Collegium maius Geschichte

Geschichte des Collegium maius

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Das Collegium maius, Hauptsitz der Alten Universität (1379-1816), ist eines der herausragenden Kulturdenkmale der Stadt Erfurt. Das 1945 im Bombenkrieg zerstörte Gebäude wird nun endlich rekonstruiert. Damit erhält das lateinische Viertel der traditionsreichen Alma mater Erfordiensis sein Herzstück zurück. Allerdings wird nach dieser erfreulichen Renaissance die Universität Erfurt nicht wieder in das historische Gebäude einziehen. Auch geplante Einbauten in den Festsaal durch den neuen Hausherren, die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM), haben zeitweise für Irritationen gesorgt. Ein Blick auf die Geschichte jenes Hauses, das über Jahrhunderte die “gute Stube” der Universität Erfurt bildetete und in der Wendezeit 1989 zum Symbol für geistig-kulturellen Aufbruch wurde, mag die Turbulenzen um den Wiederaufbau des Collegium maius verständlich machen, aber auch die Vorfreude auf seine Fertigstellung steigern.

Der junge Martin Luther war beeindruckt vom regen geistigen Leben im lateinischen Viertel der pulsierenden Metropole Erfurt. Neben Erfurt nähmen sich alle übrigen Universitäten wie “kleine (ABC-)Schützenschulen” aus, so der spätere Reformator. Beim Eintrag in die Matrikel im Sommersemester 1501, immerhin das erste urkundlich verbürgte Datum seines Lebens (Erich Kleineidam: Universitas Studii II, 1992), wehte “Martinus Ludher ex Mansfeldt” im Collegium maius bereits der Geist von gut hundert Jahren Hochschulgeschichte an. Die 1379 privilegierte Hierana (= Universität an der Gera), älteste Universität im heutigen Deutschland vor Heidelberg und Köln, galt zu jener Zeit noch immer als eine der renommiertesten Hochschulen Mitteleuropas.

Von Luthers “Studentenwohnheim”, der 1983 rekonstruierten Georgenburse in der Augustinerstraße, war es nur ein Katzensprung zum Herzstück des lateinischen Viertels, dem Collegium maius in der Michaelisstraße. In seiner unmittelbaren Nähe befanden sich die meisten Bursen, Collegien, die Universitätskirche (Michaeliskirche) sowie zahlreiche Druckereien. Im Collegium maius war auch die Philosophische Fakultät untergebracht, mit der das Studium begann, ehe man später eine der drei höheren Fakultäten (Recht, Medizin, Theologie) besuchen konnte. Luther schloss jenes philosophische Grundstudium der sieben Freien Künste (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie) 1505 erfolgreich als Magister Artium (= Meister der Künste) ab. Sein anschließendes Jurastudium brach er nach dem legendenumwobenen Stotternheimer “Gewittererlebnis” im Juli 1505 ab und trat als Mönch in das Augustinerkloster ein. Dies gilt als “Werdepunkt der Reformation”, wie es auf dem Lutherstein bei Stotternheim heißt.

Der Student und Magister Luther ist allerdings nie, wie man in manchen Reiseführern lesen kann, durch das markante Kielbogenportal des Collegium maius von 1512 geschritten. Das alte Gebäude, vermutlich schon seit der Aufnahme des Lehrbetriebes 1392 von der Universität genutzt und ausgebaut, war während des “Tollen Jahres” von Erfurt 1509/10 im August 1510 bei Kämpfen zwischen Studenten sowie Söldnern und Bürgern beschädigt und anschließend samt neuem Portal rekonstruiert worden. Dennoch bleibt das 1510 also keineswegs, wie bisweilen ebenfalls falsch behauptet wird, total zerstörte Collegium maius natürlich auch ein zentraler Erinnerungsort der Lutherstadt Erfurt, war der spätere Reformator doch der prominenteste Absolvent und Lehrer der hiesigen Universität. Sein ganzes Leben lang behielt Luther eine enge Beziehung zu Erfurt und seiner Alma mater (= nährenden Mutter). 1513 gab er das klare Bekenntnis ab: “Die Erfurter Universität ist meine Mutter, der ich alles verdanke.”

Bei den Wiederbelebungsversuchen der 1816 von den Preußen geschlossenen Universität spielte das am 9. Februar 1945 von amerikanischen Fliegerbomben zerstörte Collegium maius von Beginn an eine wichtige Rolle. 1983 war im Rahmen der großen Lutherehrung in der DDR das Portal wieder errichtet worden. Die 1987 als kritisch beäugte DDR-Bürgerbewegung gegründete Universitätsgesellschaft hatte es sich zu einem zentralen Anliegen gemacht, das symbolträchtige Gebäude wieder zu errichten. Besonders in der Wendezeit 1989 wurde es zum emotionalen Symbol für einen geistig-kulturellen und baulichen Aufbruch in Erfurt. Mit der von der Universitätsgesellschaft angestoßenen Wiedergründung der Universität Erfurt 1994 schien das große Ziel auch erreichbar. Viele Bürger beteiligten sich ehrenamtlich und durch Spenden an dem Projekt. 1999 konnte mit Fördermitteln im Rahmen des europäischen Kulturhauptstadtjahres Weimar der Rohbau fertiggestellt werden.

