Luftkrieg Kulturdenkmale

Zerstörte Kulturdenkmale

Beitrag der TA-Serie 70 Jahre Kriegsende 1945 von Dr. Steffen Raßloff (07.02.2015)


Beeindruckende Renaissance

70 Jahre Kriegsende (6): Auch bedeutende Kulturdenkmale wurden im Krieg zerstört, wobei nicht alle rekonstruiert werden konnten.


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Wie gegenwärtig die Folgen des Zweiten Weltkrieges in unserer Stadt noch immer sind, war in letzter Zeit eindrucksvoll zu erleben. Es hatte knapp sieben Jahrzehnte gedauert, ehe beispielsweise zentrale Erinnerungsorte der Lutherstadt Erfurt, die durch Fliegerbomben zerstört worden waren, wieder rekonstruiert werden konnten. Umso bemerkenswerter ist das, was kurz vor dem großen Reformationsjubiläum 2017 Schlag auf Schlag vollbracht wurde: Das Hauptgebäude von Luthers Universität, das Collegium maius in der Michaelisstraße, öffnete 2011 als Landeskirchenamt seine Pforten. Schon ein Jahr zuvor hielten in Luthers „Studentenwohnheim“, der Georgenburse in der Augustinerstraße, nach umfassender Sanierung eine Pilgerherberge und eine historische Ausstellung Einzug. Große Teile des Augustinerklosters wurden zeitgleich in moderner Formensprache rekonstruiert. Sicher hat dies auch die guten Chancen Erfurts weiter beflügelt, 2017 mit Luthers Kloster auf die UNESCO-Welterbeliste zu gelangen.

Die Zerstörung des Collegium maius am Mittag des 9. Februar 1945 hatte schon die Zeitgenossen besonders geschmerzt (Abb. 2). Erst zehn Jahre zuvor war die Stadtbibliothek nach gründlicher Sanierung in den Sitz der ältesten Universität im heutigen Deutschland eingezogen. Es galt als einer der wichtigsten Symbolorte für die mittelalterliche Kulturmetropole Erfurt. Die Bomber der US Army Air Forces warfen bei ihrem Tagesangriff nach Recherchen von Helmut Wolf 120 Sprengbomben mit einem Gesamtgewicht von 30 Tonnen ab. Der Angriff hatte ausdrücklich dem „Center of City“ gegolten und weitere Kulturdenkmale wie den letzten Wallturm der äußeren Stadtbefestigung am Boineburgufer zerstört. Nach der unmittelbaren Nachkriegszeit rückte die Rekonstruktion des Collegium maius zu einem emotional tief verankerten Anliegen vieler Erfurter auf. Im Lutherjahr 1983 konnte zumindest das Portal wiedererrichtet werden. Wesentliche Impulse gab schließlich die 1987 gegründete Universitätsgesellschaft Erfurt, ehe die Evangelische Kirche Mitteldeutschlands das Werk vollendete.

Aber nicht allen Kulturdenkmalen, die im Krieg zerstört wurden, ist eine solche beeindruckende Renaissance vergönnt gewesen. Beispielhaft für die lebendigen Diskussionen über den Umgang mit Kriegsruinen steht die Barfüßerkirche. Dieses herausragende Beispiel mittelalterlicher Bettelordens-Baukunst war in der Nacht des 26. November 1944 bei einem britischen Bomberangriff zerstört worden. Durch den Treffer einer Luftmine fiel das Langhaus in Trümmer, der Hohe Chor wurde schwer beschädigt. Seit 1983 beherbergt der sanierte Chor eine Ausstellung des Angermuseums zu mittelalterlicher Kunst, das Langhaus wird als Ruine denkmalpflegerisch in Stand gehalten und im Sommer für Kulturveranstaltungen genutzt. Für die Zukunft gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen. Während ein Initiativkreis die Wiederherstellung des Baukörpers in seiner ursprünglichen Kubatur anstrebt, gibt es auch Befürworter des jetzigen Zustandes, die auf denkmalpflegerische und finanzielle Gesichtspunkte verweisen. (Fotos: Collegium maius 2011 [Dr. Steffen Raßloff] und 1945 [Stadtarchiv Erfurt])


Siehe auch: Collegium maius, Barfüßerkirche, Erfurt im Luftkrieg, Erfurt im Nationalsozialismus