Wahlen Hitler

Hitlers Wähler in Erfurt

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Bis heute bildet das Dritte Reich allein schon aufgrund seiner einzigartigen Verbrechen ein zentrales Thema nicht nur der Geschichtswissenschaft. Gerade die Fragen: Wie konnte es zur Nazi-Diktatur kommen? Wer waren vor 1933 die nationalsozialistischen Anhänger- und Wählermassen? sind immer wieder gestellt worden. Schon den Zeitgenossen galt es hierbei als eine ausgemachte Sache, dass der kometenhafte Aufstieg der NSDAP ab 1929/30 in überwiegendem Maße den bürgerlichen Mittelschichten - Handwerker, Kleinhändler, Gastwirte, kleinere Beamte und Angestellte - zuzuschreiben sei. Nach dem II. Weltkrieg stilisierte man zeitweise den protestantischen Kleinbürger geradezu zum Prototypen des NS-Wählers. Die neuere Forschung - genannt sei das Buch "Hitlers Wähler" (1991) des bekannten Wahlanalytikers Jürgen W. Falter - hat dieses doch recht apodiktische und einseitige Bild relativiert. Die NSDAP gilt seither als eine sozial durchaus weitgespannte "Volkspartei des Protestes", freilich eine "Volkspartei mit Mittelstandsbauch". Ihre starke mittelständische Basis wird also nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Zugleich betont man den Umstand, dass die Nationalsozialisten neben der Mobilisierung vieler Nichtwähler in hohem Grade den bürgerlich-nationalen, protestantischen Parteien ihre Anhänger abspenstig gemacht hätten, während katholisches und sozialistisches Lager gegenüber der braunen Versuchung deutlich resistenter gewesen seien.

In der zu 85% evangelischen Stadt Erfurt hatten sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwei große Milieus herausgebildet, die im wesentlichen die Sozialschichten Bürgertum und Arbeiterschaft soziokulturell überformten und sich als politische Lager scharf voneinander abgrenzten. Am Ende des Kaiserreiches erreichte die SPD als sozialistische "Milieupartei" gut 50% der Wählerschaft, während im bürgerlichen Lager die Nationalliberale Partei vor den Konservativen dominierte. Nach der Novemberrevolution 1918 setzte unter den gewandelten Rahmenbedingungen der Weimarer Republik eine rasante Veränderung des bisher recht stabilen Parteiensystems ein. Während es im sozialistischen Lager v.a. "konjunkturelle" Schwankungen zwischen gemäßigtem und radikalem Flügel gab - die SPD dominierte in der ruhigeren Phase der mittleren 20er Jahre, die USPD/KPD in den Krisenzeiten am Beginn und Ende der Republik -, wandelte sich das Gesicht des bürgerlich-nationalen Lagers grundlegend. Man könnte hierbei von einem schrittweisen Rechtsruck sprechen, der in den 42,2% für die NSDAP bei den Reichtagswahlen vom 31. Juli 1932 gipfelte.

Bei den Wahlen zur Nationalversammlung im Januar 1919 hatte sich die liberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) als stärkste Bürgerpartei etabliert. Ihre auf Überbrückung der tiefen gesellschaftlichen und politischen Spannungen gerichtete republiktreue Programmatik verlor jedoch schon in der frühen Bürgerkriegsphase 1919/20 jeglichen Rückhalt in der Bürgerschaft, die sich jetzt wieder mehrheitlich an den Nationalliberalen und Konservativen - sie firmierten seit 1918 als Deutsche Volkspartei (DVP) und Deutschnationale Volkspartei (DNVP) - orientierte. Der stetige, objektive wie subjektiv empfundene Statusverlust des Mittelstandes seit Krieg und Revolution führte jedoch bald zu einem tiefgreifenden Vertrauensverlust der traditionellen Honoratiorenparteien. Ergebnis dieses Prozesses war die Gründung eigenständiger Interessen- bzw. Mittelstandsparteien, die in den mittleren 20er Jahren erhebliche Wähleranteile erreichten. Die schwelende wirtschaftlich-soziale Dauerkrise auch auf kommunaler Ebene - seit 1927 scheiterte trotz permanenter Steuer- und Abgabenerhöhungen mehrfach die Verabschiedung eines ausgeglichenen Stadtetats - erzeugte schließlich eine Art grundlegender "Politikverdrossenheit", die alle Bürgerparteien betraf.

