Erfurt in hoechstem Glanze Fuerstenkongress 1808

Erfurt in höchstem Glanze

Beitrag der Serie Erfurter Fürstenkongress 1808 aus der Thüringer Allgemeine von Dr. Steffen Raßloff (2008)


Der Erfurter Fürstenkongress Napoleons prägte den Typus der modernen Gipfeltreffen. Bis hin zu den heutigen G-8-Treffen dienen sie mit äußerer Prachtentfaltung der Demonstration von Bedeutung und Macht.


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Mit der Entscheidung für Erfurt als Ort des Treffens zwischen Napoleon und Zar Alexander I. setzten vor Ort hektisch Vorbereitungen ein. Die “Kaiserliche Domäne” sollte sich von ihrer besten Seite zeigen. Viele Gebäude der Stadt wurden aufwändig saniert, die Straßen ausgebessert, Feierlichkeiten vorbereitet, Spruchbänder aufgehängt. Hierbei überschlug sich bisweilen die Phantasie der Erfurter, die aus einer Mischung von Napoleon-Begeisterung, Hoffnung aus positive Effekte des Treffens und Untertanengeist gespeist wurde. Auf einem der Spruchbänder war zu lesen: “Gäbs jetzt noch einen Göttersohn / So wärs gewiß Napoleon.”

Der Kaiser nahm seinen Sitz im ehemaligen kurmainzischen Statthalterpalais am Hirschgarten, der heutigen Thüringer Staatskanzlei. Das repräsentativste Profangebäude der Stadt wurde herausgeputzt und mit Möbeln und Accessoires im Empire-Stil ausgestattet. Im Barocksaal trafen sich die beiden großen Monarchen, denen die eingeladenen 34 Rheinbundfürsten einschließlich der Könige von Bayern, Sachsen, Württemberg und Westphalen als Statisten dienten.

Nicht zuletzt mit äußerer Prachtentfaltung und kulturellen Leistungen galt es die Deutschen und den Zaren zu blenden. Noch lange erinnerte man sich in Erfurt an Napoleons Ausspruch: “Ich will Deutschland durch Pracht und Glanz in Erstaunen setzen.” Der ganze Kongress bestand im Grunde nur aus Besuchen, Bällen, Ausflügen, Paraden, Illuminationen. Napoleon empfing in der Statthalterei im Stile des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Gäste zum Morgenempfang, darunter den deutschen “Dichterfürsten” Johann Wolfgang von Goethe. Bei “Pracht und Glanz” ist besonders an die abendlichen Theateraufführungen der Comédie-Française im Kaisersaal zu denken. All die hochrangigen Herrschaften sahen “Erfurt in seinem höchsten Glanze”, wie Kajetan Arnold seinen noch 1808 veröffentlichten Bericht des Erfurter Fürstentages betitelte.

So hat Erfurt eine neue Form von Gipfeltreffen kreiert, die bis zu heutigen G-8-Treffen im Grunde beibehalten wurde. Fortan sollten wichtige Zusammenkünfte von Monarchen und Staatschefs stets von aufwändigen Rahmenprogrammen begleitet werden. Mehr noch, ging und geht es in erster Linie um Zurschaustellung von Bedeutung und Macht - die große Politik als farbenprächtiges Schauspiel, der Kongress als Bühne. Die eigentlichen Verhandlungen dagegen wurden und werden meist im Verborgenen abgehalten. In Erfurt konnte am Ende des Kongresses jenseits der beiden Kaiser und weniger Eingeweihter keiner so recht sagen, worum es denn nun eigentlich gegangen sei. Der Weimarer Beobachter Karl von Stein brachte es ironisch auf den Punkt: “Das Lustigste bei dem Erfurter Aufenthalt war, dass niemand wusste, was mit der Zusammenkunft aller dieser hohen Häupter gemeint sei. Ich glaube, sie wussten es selbst nicht, den einzigen ausgenommen, der sie versammelt hatte.” (Abb. Zar Alexander und Napoleon in Erfurt, Stadtmuseum Erfurt)


Lesetipp:

Steffen Raßloff: Pracht und Glanz. Der Erfurter Fürstenkongress 1808. In: Erfurt. 55 Highlights aus der Geschichte. Erfurt 2021. S. 66 f.