Geschichte Bartholomäusturm

Bartholomäusturm

Der Turm der ehemaligen Bartholomäuskirche am Anger mit Carillon ist heute ein Außenobjekt des Stadtmuseums Erfurt.


Klingender Turm

Der Bartholomäusturm gehört mit seinem Glockenspiel zu den Attraktionen am Anger. Das Stadtmuseum eröffnete 2012 anlässlich des 600. Jubiläums seines Baubeginns eine neue Ausstellung.


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Der Anger ist Erfurts beliebteste Flaniermeile. Seit gut 100 Jahren wird sein Gesicht überwiegend vom Historismus mit seinen reich geschmückten Wohn- und Geschäftshäusern geprägt. Umso markanter sticht ein aufstrebendes gotisches Bauwerk aus dieser Umgebung heraus. Es ist der Bartholomäusturm, einer von mehreren Türmen in Erfurt, denen im Laufe der Zeit die Kirche abhanden gekommen ist (Foto: Dr. Steffen Raßloff). Die ehemalige Bartholomäuskirche geht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Mit der Reformation verlor sie ihre Gemeinde und musste wenig später wegen Baufälligkeit geschlossen werden. 1715 riss man die letzten Mauerreste ab, erhalten blieb nur der 1412 errichtete Turm. Bis 1942 fungierte er als Läuteturm der Barfüßerkirche. In den beiden Weltkriegen verlor er schließlich auch seine Glocken durch Einschmelzen. Beim Einmarsch der amerikanischen Truppen im April 1945 erhielt der Turm einen Artillerietreffer.

Im Dezember 1945 stürzte die beschädigte Turmhaube aus 35 Metern Höhe auf den Anger, wobei neben großem Sachschaden auch ein Menschenleben zu beklagen war. Mehr als eine Notabdeckung 1948 und kleinere Reparaturarbeiten erfolgten jedoch nicht. Seit 1972 gab es Pläne, den baufälligen Turm museal zu nutzen. 1977 beschloss der Rat der Stadt jedoch den Einbau eines Carillons, dessen Finanzierung das DDR-Kulturministerium übernahm. Dies stand im Zusammenhang mit der komplexen Umgestaltung des Angers zur Fußgängerzone mit neuen Anziehungspunkten wie dem „Angereck“ (1979).

Der Einbau des Carillons und die Übertragung an die städtischen Museen 1979 stellt die letzte Zäsur in der Geschichte des Turmes dar. Das größte Glockenspiel der DDR im Bartholomäusturm war eines der Prestigeobjekte der SED-Bezirksleitung. Es wurde unter überwältigender öffentlicher Anteilnahme am 7. Oktober 1979, dem 30. „Republikgeburtstag“, übergeben. Nach der friedlichen Revolution 1989/90 kam der Turm als Außenobjekt zum Stadtmuseum Erfurt. 1992 erhielt er auch wieder einen hohen gotischen Helm. Im Juni 2012 hat das Stadtmuseum mit einer Festwoche und zahlreichen Konzerten an das 600. Jubiläum des Turmbaues 1412 erinnert. Zuvor konnten durch eine großangelegte Spendenaktion des Fördervereins der Turm und das Carillon saniert werden. Große Informationstafeln im Treppenaufgang erläutern seither die wechselvolle Geschichte von Kirche, Turm und Glockenspiel (Gestaltung: Albrecht von Kirchbach, Dr. Steffen Raßloff, Tim Erthel und Ulrich Seidel):

Die Kirche

Die Bartholomäuskirche ist erstmals für das Jahr 1182 bezeugt. Sie zählte zu den über zwanzig Pfarrkirchen der mittelalterlichen Großstadt. Die genauen Umstände ihrer Entstehung sind durch die fehlende schriftliche Überlieferung nicht zu klären. Allem Anschein nach handelte es sich um eine adelige Eigenkirche der Grafen von Gleichen, die zu den bedeutendsten Grafengeschlechtern Thüringens zählten und in Erfurt großen Einfluss ausübten. Im Verlauf des 12. Jahrhunderts scheinen sie neben ihrem Stadthof am Anger die Bartholomäuskirche gegründet zu haben. Im Spätmittelalter befand sich diese unter dem Patronat verschiedener Erfurter Familien. Die Gemeinde war sehr wohlhabend. Eine rege Stiftungstätigkeit zum Lobe Gottes und zur Erlangung des Seelenheils trug zur Verschönerung der Kirche und zur Mehrung der Ausstattung bei. Es gab nicht weniger als 12 Altäre, an denen zahlreiche Vikare ihren geistlichen Verpflichtungen nachkamen. Kirchenrechnungen und -inventare geben Aufschluss über die kostbaren Gerätschaften und Gewänder, die dem Vollzug der Liturgie dienten und den Kirchenraum schmückten. Erhalten hat sich der prächtige, 1445 geschaffene, spätgotische Altarretabel, der heute im Chor der Barfüßerkirche steht.

