Einwohner Fluechtlinge Kriegsende 1945

Einwohnerentwicklung 1945

Beitrag der TA-Serie 70 Jahre Kriegsende 1945 von Dr. Steffen Raßloff (07.03.2015)


Die überfüllte Stadt

70 Jahre Kriegsende (10) Zu Ende des Krieges hatte sich die Einwohnerzahl durch Evakuierte, Flüchtlinge und Zwangsarbeiter dramatisch erhöht


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Erfurt hat gut 205.000 Einwohner. Das ist etwa das Zehnfache der Zahl aus der spätmittelalterlichen Blütezeit. Mit seinen ca. 20.000 Einwohnern war Erfurt damals freilich eine der größten Städte des deutschen Reiches, ein herausragendes Handels- und Kulturzentrum. Nicht nur Martin Luther bestaunte um 1500 die „Erfordia turrita“, das türmereiche Erfurt mit seinen imposanten Bauwerken und zwei Mauerringen. Die Bevölkerungsentwicklung von der mittelalterlichen zur modernen Großstadt ging allerdings keineswegs geradlinig vonstatten. Vielmehr spiegeln sich in ihr auch grundlegende historische Prozesse wieder. Der Unterwerfung durch Kurmainz 1664 etwa folgte in Kombination mit einer großen Pestwelle der Bevölkerungsrückgang auf 7000 Ende des 17. Jahrhunderts. Nach allmählichem Wiederanstieg brachte die Industrialisierung eine förmliche Explosion: Von 44.000 zum Zeitpunkt der Reichsgründung 1871 stieg die Bevölkerung bis 1906 auf 100.000. Zu Beginn des Dritten Reiches zählte Erfurt ca. 150.000 Einwohner.

Den größten Sprung machte die Einwohnerentwicklung allerdings in den Monaten um das Kriegsende 1945. Im Herbst 1945 sollen über 220.000 Menschen in Erfurt gelebt haben. Ursache hierfür war die Aufnahme von Evakuierten, Flüchtlingen, Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und Häftlingen. In ganz Thüringen schätzt man ihre Zahl auf 800.000 – rund ein Drittel der Vorkriegsbevölkerung. Ende 1943 zählte man allein schon 3500 Evakuierte aus dem vom Luftkrieg stark betroffenen Rheinland. Bei der Einnahme der Stadt durch die Amerikaner am 12. April 1945 betrug die Zahl der Flüchtlinge fast 40.000. Viele von ihnen lebten in Notunterkünften oder Kellerlöchern, zumal auch tausende Erfurter durch die Bombenangriffe obdachlos geworden waren. Hinzu kamen die Zwangsarbeiter aus ganz Europa, die nahezu in jedem größeren Betrieb die Lücken der zur Wehrmacht einberufenen Arbeiter schließen sollten. Untergebracht waren sie meist in Barackenlagern.

Nach Kriegsende erfolgte zwar allmählich die Rückführung der Evakuierten, Gefangenen und Zwangsarbeiter, doch die Zahl der deutschen Heimatvertriebenen stieg sogar noch weiter an. Die Umsiedler, wie sie euphemistisch genannt wurden, lebten teils noch über Jahre unter primitivsten Verhältnissen. Eines der großen Lager auf dem Petersberg bestand bis zum August 1949. Am Ende hatten rund 670.000 Menschen diese Lager in Erfurt durchlaufen. Der größere Teil von ihnen zog weiter, manche fanden in Erfurt eine neue Heimat. Um 1950 pegelte sich die Einwohnerzahl dann auf ca. 190.000 ein. 1972 erreichte sie erneut die Grenze von 200.000, um zur „Wende“ 1989 etwa 220.000 zu betragen. Danach schien sich die Entwicklung wie fast überall im Osten dramatisch umzukehren. Abwanderung und Geburtenrückgang ließen die Einwohnerzahl 2002 auf unter 200.000 fallen. Aber auch dieser scheinbar unaufhaltsame Schrumpfungsprozess hat sich längst wieder umgekehrt. (Foto: im Luftkrieg zerstörte Notunterkünfte im ehemaligen Kriegsgefangenenlager am Johannesplatz 1945, Stadtarchiv Erfurt)


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt, Erfurt im Nationalsozialismus, Bevölkerungsentwicklung in Erfurt