Kurzbiographie Fritz Sauckel

Fritz Sauckel

Fritz Sauckel war Hitlers "Muster-Gauleiter" in Thüringen sowie Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz im Zweiten Weltkrieg.


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Im Morgengrauen des 16. Oktober 1946 wurde im Militärgefängnis von Nürnberg die Hinrichtung eines Mannes vollstreckt, dessen Karriere als führender NSDAP-Funktionär knapp 20 Jahre zuvor mit der Ernennung zum Gauleiter von Thüringen (1927) begonnen hatte. Fritz Sauckel war es gelungen, die völkische Splitterpartei binnen dreier Jahre zur ersten Regierungsbeteiligung in einem deutschen Land zu führen (1930) und weitere zweieinhalb Jahre später als Regierungschef die "vorgezogene Machtergreifung" (1932) zu erreichen. Mit dem Machtantritt Hitlers 1933 stieg der gebürtige Franke zum Reichsstatthalter in Thüringen auf und baute seinen Gau zur starken Hausmacht aus. Auf dieser Basis und dank persönlicher Beziehungen wuchs seine Machtstellung im polykratischen "Führerstaat". Sichtbarsten Ausdruck fand der Aufstieg des thüringischen "Gaufürsten" 1942 mit der Berufung zum "Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz". Diese Funktion, in der Sauckel als "größter und grausamster Sklavenhalter seit den ägyptischen Pharaonen" (Robert H. Jackson, Hauptankläger im Nürnberger Prozess) ca. sechs Millionen Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppen ließ, war ausschlaggebend für seine Verurteilung zum Tode durch den Strang (siehe Abb., Propagandaschrift des Generalbevollmächtigten von 1943).

Ernst Friedrich Christoph Sauckel wurde am 27. Oktober 1894 im unterfränkischen Haßfurt geboren. Als Sohn eines Postbeamten und einer Näherin entstammte er kleinbürgerlichen Verhältnissen. Vor Beendigung des Gymnasiums verließ Sauckel mit 15 Jahren das Elternhaus und befuhr als Matrose auf Handelsschiffen alle Weltmeere. Ob ihn eher Abenteuerlust oder eher die nationale Erziehung des Vaters hierzu bestimmte, der wie viele Zeitgenossen die Zukunft des Deutschen Kaiserreiches in Übersee sah, muss offen bleiben. Nach 1933 behauptete zumindest die NS-Propaganda, Sauckel habe Offizier der Kaiserlichen Marine werden wollen.

Als im August 1914 der Erste Weltkrieg begann, befand sich der junge Matrose gerade auf Australienfahrt; schon im Ärmelkanal wurde sein deutsches Frachtschiff aufgebracht und die Besatzung in französische Zivilinternierung überführt. Über fünf Jahre hielt man Sauckel in einem Lager nahe Brest gefangen. Diese Untätigkeit, während andere auf den Schlachtfeldern des Weltkrieges "Ruhm und Ehre" erringen konnten, dürfte dem baldigen Vertreter der äußersten Rechten als Makel erschienen sein, den er durch desto eifrigeres und radikaleres politisches Vorgehen wettzumachen suchte. Sauckel teilte die hasserfüllte Ablehnung der Versailler Friedensordnung vom 28. Juni 1919; dabei verbanden sich ihm wie den meisten seiner Landsleute persönliche Entbehrungen und nationale Niederlage eng miteinander. Schon jetzt mag er den Weg zum völkischen Radikalnationalismus angetreten haben, der auch die im November 1918 ausgerufene Republik als aufgezwungen und "undeutsch" verwarf.

Nach der Rückkehr in die Heimat im November 1919 trat Sauckel, zunächst Arbeiter in der Kugellagerfabrik Fischer in Schweinfurt, dem Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund bei, der zu diesem Zeitpunkt die rechtsradikale Szene beherrschte. Hier zeigten sich bereits seine weniger auf intellektuellen Fähigkeiten, als vielmehr auf bedingungsloser und hartnäckiger Hingabe an die "Bewegung" und taktischem Geschick basierenden politischen Qualitäten. Rasch stieg er zum Kreisleiter für Unterfranken auf. Sauckel verkörperte den Typus des ordinär-hemdsärmligen Volkstribunen, der beim Gegner Abscheu, beim eigenen Anhang aber Respekt und Bewunderung hervorrief. Auch Hitler wusste später Aktivismus, Organisationstalent und Rednergabe des äußerlich eher unscheinbaren Parteifunktionärs zu schätzen.