Vom ersten Kirchenbau ist nichts bekannt. Im Verlauf des 14. oder zu Beginn des 15. Jahrhunderts kam es zu einem gotischen Neubau, über dessen Aussehen Schriftquellen, historische Pläne und archäologische Funde Auskunft geben. Es handelte sich um eine Kirche von mindestens fünf Jochen mit Kreuzrippengewölbe. An den Chor schloss sich im Nordosten eine die Grafengasse überspannende Durchfahrt an, über der ein Gang von der Kirche zum angrenzenden Haus der Grafen von Gleichen führte. Nördlich und südlich der Kirche erstreckte sich der Kirchhof. Der Kirchturm an der Südwestseite der Kirche wurde ab 1412 errichtet. Vor 1439 war er einschließlich des Glockengeschosses fertig. Nach einer Unterbrechung wurden 1458/60 der Turmumgang und 1468 die Turmspitze errichtet.

Die Gestalt des 49 m hohen Turms ist charakteristisch für eine Erfurter Pfarrkirche. Er erhebt sich über quadratischem Grundriss und ist außen größtenteils mit Sandsteinplatten verkleidet und durch Gesimse in vier Geschosse mit Rechteckfenstern gegliedert. Das Glockengeschoss hat auf jeder Seite ein großes Spitzbogenfenster mit reicher Profilierung. Darüber befindet sich der Turmumgang mit steinerner Maßwerkbrüstung und Abflussrinnen. Ein achtseitiger spitzer Turmhelm mit Knauf bekrönt den Bau. Im Innern fehlt der mittlere Teil der alten Geschossgliederung durch den Einbau der Stahltreppe 1979. Die zwei ersten Turmgeschosse sind gewölbt. Es handelt sich um ehemalige Kapellenstandorte. Unterhalb der Glockenstube befindet sich ein Kreuzrippengewölbe von 1461. Eine Bauinschrift auf den Gewölberippen erwähnt die Fertigstellung der Turmspitze 1468. An der Südseite des Turmerdgeschosses befindet sich das Epitaph für Johannes Selbach mit einer Ölbergszene vom Anfang des 16. Jahrhunderts.

Der Turm

Mit der Reformation verlor die Bartholomäuskirche ihre Gemeinde. Die nahe Barfüßerkirche nutzte sie jetzt als Gemeindezentrum. 1571 musste die Kirche jedoch wegen Baufälligkeit geschlossen werden. 1660 vernichtete ein Brand den Bau und 1715 riss man die letzten Mauerreste ab. Erhalten blieb wie auch bei einigen anderen Kirchen nur der Turm, heute eines der letzten mittelalterlichen Bauwerke am Anger. Von 1591 bis 1942 fungierte der Bartholomäusturm als Läuteturm der Barfüßerkirche. In den beiden Weltkriegen verlor er jedoch seine bis ins 15. Jahrhundert datierenden Glocken durch Einschmelzen; eine der historischen Glocken (1481) befindet sich heute im ehemaligen Predigerkloster. Beim Einmarsch der amerikanischen Truppen im April 1945 erhielt der Turm einen Artillerietreffer, wobei die gotische Turmhaube und die Brüstung schwer beschädigt wurden.

Nach Kriegsende gab es immer wieder Klagen von Anliegern über den baulichen Zustand. Im Dezember 1945 stürzte die Turmhaube aus 35 Meter Höhe auf den Anger, wobei neben großem Sachschaden auch ein Menschenleben zu beklagen war. Mehr als eine Notabdeckung 1948 und kleinere Reparaturarbeiten erfolgten jedoch nicht. Seit 1972 gab es Pläne, den baufälligen Turm museal zu nutzen. Er sollte den „Museen der Stadt Erfurt“ übertragen und eine Aussichtsplattform angelegt werden. Im Treppenhaus war eine Ausgestaltung u.a. mit mittelalterlichen Baurechnungen und Dokumenten zum Brandschutz vorgesehen. 1977 beschloss der Rat der Stadt jedoch den Einbau eines Carillons, dessen Finanzierung das DDR-Kulturministerium übernahm. Dies stand im Zusammenhang mit der komplexen Umgestaltung des Angers zur Fußgängerzone mit neuen Anziehungspunkten wie dem „Angereck“ (1979).