So suchte eine breite Wählerschicht schon vor dem Einsetzen der Weltwirtschaftskrise Ende 1929 erneut nach "lagerinternen" Alternativen. Zunächst sah man eine solche im nationalistisch-antisemitischen Demagogen Adolf Schmalix, der zum allgemeinen Entsetzen die Stadtverordnetenwahl vom November 1929 gewinnen konnte. Nur ein knappes Jahr später in den Reichstagswahlen vom September 1930 war dieses Potenzial jedoch an die NSDAP übergegangen, die nunmehr mit 16,9% zur deutlich stärksten Kraft im bürgerlichen Lager aufstieg ? nur gut zwei Jahre zuvor war sie noch eine Splitterpartei von 3,7% gewesen. Diesen rasanten Aufstieg verdankten die Nationalsozialisten wie bereits die Interessenparteien und Schmalix in besonderem Umfang den Stimmen des breiten Mittelstandes, erreichten aber auch in den "besseren Gegenden" der Oberschicht schon beachtliche Wähleranteile. Denn es gelang der NSDAP zunehmend, sich in blutigen Zusammenstößen zum "Schutzschild" gegen die Kommunisten zu stilisieren und die ideologischen Grundüberzeugungen des nationalen Bürgertums am offensivsten und überzeugendsten zu propagieren. Man traute ihr, kurz gesprochen, am ehesten die Umsetzung der allseits beschworenen Utopie einer harmonischen nationalen Volksgemeinschaft zu. Zugleich umwarb sie gezielt den Mittelstand, der seit jeher gerade für antisemitische Argumentationen angesicht der starken Stellung der Juden im Erfurter Wirtschaftsleben sehr anfällig war.

Das dramatische Ausufern der auch die Bürgerschaft massiv in ihren Strudel reißenden Weltwirtschaftskrise verlieh all diesen Tendenzen eine wachsende Dynamik. So kam die sturmreife Festung der bürgerlich-nationalen Parteien im Sommer 1932, auf dem Höhepunkt der Sozial- und Staatskrise der Weimarer Republik mit 6 Mio. Arbeitslosen, endgültig zu Fall. Jetzt nützte es angesichts der allgemeinen Unzufriedenheit, ja Verzweiflung nichts mehr, dass die Honoratioren der Altparteien nach wie vor die wichtigen Schaltstellen des Milieus besetzten und die Presse beherrschten. Der dramatische Aufruf der "Thüringer Allgemeinen Zeitung" (TAZ) am Wahltage (siehe Abb.), mit dem Votum für eine traditionelle Bürgerpartei die drohende "einseitige Parteidiktatur" zu verhindern, fruchtete nicht mehr. In einer beispiellosen Wahlkampagne hatte die NSDAP alle Hebel in Bewegung gesetzt, war mit ihrer SA ständig auf der Straße präsent, inszenierte sich als einzige modern-dynamische Integrationspartei, nutzte alle Möglichkeiten der medialen Selbstdarstellung und organisierte zahllose Wahlveranstaltungen. Die TAZ sprach von einer regelrechten "Versammlungslawine", die da über die Stadt hinwegrollte. Den absoluten Höhepunkt stellte die Veranstaltung in der "Mitteldeutschen Kampfbahn", dem heutigen Steigerwaldstadion, am 26. Juli 1932 dar, auf der Hitler vor über 60.000 Zuhörern eine begeistert aufgenommene Rede hielt; etwas vergleichbares hatte es bisher in Erfurt nicht gegeben, brachte keine andere Partei auf die Beine.