1922 zog Sauckel nach Ilmenau, um das dortige Technikum, Vorläufer der heutigen Technischen Universität, zu besuchen. Obwohl er sich bisweilen als "Techniker" bezeichnete, erwarb er auch dort keinen Berufsabschluss. Das NSDAP-Mitglied Nr. 17357 (Aufnahme zum 1. Januar 1923) scheint alle Energien auf den politischen Bereich konzentriert zu haben. Schon in Schweinfurt Mitglied der SA, gründete Sauckel nach dem gescheiterten Münchner Hitlerputsch vom 9. November 1923 die Tarnorganisation "Deutscher Wanderverein" und versuchte die Ilmenauer Nationalsozialisten als "Bund Teja" in "gotischer Treue" zu Hitler zusammenzuhalten. Er knüpfte Kontakte zum "völkischen Netzwerk" in Thüringen um Persönlichkeiten, wie den "völkischen Literaturpapst" Adolf Bartels aus Weimar oder den 1924 von Hitler aus seiner Landsberger Festungshaft heraus zum Führer aller regionalen NS-Verbände berufenen Schriftsteller Artur Dinter. Parallel betätigte sich Sauckel als Zeitungsherausgeber. Das Ilmenauer NS-Lokalblatt "Deutscher Aar" erschien allerdings nur 1924/25 und musste wegen finanzieller Schwierigkeiten mit Hans Severus Zieglers Zeitung "Der Völkische" in Weimar fusionieren. Die hieraus hervorgehende Zeitung "Der Nationalsozialist" wurde unter der Leitung Zieglers, einem Mitarbeiter Bartels`, zum maßgebenden Parteiorgan der NSDAP Thüringens.


Thüringer Gauleiter bis 1933

Nach der Wiedergründung der NSDAP durch den haftentlassenen Hitler im Februar 1925 erhielt Artur Dinter die förmliche Berufung zum Gauleiter in Thüringen; Hans Serverus Ziegler wurde sein Stellvertreter. Sauckel indes stieg zum Gaugeschäftsführer der NSDAP auf, womit er sich in der regionalen NS-Führung etabliert hatte. Die neue Stellung sollte sich als günstige Ausgangsposition für einen weiteren Aufstieg erweisen, war doch Gauleiter Dinter wegen persönlicher Rivalitäten und seines pseudoreligiösen Sektierertums in der Partei sehr umstritten; 1927 verfügte Hitler seine Absetzung, an der Sauckel maßgeblichen Anteil hatte. Damit war der Weg für den 33-jährigen frei, am 28. September 1927 an die Spitze des für die Gesamtpartei wichtigen Gaues Thüringen zu treten.

Denn für die NSDAP wirkte im 1920 aus den ehemaligen Kleinstaaten gegründeten Land Thüringen die starke Polarisierung in ein rechtes und linkes Lager sehr begünstigend. Drei Jahren Regierungsmacht der Arbeiterparteien im "roten Thüringen" 1921-1923 folgten 1924-1929 bürgerlich-nationale Sammelkabinette, die auf die Unterstützung der völkischen Opposition im Landtag angewiesen waren. So konnte Thüringen, in dem bereits im März 1924 das NSDAP-Verbot aufgehoben worden war und sich ihr ungewöhnlich große Freiräume boten, zur frühen nationalsozialistischen Hochburg avancieren. Eines der wichtigsten Ereignisse dieser Zeit für die NSDAP, der erste Reichsparteitag nach ihrer Wiedergründung 1926 in Weimar, fand noch unter Dinters Ägide statt. Bald darauf setzte sich jedoch Sauckel als "Vater des Erfolges" im "Grünen Herzen Deutschlands" in Szene.

