind Tourismusattraktionen und Wirtschaftsfaktoren. Warum fällt es so schwer, das höchste Gut des Freistaates – die kulturelle Vielfalt – auf fantasievollere Weise zu unterstützen? Auch das Erfurter Stadtmuseum ist eine „Geschichts-Welt“, die von der Urzeit über das Mittelalter bis zur Gegenwart Themen zur Anschauung bringt, die von besonderer Relevanz für Gesellschaft, Bildung und Tourismus sind.

Der Museumsverband Thüringen, dem der Rezensent als Präsident vorstehen darf, bemüht sich um mehr Verständnis in der Politik für die Arbeit und die teilweise prekäre Situation der fast 240 Museen im Lande. Es geht dabei nicht nur darum, dem Freistaat mehr Geld abzutrotzen. Es braucht vor allem mehr gesellschaftliches und politisches Verständnis, dass Museen unverzichtbar sind und eine auskömmliche Unterstützung benötigen. Das betrifft auch die Kommunen wie Erfurt, die sich oft auf der „Freiwilligkeit“ der Leistungen ausruhen. In vielen Fördermittelrunden werden viele Anträge Erfurter Museen verhandelt. Natürlich möchte man die Projekte der mit Herzblut arbeitenden Kollegen unterstützen. Manchmal fällt es aber schwer, wenn man weiß, dass zeitgleich von Kulturverwaltern teure Gutachten vergeben oder großartige Pop-up-Ideen gesponnen werden, die dann häufig wieder in sich zusammenfallen. Auf der anderen Seite fällt es den bestehenden Museen mit ihren bescheidenen Mitteln schwer zur Sichtbarkeit zu gelangen. Was ihnen dann wiederum vorgeworfen wird. Auch bei erfreulichen Anlässen, wie dem eingangs beschriebenen, muss man leider den Finger in diese Wunde legen.

Doch das Erfurter Stadtmuseum und sein Förderverein haben mit dieser ansprechend gestalteten und reich illustrierten Publikation gute Argumente für eine angemessene Förderung auf den Tisch gelegt. Hier wird erstmals von Martin Sladeczek die Bau- und Nutzungsgeschichte des prächtigen Bürgerhauses im Renaissancestil dargestellt, das den idealen Rahmen für die Präsentation der Mittelaltermetropole bietet. Es folgen die Entwicklung als Geschichtsmuseum in der DDR und nach 1990, die Hardy Eidam als Gründungsdirektor und heutiger Oberkurator darstellt. Es spiegelt sich die überregionale Bedeutung des Geschichtsmuseums der Landeshauptstadt, das mit großen kulturhistorischen Sonderausstellungen für Furore sorgte und die 1. Thüringer Landesausstellung „Der junge Bach“ (2000) maßgeblich verantwortete.

Präsentiert werden weiter die Nebenobjekte Neue Mühle, Bartholomäusturm, Luftschutzkeller, Patrizierhaus Krönbacken und Wasserburg Kapellendorf sowie die UNESCO-Welterbestätten des Jüdisch-Mittelalterlichen Erbes, für die das Stadtmuseum den historischen Kontext bietet. Ausgewählte Exponate aus der herausragenden Sammlung, zwischen die Kapitel eingestreut, erhellen schlaglichtartig die Stadtgeschichte (Gudrun Noll-Reinhardt, Steffen Raßloff), die in einem kurzen Überblick eingangs skizziert wird (Steffen Raßloff). Diese Objekte reichen vom ersten Faustkeil über die Insignien der ältesten Universität Deutschlands und Martin Luthers Schreibkasten bis hin zum ersten 32-Bit-Mikroprozessor der DDR, der Erich Honecker 1989 zu seinem Statement von Sozialismus, Ochs und Esel animierte. Nicht zuletzt stellt sich der 1992 gegründete Förderverein als bürgerschaftlicher Partner des Stadtmuseums vor, ohne den eine lebendige Museumsarbeit kaum noch denkbar wäre.

Dr. Roland Krischke (Direktor der Altenburger Museen und Präsident des Museumsverbandes Thüringen)