Daher konnte es nicht wirklich verwundern, dass die NSDAP im Juli 1932 mit 42,2% in Erfurt - der Reichsdurchschnitt lag bei 37,4% - nicht nur die mit Abstand stärkste Partei wurde, sondern dass zugleich die übrigen Bürgerparteien nahezu aufgerieben wurden. Erwartungsgemäß erfasste diese enorme Suggestivkraft am stärksten den Mittelstand, der endlich den Ausweg aus der fundamentalen Krise in einer nationalen Erneuerungsbewegung mit einem charismatischen Führer gefunden zu haben glaubte. In einigen Stimmbezirken der Krämpfervorstadt, hier wohnten v.a. Post- und Bahnbeamte, Angestellte, Handwerker und Kleinhändler, erreichte die NSDAP weit über 60% der Wählerstimmen, soviel wie nirgends sonst in der Stadt. Die alten Bürgerparteien verkamen dagegen zu völliger Bedeutungslosigkeit, erreichten alle zusammen nicht einmal mehr ein Fünftel des Elektorats. Im "gutbürgerlichen" Südwesten, im Löberfeld, Dreienbrunnenfeld und am Fuße der Cyriaksburg, hielten sich Altparteien und NSDAP noch fast die Waage, aber auch das stellte einen massiven Einbruch in diese Hochburgen des Nationalliberalismus und Konservativismus dar.

Die milieugeprägten Arbeiterviertel des Nordens blieben dagegen den Nationalsozialisten bis zuletzt weitgehend verschlossen. So vereinten KPD und SPD im Juli 1932 wie bisher in ihrem "Rekordstimmbezirk" Salinenstraße über 80% aller Stimmen auf sich. Auch in eher gemischten Wohngebieten kam die NSDAP meist nicht über den vorherigen Anteil des bürgerlichen Lagers hinaus. Das Verhältnis der beiden Parteienblöcke hatte sich kaum verschoben, die Arbeiterparteien konnten ihren Anhang weitgehend zusammenhalten. Auch bei der Mobilisierung bisheriger Nichtwähler, gerade von der älteren Forschung häufig als besondere Stärke der Nationalsozialisten hervorgehoben, standen sich beide Lager in nichts nach. So kann man die NS-Wahlsiege letztlich wohl v.a. dem rapiden Vertrauensverlust der traditionellen Bürgerparteien und neuen Interessenlisten zuschreiben. Insbesondere der Liberalismus war als ehemals stärkste politische Kraft der (nicht einmal zwei Jahrzehnte zurückliegenden) Kaiserzeit nahezu von der Bildfläche verschwunden.

Ohne die Hinweise auf gänzlich andere Erklärungsmuster, etwa innerfamiliäre Generationenkonflikte, zu übersehen, kommt die bereits auf die Zeitgenossen zurückgehende "Mittelstandsthese" den realen Gegebenheiten offensichtlich doch recht nahe. Es waren die zutiefst verunsicherten Kleinbürger, die zwar keineswegs allein, aber doch in deutlich höchstem Maße zu den Wahlsiegen der Hitler-Partei beitrugen. Sie verhalfen den Nationalsozialisten auch in vielen anderen Städten und Regionen mit zu jener Massenbasis, von der aus ihr Führer immer vehementer die "Machtergreifung" anstreben konnte. Dennoch ist Hitler nicht durch Wahlen an die Macht gekommen. Hinter seiner Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 steckte das Kalkül der alten Eliten um den greisen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, sich mit Hilfe einer populären Massenbewegung ein festeres Fundament für eine neue konservative Präsidialregierung zu legen. "Wir haben ihn uns engagiert" - so im arroganten Tone überzeugter Machtvollkommenheit der wesentlich beteiligte Ex-Kanzler Franz von Papen. Dies sollte sich allerdings rasch als die verhängnisvollste Fehlkalkulation der deutschen Geschichte erweisen.


Text: Steffen Raßloff: Wer wählte Hitler? Wahlanalytische Überlegungen am Beispiel Erfurts. In: Stadt und Geschichte. Zeitschrift für Erfurt 15 (2002). S. 27 f.


Siehe auch: Erfurt im Nationalsozialismus