Unermüdlicher Propaganda- und Organisationsarbeit folgten nach dem Einsetzen der krisenhaften Schlussphase der Weimarer Republik Ende 1929 spektakuläre politische Siege von nationaler Ausstrahlung. Mit der so genannten Frick-Marschler-Regierung in Thüringen 1930/31 gelangten erstmals in Deutschland zwei Nationalsozialisten auf Ministersessel, wobei Hitler gegenüber den bürgerlichen Koalitionspartnern in Weimar persönlich den Anspruch auf das Innen- und Volksbildungsministerium durchgesetzt hatte. Für diesen wichtigen Posten wählte er mit dem späteren Reichsinnenminister Wilhelm Frick einen "durchgekochten Nationalsozialisten" und juristischen Fachmann aus, der in jenem ersten "Probelauf für die Machtergreifung" rücksichtslos Interessen und Ideologie der Partei verfocht; Sauckel musste sich mit dem weniger spektakulären Fraktionsvorsitz im Landtag begnügen, blieb aber unstrittiger Parteichef.

Im August 1932 kam es nach triumphalem Landtagswahlsieg der NSDAP (42,5 %) zur "vorgezogenen Machtübernahme" unter Sauckels Leitung; er stieg nunmehr zum Vorsitzenden des Thüringischen Staatsministeriums und Minister des Inneren auf. Die mit dem 30. Januar 1933, der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, einsetzende Errichtung der NS-Diktatur in Deutschland besaß so in Thüringen erheblichen Vorlauf. Hier waren unter brutaler Einschüchterung aller Gegner demokratische Strukturen ausgeschaltet und personelle "Säuberungen" in großem Stil durchgeführt worden.


"Gaufürst" im Dritten Reich 1933-1945

Sauckels machtbewusstes und erfolgreiches Wirken nach 1933 verweist deutlich auf den "Doppelcharakter" des Dritten Reiches von Zentralisierung und "Gaupartikularismus" sowie das auf die Person des Gauleiters zugeschnittene regionale Geschehen. Dieser verstand es, trotz einschneidender Souveränitätsverluste an das Reich und ausbleibender formaler Reichsreform das Land Thüringen und den preußischen Regierungsbezirk Erfurt zu einer im gesamtthüringischen NSDAP-Gau gebündelten Hausmacht zu integrieren. Seit August 1932 Regierungschef, wurde Sauckel im Mai 1933 Reichsstatthalter für Thüringen. Allerdings verlor dieses Amt mit der "Gleichschaltung" der Länder 1933-35 an Bedeutung. Sauckel kritisierte dies offen, mehr noch, er forderte starke "Reichsgaue". Auch wenn er sich damit nicht durchsetzen konnte, gelang es ihm doch als Gauleiter und Reichsstatthalter, mit einem Geflecht aus regionalen Herrschaftsfunktionen, persönlicher Gefolgschaft, Prestigestreben und ökonomischem Einfluss seine Machtstellung zu erhalten und zu stärken. Auf dieser Grundlage betrieb Sauckel bei strikter Anerkennung der Oberherrschaft Hitlers, dem er als einer der eifrigsten Prediger des Führer-Kultes in geradezu peinlicher Weise ergeben war, eine rege Regionalpolitik.

Ein wichtiger Bereich, in dem Sauckel sich bzw. seinen "Schutz- und Trutzgau im Herzen Deutschlands" profilieren konnte, war der der Kultur. Dass der kleinbürgerlich-radikale Nationalsozialist, der sich später rühmte, nie ein Buch gelesen zu haben, im kulturellen Sektor mitunter übers Ziel hinausschoss, tat seiner Stellung keinen Abbruch. Zudem bewies er auch hier genügend taktisches Gespür, um das in Teilen durchaus willige Bildungsbürgertum an das Dritte Reich zu binden. Insbesondere galt es, in der Klassikerstadt Weimar symbolträchtige Hochkultur mit Ideologie und Herrschaftsanspruch der NSDAP zu verschmelzen. Medium der Sauckelschen "Kulturpolitik" wurde auch die Landesuniversität Jena, die er unter Wahrung hohen akademischen Niveaus zur NS-Modelluniversität profilieren wollte; deutlich wurde dies u.a. in der Berufung des Rasseforschers Karl Astel zum Rektor (1939), erster Vertreter dieses Faches an der Spitze einer deutschen Universität.

