Nordbad Weimarer Republik

Das Nordbad

Beitrag der Serie Bauhausjubiläum 2009 der Thüringer Allgemeine von Dr. Steffen Raßloff (20.12.2008)


Traditionsreiches Freizeitparadies

Baushausjubiläum 2009 (5): Das Nordbad ist eines der größten Reform-Volksbäder der Zwanziger Jahre


NordbadII.jpg

Das 1925 eröffnete Nordbad war seinerzeit eines der modernsten Freibäder Deutschlands. Zusammen mit dem Nordpark erhöhte es die Lebensqualität im Norden Erfurts. Momentan wird das Freizeitparadies saniert, wobei das 1929 errichtete Eingangsgebäude im Bauhaus-Stil abgerissen wird.

1927 vermeldete eine renommierte Architektur-Fachpublikation, das zwei Jahre zuvor eröffnete Volksbad im Erfurter Nordpark sei „eine Musteranlage“ und eines der „schönsten Freibäder unseres Vaterlandes“. Zugleich war es eines der großzügigsten, was im Vergleich mit den älteren Erfurter Bädern, dem Espach- und Dreienbrunnenbad etwa, sehr deutlich wird. Das Nordbad gehörte zu einem ehrgeizigen städtebaulichen Modernisierungsprogramm, das in der späten Kaiserzeit geplant worden war. Vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges verhindert, konnte der „Kaiser-Wilhelm-Park“ erst nach 1918 als Nordpark realisiert werden. Hierin eingebettet, nutzten 1925 erstmals Badelustige beiderlei Geschlechts das neue Volksbad (Foto: Stadtarchiv Erfurt).

Das Nordbad atmete als weitläufige Anlage mit großem Schwimmbecken beispielhaft den Reformgeist der 1920er Jahre. Es sollte zur „Hebung der Volksgesundheit“ besonders unter den Arbeitern und Kleinbürgern des Nordens der Stadt beitragen. So war es nicht zuletzt den Kindern dieser unterprivilegierten Bevölkerungsgruppen möglich, in den Sommermonaten einer sinnvollen und gesunden Freizeitgestaltung nachzugehen. Es diente aber auch dem Leistungssport als Trainings- und Wettkampfstätte, wie mehrfache nationale und internationale Schwimmmeisterschaften zeigen.

Damit fügt sich das Nordbad in die großen Bau- und Gestaltungsprojekte der Weimarer Republik ein. Das “architektonische Gesamtkunstwerk”, wie es Denkmalpfleger Martin Baumann würdigt, hat dank der modernen, zukunftsweisenden Konzeption über Generationen seine Aufgabe bestens erfüllt. Jedoch in jüngster Vergangenheit zunehmend auf Verschleiß gefahren, musste das Bad 2006 wegen gravierender technischer und baulicher Mängel schließen. Zwischenzeitlich wurde von den Stadtwerken sogar die endgültige Stilllegung erwogen. Erst ein breites bürgerschaftliches Engagement, angeführt vom Nordbad-Förderverein, hat diese Pläne verhindert und die Sanierung erkämpft.

Wenn das traditionsreiche Freizeitparadies in zwei Jahren nach komplexer Rekonstruktion wieder seine Pforten öffnet, wird dies sicher ein Feiertag für die Stadt. Nichts zu feiern gibt es jedoch zuvor beim Bauhausjubiläum 2009. Denn das denkmalgeschützte Eingangsgebäude im Bauhaus-Stil von 1929 ist gerade dem Abriss-Bagger zum Opfer gefallen. Trotz Protesten aus der Bevölkerung, von Denkmalschützern, Architekten und Historikern muss eines der wichtigsten Beispiele des “neuen Bauens” in Erfurt auf Drängen der Investoren und Entscheidungsträger einem schlichten Neubau weichen. Damit verliert das Reform-Volksbad der 1920er Jahre sein authentisches Gesicht und die Stadt ein weiteres Baudenkmal der klassischen Moderne.


Siehe auch: Erfurt in der Weimarer Republik, Nordbad, Nordpark