Historiker Rassloff Stadion Rot Weiss Erfurt

Auch Historiker gehen gerne ins Stadion ...

Dr. Steffen Raßloff nennt einen von 111 Gründen, den FC Rot-Weiß Erfurt zu lieben.


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Unter einem Historiker stellen sich viele Leute einen älteren Herrn vor, der in verstaubten Bibliotheken und Archiven in die Vergangenheit abtaucht. Er trägt Ärmelschoner und graue Sakkos. Vorbilder hierfür finden sich unter den skurrilen Gestalten des Malers Carl Spitzweg, bekannt für seinen „armen Poeten“. Eher trocken veranlagt, pflegt der Historiker Umgang mit seinen akademischen Standesgenossen von der Universität und meidet banale Massenveranstaltungen. Ganz gewiss geht so einer nicht ins Stadion und ist schon gar kein eingefleischter Fußballfan!

Umso größer ist oft das Erstaunen, wenn ich mich als Historiker und als regelmäßiger Stadion-Besucher mit RWE-Mitgliedsausweis zu erkennen gebe. Selbstverständlich gehören die großen Erfolge Erfurter Sportler einschließlich der zwei DDR-Fußballmeistertitel von Turbine 1954/55 in meine „Geschichte der Stadt Erfurt“. So mancher in der Kulturszene hat mich schräg angeschaut, als ich deutlich für eine moderne Arena Partei ergriffen habe, um auch in Zukunft höherklassigen Fußball an der Gera erleben zu können.

Aber allen Nichthistorikern sei versichert: Ich bin damit kein Exot. Es gibt in unserer Zunft mehr Fußballfreunde als man denkt, selbst an der Universität Jena, aber das ist ein anderes Thema … Oft wird auch vergessen, dass Historiker nicht als solche auf die Welt kommen, sondern zuvor Kindheit und Jugend durchleben. Bei mir war das nicht anders. Als echte „Puffbohne“ bin ich in einer Familie aufgewachsen, in der Erzählungen aus den großen Tagen der Turbine-Mannschaft und von Heimspielen vor 50.000 Zuschauern dazu gehörten.

Mein persönliches Erweckungserlebnis datiert auf den 25. April 1981. Als 12-Jähriger erlebte ich im Georgij-Dimitroff-Stadion vor 29.000 Zuschauern mein erstes Heimspiel – und gleich ein brisantes Thüringen-Derby gegen Jena! Obwohl Mittelstürmer Jürgen Heun, einer der Helden meiner Jugend, mehrfach an Zeiss-Torwart Grapenthin scheiterte und die „FuWo“ (Neue Fußballwoche) hinterher von einem eher durchschnittlichen 0:0 berichtete, war dies für mich der Beginn einer großen Leidenschaft. Bis zum Ende der DDR-Zeit habe ich nur wenige Spiele am Steigerrand verpasst. Spektakuläre Siege gegen die Großen aus Berlin, Dresden, Magdeburg, Jena und Leipzig sind mir ebenso im Gedächtnis geblieben, wie Blamagen gegen Cottbus oder Schkopau.

Der Fußball hat seither nur wenig von seiner Faszination für mich verloren, auch wenn mitreißende Spiele vor vollem Haus in Erfurt recht selten geworden sind. Aber wer fast ein Jahrzehnt lang in der DDR-Oberliga vergeblich auf die Qualifikation für den Europapokal gehofft hat, der lernt Durststrecken zu verkraften und in längeren Zeiträumen zu denken. Womit wir wieder beim Historiker wären. Fußball hat für mich auch viel mit Tradition zu tun. Der FC Rot-Weiß Erfurt bietet mit seinem 50. Gründungsjubiläum 2016 und einer noch viel weiter zurückreichenden Fußballgeschichte – Turbine, KWU, Fortuna, Erfurt-West, SC – hiervon jede Menge.

Mögen Tausende Leipziger seit einigen Jahren Lok und Chemie enttäuscht den Rücken kehren und die millionenschwere Fußballabteilung eines Getränkeherstellers anfeuern – eine solche Entwicklung wünsche ich mir für Erfurt nicht! Für eine Konjunktur-Fanschaft auf Knopfdruck bzw. Dosenöffnung bin ich nicht zu haben. Aber es wäre natürlich schon schön, wenn meine Kollegen der Zukunft über sportliche Erfolge in unserer Gegenwart berichten könnten. Die neue Arena am Steiger bietet hierfür immerhin einen erstklassigen Rahmen. Dort dürften sich dann auch für die kommenden Generationen genügend Gründe finden, den FC Rot-Weiß Erfurt zu lieben.


Steffen Raßloff: Weil auch Historiker ins Erfurter Stadion gehen. In: Michael Kummer: 111 Gründe, Rot-Weiß Erfurt zu lieben. Berlin 2016. S. 175-177.


Siehe auch: Dr. Steffen Raßloff, FC Rot-Weiß Erfurt, Steigerwaldstadion, Multifunktionsarena