Hauptanliegen blieb jedoch der mit großem Ehrgeiz betriebene Ausbau Weimars zu einer repräsentativen Gauhauptstadt im Stile der NS-Architektur, in dessen Mittelpunkt das Modellprojekt "Gauforum" stand. Sehr entgegen kam Sauckel hierbei die (von vielen ihrer Bürger erwiederte) Vorliebe des "Führers" für die Klassikerstadt an der Ilm, die dieser seit 1925 häufig besucht hatte. "Ich liebe nun einmal Weimar. Ich brauche Weimar, wie ich Bayreuth brauche", so soll sich Hitler schon 1928 gegenüber Hans Severus Ziegler geäußert haben. Über diese Bevorzugung hätten alle Thüringer, so der Gauleiter in einem Bildband "Der Führer in Weimar 1925-1938", "maßlos glücklich und dankbar" zu sein. In den Zusammenhang der Überhöhung Weimars zur nationalkulturell geweihten "Gauresidenz" gehören Investitionen in die Klassikerstätten, eine Nietzsche-Gedenkhalle oder der Neubau des von Hitler bevorzugten Hotels "Elephant". Hinzu kommt die Errichtung des schlossähnlichen Dienstwohnsitzes in der Windmühlenstraße für Sauckel und seine Großfamilie. Der Gauleiter hatte mit seiner Frau Elisabeth ("Lisa") - die Heirat datierte in das Jahr 1924 zurück - der "Volksgemeinschaft" immerhin zehn Kinder geschenkt.

Machtpolitisches Gespür ließ Sauckel aber auch gute Beziehungen zu Wehrmacht und SS pflegen sowie in der Wirtschaftspolitik aktiv werden. Mit der von ihm als "arisierende" Pioniertat gefeierten Enteignung des Suhler Waffen- und Fahrzeugwerkes der jüdischen Familie Simson legte er den Grundstein für die "Wilhelm-Gustloff-Stiftung", an deren Spitze er 1936 trat. Als "nationalsozialistischer Musterbetrieb" der boomenden Rüstungswirtschaft mit vielen Zweigbetrieben verlieh die Stiftung Sauckel ökonomische Macht, wurde zugleich aber auch zum Feld sozialpolitischer Bemühungen im Sinne der Volksgemeinschaftspropaganda.

Am deutlichsten wird der verbrecherische Charakter der Herrschaft des "thüringischen Diktators" im KZ Buchenwald, das ab 1937 als eines der drei Großlager im Reich (neben Dachau und Sachsenhausen) errichtet wurde. Es gehörte für Sauckel zusammen mit den dort stationierten starken SS-Verbänden zur Profilierung Thüringens als "Mustergau". Der fatale "Nachbar Buchenwald" sollte dem strahlenden Bild von der Kulturstadt Weimar nach 1945 düstere Töne beimischen. In diesem Sinne zeichnet Fritz Sauckel als Mitinitiator eines Lagers, in dem mehr als 50.000 Menschen ums Leben kamen, auch für die vielzitierte "Janusköpfigkeit" des bekanntesten nationalen Erinnerungsortes in Thüringen verantwortlich.

Trotz seiner unverkennbaren Etablierung als "Gaufürst", die keineswegs allen der 31 Gauleiter im Reich beschieden war, gab es aber immer wieder mehr oder weniger latente Machtkämpfe mit regionalen Rivalen. Zu ihnen gehörten u.a. der thüringische "Kulturdiktator" Ziegler und Minister Fritz Wächtler. Die Fähigkeit Sauckels, derartige Auseinandersetzungen wie im Falle Wächtlers meist erfolgreich für sich zu entscheiden, hat zur Festigung seiner Machtstellung erheblich beigetragen.