Vor diesem Hintergrund kann es nicht erstaunen, dass sich unter den Mitgliedern der Universitätsbewegung und vielen engagierten Bürgern zunächst Enttäuschung breit machte, als die Stadt Erfurt nach dem Nichtzustandekommen einer Lösung mit der Universität das Gebäude 2008 an die Evangelische Kirche verkaufte. Bis 2010 soll es zusammen mit dem rückwärtigen Bibliotheksgebäude als Verwaltungssitz für die neue Evangelische Kirche in Mitteldeutschland rekonstruiert und durch einen Neubau in der Studentengasse ergänzt werden. Die Universitätsgesellschaft, die sich zwei Jahrzehnte intensiv um den Wiederaufbau des Collegium maius bemüht hatte, wurde an diesem Prozess und den Bauplanungen nicht beteiligt. Besondere Aufregung riefen die Pläne zu Einbauten in den historischen Festsaal im ersten Obergeschoss hervor, um dort Beratungsräume zu gewinnen. Zahlreiche Proteste sowie offene Briefe der Universitätsgesellschaft und des Erfurter Geschichtsvereins zum Erhalt des Saales waren die Folge.

Die Verärgerung wurzelte besonders in der Behauptung, es gebe keine Beweise für die Existenz des großen Saales, der wohl nie so in ganzer Größe bestanden habe. Er war aber tatsächlich beim Wiederaufbau des Collegium maius nach 1510 für “das obere Stockwerk gleich von Anfang an als weiträumiger, das ganze Geschoss einnehmender Hör- und Festsaal” (Werner Schellenkamp: Baugeschichte des “Collegium Majus” der Universität Erfurt, 1936) geplant worden. Die späteren Einbauten für die Bibliothek (1690) waren zum 400. Universitätsjubiläum 1792 bereits wieder entfernt. Bis zu seiner Zerstörung 1945 ist der Saal vielfältig genutzt worden. Über das Ende der Universität hinaus sorgten besonders die Akademie gemeinnütziger Wissenschaften und der Geschichtsverein für akademisches Leben. Am 17. März 1923 hielt Bauhaus-Leiter Walter Gropius auf Einladung des Kunstvereins einen Vortrag. Eine der letzten großen Veranstaltungen, die hier durchgeführt wurden, war der 19. Deutsche Historikertag 1937. Nach einer umfassenden Sanierung 1936 stand der Saal “wieder in würdigem Kleide vor uns, ein Zeugnis für die Bedeutung Erfurts in der Geschichte der deutschen Wissenschaft” (Schellenkamp). Die Wiederaufbauplanungen seit der späten DDR-Zeit sahen hieran anknüpfend im “Festsaal des Obergeschosses” einen zentralen Bestandteil des “Kulturdenkmals von europäischem Rang” (Gerhard Kaiser, 1988), dessen komplette Rekonstruktion auch von der heutigen Denkmalpflege befürwortet wurde.

“Gesamterlebbarkeit des großen Saales mit den erhaltenen historischen Ausbauelementen [besonders die gotischen Nordfenster, das Kathederfenster und deren bedeutende historische Verglasung, S.R.]” - so lautete die denkmalpflegerische Zielstellung durch Landeskonservator Dr. Stefan Winghart. Nach teils turbulenter öffentlicher Diskussion und Interventionen von Universitätsgesellschaft und Geschichtsverein kam es zu einer Lösung in diesem Sinne. Der ausgewählte Entwurf von Steinblock Architekten in Magdeburg bietet nunmehr einen tragfähigen Kompromiss. Durch die flexible und transparente Form der Einbauten soll der Saal weitgehend erlebbar bleiben und auch für größere Veranstaltungen mit bis zu 210 Plätzen genutzt werden können. Damit wird die Evangelische Kirche ihrer Verantwortung für das herausragende Kulturdenkmal gerecht.

So überwiegt beim Blick auf die kommende Renaissance des Collegium maius mittlerweile die Vorfreude auf seine Fertigstellung. Das Wichtigste: Erfurt erhält ein herausragendes Kulturdenkmal von internationaler Ausstrahlung zurück. Ein Großes Kolleg bzw. Hauptgebäude aus dem späten Mittelalter können nur wenige mitteleuropäische Universitäten vorweisen, sind doch die meisten heutigen Hochschulen sehr viel jünger. Das zeigt auch ein Blick ins Internet. Dort sind nur das Collegium maius in Erfurt und selbiges in Krakau präsent. In der “heimlichen Hauptstadt” Polens erfüllt der einstige Hauptsitz der Jagiellonen-Universität aus dem 15. Jahrhundert genau die Funktion, die sich viele Erfurter für ihr Collegium maius erhofft hatten. Der gotisch-neogotische Prachtbau ist als lebendiges Universitäts-Museum ein einzigartiges Aushängeschild in der Krakauer Altstadt, während sich die 40.000-Studenten-Uni mittlerweile längst jenseits des Zentrums ausdehnt. Einen solchen Repräsentationsort, für den zeitweise das international renommierte Max-Weber-Kolleg als Nutzer im Gespräch war, hätte Erfurt mit seiner Campusuniversität am Stadtrand gut gebrauchen können. Wenn nun die Evangelische Kirche einziehen wird, ist das aber auch zweifellos eine angemessene Nutzung des historischen Gebäudekomplexes. Zudem hat die Kirche Luthers bereits zugesagt, dass das Collegium maius als universitärer Symbolort erlebbar bleiben soll. (Foto: Collegium maius um 1900, Stadtarchiv Erfurt)


Text aktualisiert nach: Steffen Raßloff: Das Collegium maius. Renaissance eines herausragenden Kulturdenkmals. In: Stadt und Geschichte. Zeitschrift für Erfurt 43 (2009). S. 22 f.