Der Einbau des Carillons und die Übertragung an die städtischen Museen 1979 stellt die letzte Zäsur in der Geschichte des Turmes dar. Hiermit beginnt zugleich die Verknüpfung mit dem Stadtmuseum in der Johannesstraße. Das 1974 als „Museum für Stadtgeschichte“ eröffnete Haus gehörte zu einer Reihe von neuen Kultureinrichtungen, mit denen die Ausstrahlung der Bezirksstadt verstärkt werden sollte. Auch das größte Glockenspiel der DDR im Bartholomäusturm kann als eines dieser Prestigeobjekte der SED-Führung gelten. Es wurde unter überwältigender öffentlicher Anteilnahme am 7. Oktober 1979, dem 30. „Republikgeburtstag“, übergeben. Nach der friedlichen Revolution 1989/90 kam der Turm als Außenobjekt zum jetzigen Stadtmuseum Erfurt. 1992 erfolgte auf dessen Initiative eine grundlegende Sanierung. Dabei erhielt der einstige Kirchturm auch wieder eine hohe gotische Turmhaube. Mit dem Jubiläum 600 Jahre Bartholomäusturm 2012 würdigte das Stadtmuseum erneut die Bedeutung des wichtigen Kulturdenkmals.

Das Carillon

Glockenspiele sind sog. Schlagidiophone und gehören zur Untergruppe der Metallophone. Der Ton wird durch Anschlagen eines metallischen Klangkörpers erzeugt. Bei einem Glockenspiel sind das Klangplatten (wie bei den Kinderglockenspielen oder im Spielmannszug) oder Glocken. Ein Carillon, auch Konzert- oder Turmglockenspiel genannt, besteht aus mindestens 23 Bronzeglocken, die chromatisch aufeinander abgestimmt sind. Mit einer Handspieleinrichtung versehen, können so alle Tonarten wiedergegeben werden. Die Glocken sind fest im Glockenstuhl montiert, mit der Handspieleinrichtung werden lediglich die Klöppel der Glocken bewegt. Dabei kann der Carillonneur feinstufig die Stärke des Klöppelanschlags beeinflussen, indem er mehr oder weniger kräftig die Stocken, die „Tasten“ der Handspieleinrichtung, niederdrückt.

Der Ursprung der Turmglockenspiele ist in der Ankündigung des Stundenschlages zu sehen, mit dem die Aufmerksamkeit der Menschen geweckt wurde. Der Glöckner betätigte zum „Vorschlag“ die Klöppel von meist vier Glocken. Aus dem für diese Tätigkeit gebräuchlichen Wort „quatrillionem“ (lateinisch: quattuor - vier) leitet sich der Begriff „Carillon“ ab. Anfang des 16. Jahrhunderts begannen Glöckner in Flandern kleine Melodien mit den oft sehr umfangreichen Geläuten ihrer Kirchen zu spielen. Dazu fassten sie die Läuteseile in einer Vorrichtung zusammen. Besonders im 17. und 18. Jahrhundert waren Carillons in Europa weit verbreitete und beliebte Musikinstrumente. Zahlreiche Kompositionen sind aus dieser Zeit erhalten geblieben. Durch die Zerstörungen während der beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert sind in Europa nur noch sehr wenige historische Carillons zu finden. Die ältesten in Deutschland befinden sich in Hamburg (1938) und Lössnitz. (1939).

1977 beschloss die Stadt Erfurt die Errichtung eines Carillons im Bartholomäusturm. Das Ministerium für Kultur der DDR übernahm als Stifter die Kosten von ca. 1,5 Mio. Mark. Es sollte 1978 zur Quadriennale des Kunsthandwerks eingeweiht werden. Peter und Margarete Schilling konzipierten das Carillon, schufen die Glocken und alle Nebeneinrichtungen des Instrumentes. Die 60 Glocken wurden 1979 im VEB Glockengießerei Apolda, vormals Glockengießerei Schilling, gegossen. Inhaber Franz Schilling war 1972 enteignet und die Firma verstaatlicht worden. Dessen Sohn Peter Schilling führte die Gießerei fort, machte sich 1976 selbstständig und arbeitete als freischaffender Glockengießermeister. Die Arbeiten am Erfurter Carillon zogen sich so in die Länge, dass erst zum 30. Jahrestag der DDR 1979 ein feierliches Eröffnungskonzert stattfinden konnte. Glockengießermeister Peter Schilling protestierte allerdings, da zu diesem Zeitpunkt die Glocken noch nicht tonal rein gestimmt waren. Erst mit einer Überarbeitung aller Glocken im Jahre 1992 in der Glockengießerei Karlsruhe konnten diese Unreinheiten beseitigt werden. Seither gehört das Erfurter Carillon zu den klangschönsten Instrumenten in Deutschland.


Literaturtipp:

Steffen Raßloff: 30 Jahre Carillon im Bartholomäusturm. Ein Kapitel Erfurter Kulturgeschichte. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt 71 (2010). S. 149-162.


Siehe auch: Stadtmuseum Erfurt, Bartholomäusturm als Denkmal, Carillon, Geschichte der Erfurter Museen