Einen erneuten Einschnitt stellte der Beginn des Zweiten Weltkrieges im September 1939 dar. Die gewünschte militärische Verwendung wurde dem einstigen Matrosen von Hitler verwehrt, eine U-Boot-Fahrt als blinder Passagier von Admiral Karl Dönitz nach Entdeckung sofort abgebrochen. Sauckel sollte sich anderweitig für "Führer, Volk und Vaterland" im Krieg verdient machen. Als Reichsverteidigungskommissar (RVK) für den Wehrkreis IX (Kassel), ab 1942 für den Gau Thüringen, organisierte er die "Heimatfront". Hierbei führte der vom Gauleiter betriebene Ausbau der Rüstungsproduktion im zentral gelegenen, zunächst noch "kriegsfernen" Thüringen zu einem tiefgreifenden industriellen und demographischen Strukturwandel. Unter den verschärften Bedingungen des "totalen Krieges" kam Sauckel auch einem seiner alten Ziele sehr nahe, der politisch-administrativen Einigung Thüringens. Nach mehreren Zwischenschritten der Übertragung gesamtthüringischer Kompetenzen verfügte im April 1944 ein Führererlass die Aufteilung der preußischen Provinz Sachsen, wobei ihm die Befugnisse eines Oberpräsidenten im Bereich des Regierungsbezirkes Erfurt zufielen.


Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz

Der Krieg brachte Sauckel also noch einmal Einfluss- und Machtgewinne, wenngleich diese zunehmend unter dem Zeichen der drohenden Niederlage standen - aller gerade von ihm selbst betriebenen "Endsieg"-Propaganda zum Trotz. Mit den wirtschaftlichen Folgeerscheinungen des Zweiten Weltkrieges stand auch sein größter Karrieresprung in engem Zusammenhang: die Berufung zum Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz (GBA) im März 1942. Während der Blitzkriege 1939/40 hatte Deutschland noch problemlos sowohl genügend Soldaten wie auch Arbeitskräfte für die heimische Wirtschaft stellen können. Spätestens mit dem Russlandfeldzug ab Juni 1941 war dies aber nicht mehr möglich. Die langen Fronten und die Verluste des Krieges führten zur Einberufung von immer mehr deutschen Arbeitern in die Wehrmacht, so dass trotz (überwiegend noch freiwilliger) Anwerbung von "Fremdarbeitern" bereits 7,5 Millionen Arbeitsplätze unbesetzt waren. Genau dieses Problem sollte Sauckel nunmehr lösen.

Mit gewohntem Eifer und Fanatismus machte er sich ans Werk. Die neue Funktion, mit der Sauckel endgültig in die nationale NS-Elite aufgestiegen war, zwang ihn hierbei zum Pendeln zwischen Berlin und Weimar, wo er weiterhin seinen Pflichten als Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar nachkommen musste. Dass mitten im Krieg keine Repräsentationsbauten für die neue GBA-Behörde mit tausenden Mitarbeitern in ganz Europa errichtet werden konnten, war für Sauckel kein Problem; mit dem "Thüringen-Haus", bereits im September 1933 eingerichtetes "Schaufenster Thüringens ins Reich", besaß er längst eine "gaufürstliche Residenz" in der Reichshauptstadt, in der er jetzt auch seinen GBA-Stab einrichtete. Er baute dabei auf bewährte thüringische Gefolgsleute und setzte die übrigen Gauleiter zu seinen regionalen Beauftragten ein.

