Geschichtsverein Erklärung Kapellendorf

Erfurt und die Burg Kapellendorf

Der Erfurter Geschichtsverein appelliert den an Stadtrat, sich zur Stadtgeschichte zu bekennen und die über 650-jährige Verbindung Erfurts zu seiner Wasserburg Kapellendorf auch in Zukunft zu erhalten.


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Zu den Besonderheiten der Landeshauptstadt Erfurt zählt ein überaus reicher Bestand an historischen Bauten bis hin zu dem einzigartigen Ensemble ihrer wohlerhaltenen Altstadt insgesamt. In diesen Strauß vielfältiger Zeugnisse der großen Erfurter Geschichte gehört auch die Wasserburg Kapellendorf.

Die Verbindung Erfurts mit der zwischen Weimar und Jena gelegenen Burg begann vor über 650 Jahren. 1348 nämlich sah sich der Burggraf von Kirchberg (bei Jena) gezwungen, mit ihr die Stammburg seiner Vorfahren an Erfurt abzutreten, als Gegenleistung für die Begleichung seiner Schulden durch die Stadt bei ihren jüdischen Mitbürgern. Damit hatte Erfurt weit außerhalb einen befestigten Platz gewonnen, von dem aus zugleich seine umliegenden Besitzungen verwaltet werden konnten. Denn schon seit rd. hundert Jahren erwarben sowohl die Stadt selbst als auch wohlhabende Bürger umfangreichen Landbesitz. Um 1500 hatte das städtische Territorium mit bis zu 900 qkm die Größe eines heutigen mittleren thüringischen Landkreises; es umfasste über 90 Dörfer, zwei Städte und mehrere Burgen. Damit stand Erfurt in einer Reihe mit so bedeutenden Reichsstädten wie Nürnberg, Ulm oder Hamburg. Wie dort galt das besondere Interesse der Sicherung der Fernstraßen in der näheren und weiteren Umgebung, um den für die Stadt lebenswichtigen Handelsverkehr jederzeit zu gewährleisten. Dabei stellte die Burg Kapellendorf einen höchst wichtigen Außenpostern nach Osten dar, so wie nach Südwesten die Mühlburg, die Erfurt nur wenige Jahre später (1355-1362) ebenfalls erwerben konnte.

Darüber hinaus erhielt Kapellendorf für Erfurt gleichsam verfassungsmäßige Bedeutung. Denn im Jahre 1352 gelang es der Stadt, in Prag von König Karl IV. mit der Burg als Reichslehen belehnt zu werden und damit in den Kreis der unmittelbaren Lehnsträger des Reiches aufzusteigen. Gleichzeitig gewährte Karl IV. dem nach wie vor nominell unter der Herrschaft des Erzbischofs von Mainz stehenden Erfurt das ungewöhnliche Recht, sich jederzeit unmittelbar an den König zu wenden. Zwar wurde Erfurt auch in Zukunft keine Reichsstadt wie Mühlhausen oder Nordhausen, doch wurde es vom König wie eine solche behandelt, etwa zur Teilnahme an den Reichstagen eingeladen. Das Reichslehen Kapellendorf blieb in Zukunft ein wesentliches Element in der zunehmenden Unabhängigkeit Erfurts von seinem Mainzer Stadtherrn, auch wenn die Stadt ihre Burg in der Finanznot des frühen 16. Jahrhunderts (1508) an die wettinischen Landgrafen ver-pfänden musste und nicht wieder auslösen konnte.

Als Erfurt die Burg Kapellendorf erwarb, beschränkte sie sich auf den inneren Bereich mit dem stauferzeitlichen Bergfried als ihrem Kern. Unter Erfurter Herrschaft nun wurde sie großzügig ausgebaut und modernisiert. So kamen die sog. Kemenate als fünfgeschossiger Wohnturm und der große äußere Mauerring, verstärkt von Türmen, hinzu. Damals erhielt die Wasserburg ihr heutiges Erscheinungsbild einer kleinen Erfurter Festung des Spätmittelalters.

Die zweite Erfurter Periode in der Geschichte Kapellendorfs begann 1930/33. Damals konnte der Verein für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt die Stadt dazu bewegen, ihre einstige, inzwischen verwahrloste und verfallene Burg wieder zu erwerben. Für Sanierung und Renovierung brachte der Verein selbst mehr als 800.000 RM auf, und die Burg wurde zu einem gern besuchten Ausflugsziel, an dem die einstige Unabhängigkeit Erfurts und seine große Geschichte gleichsam greifbar wurden. Dies lässt sich in dem erst vor kurzem vom Erfurter Stadtmuseum in seiner Außenstelle neu gestalteten Burgmuseum nun in moderner Form erleben.

Die Burg steht heute in der Obhut der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, doch wird sie weiterhin von der Stadt Erfurt betrieben. Wie vor 85 Jahren appelliert der Geschichtsverein an die „Stadtväter“, sich zur Geschichte ihrer Stadt zu bekennen und die ungewöhnliche, über 650-jährige Verbindung Erfurts zu seiner Wasserburg Kapellendorf auch in Zukunft zu erhalten.


Erfurt, den 02.03.2015

Prof. Dr. Karl Heinemeyer, Vorsitzender des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt e.V.

Dr. Steffen Raßloff, stellv. Vorsitzender


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