Hauptverantwortlicher für die deutsche Rüstungswirtschaft war seit Anfang 1942 Hitlers Chefarchitekt Albert Speer. Nicht zuletzt um eine Machtkonzentration in dessen Händen zu vermeiden, hatte Martin Bormann die Berufung des thüringischen Gauleiters zum Verantwortlichen für den Arbeitseinsatz durchgesetzt. Bormann war Sauckels einstiger Gaugeschäftsführer in der "Kampfzeit" und jetzt Leiter der Parteikanzlei sowie einflussreicher Sekretär Hitlers. Schon 1942 konnten in großen "Sauckel-Aktionen" rund 2,7 Millionen Menschen ins Reich gebracht werden, wobei auf Geheiß Hitlers insbesondere in Polen und der Sowjetunion keinerlei Rücksicht auf internationales Völkerrecht genommen wurde. Aber auch in Deutschland selbst wurden unter Verschärfung des Arbeitsrechts die letzten "Reserven" erschlossen. Der GBA nutzte bei alldem gezielt die Einflussmöglichkeiten seines Amtes für die (Rüstungs-)Wirtschaft des eigenen Gaues Thüringen. Seit der endgültigen Kriegswende im Winter 1942/43 sah sich Sauckel allerdings mit ständigen Forderungen Speers nach mehr Arbeitern konfrontiert. Die Zahl der v.a. aus Osteuropa oft mit brutalen Mitteln verschleppten und teils unter katastrophalen Bedingungen lebenden Zwangsarbeiter stieg auf bis zu sechs Millionen an. Schließlich wurden rund 20% aller Arbeitsplätze von Ausländern eingenommen, mit Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen waren es über ein Viertel. Auch wenn der Bedarf dennoch nie gedeckt werden konnte, verhinderte der "Arbeitseinsatz" den vorzeitigen Kollaps der deutschen Kriegswirtschaft.

Sauckel war sich des zwar nach Herkunft und Qualifikation der Arbeiter deutlich abgestuften, aber doch rigiden Zwangscharakters seiner Maßnahmen vollauf bewusst; nach eigenen Angaben seien bestenfalls 200.000 der angeblich fünf Millionen Arbeiter freiwillig nach Deutschland gekommen. In blinder Gefolgschaftstreue zum "Führer" und ideologischer Verblendung forderte er in zahlreichen Reden und Publikationen als GBA seine Mitarbeiter auf, alle hemmenden Skrupel zu überwinden. Bemühungen um eine humanere und geregelte Behandlung der Arbeiter galten in erster Linie der möglichst effektiven Ausnutzung ihrer Arbeitskraft.

In der Endphase des Krieges verlangte Sauckel die kompromisslose Verteidigung Thüringens gegen die anrückenden Amerikaner, machte sich selbst aber im April 1945 noch rechtzeitig Richtung Süden aus dem Staube. Nach der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai stellte er sich in Berchtesgaden den Amerikanern und wurde 1945/46 als einer von 22 Hauptkriegsverbrechern auf die Nürnberger Anklagebank gesetzt. Man hat oft die Frage aufgeworfen, ob das Todesurteil des Internationalen Militärtribunals wegen Kriegsverbrechens und Verbrechens gegen die Menschlichkeit im Vergleich mit den milderen Urteilen für die ebenso in den Zwangsarbeitereinsatz verstrickten Wirtschaftsminister Walther Funk (lebenslängliche Haft) und Albert Speer (20 Jahre Haft) gerechtfertigt war - ohne die menschenverachtende Dimension der Aktivitäten von Hitlers "Sklavenhändler" in Abrede zu stellen. Sauckel selbst war sich darüber im klaren, welches Schicksal ihn und seinesgleichen im Falle des Scheiterns der NS-Diktatur erwarten würde. Schon im Mai 1941 hatte er bei einer Rednertagung vor thüringischen Parteifunktionären ausgeführt: "Daß man, wenn wir diesen Krieg verlieren, nicht bloß mich sondern auch sie aufknüpfen wird, ist ganz selbstverständlich." (Foto: Kampf und Sieg in Thüringen, 1934)


Text nach: Steffen Raßloff: Fritz Sauckel. Hitlers "Muster-Gauleiter" (Thüringen. Blätter zur Landeskunde 36). Erfurt 2004.

> englische Übersetzung


Lesetipp:

Steffen Raßloff: Fritz Sauckel. Hitlers "Muster-Gauleiter" und "Sklavenhalter" (Schriften der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen. Bd. 29). Erfurt 2007 (4. Auflage 2012).

Steffen Raßloff: Der "Mustergau". Thüringen zur Zeit des Nationalsozialismus. München 2015.


Filmdokumentation: Fritz Sauckel - Hitlers Mann in Thüringen (MDR, "Geschichte Mitteldeutschlands", 2009)