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Die 2009 eingeweihte Leuchtschrift '''Willy Brandt ans Fenster''' des Künstlers David Mannstein auf dem Dach des '''[[Erfurter Hof|Erfurter Hofes]]''' erinnert an das erste deutsch-deutsche '''[[Erfurter Gipfeltreffen|Gipfeltreffen]]''' in Erfurt 1970.
Die 2009 eingeweihte Leuchtschrift '''Willy Brandt ans Fenster''' des Künstlers David Mannstein auf dem Dach des '''[[Erfurter Hof|Erfurter Hofes]]''' erinnert an das erste deutsch-deutsche '''[[Erfurter Gipfeltreffen|Gipfeltreffen]]''' in Erfurt 1970.



Version vom 18. März 2010, 11:27 Uhr

Willy Brandt Denkmal in Erfurt

Brandtdenkmal.jpg

Die 2009 eingeweihte Leuchtschrift Willy Brandt ans Fenster des Künstlers David Mannstein auf dem Dach des Erfurter Hofes erinnert an das erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen in Erfurt 1970.

Sie wird ergänzt von einem Info-Terminal und der nächtlichen Erleuchtung des "Willy-Brandt-Zimmers" im Erfurter Hof.

Informationen auf der Internetseite der Stadt Erfurt

David Mannsteins Leuchtschrift-Denkmale

Der Berliner Künstler David Mannstein (Jg. 1958), Absolvent der Weimarer Bauhaus-Universität, hat sich in Thüringen einen Namen gemacht. Mit seinen Leuchtschrift-Installationen sorgte er in Erfurt, Jena und Weimar für lebhafte Diskussionen. Besonders der Wirbel um das Denkmal für das Erfurter Gipfeltreffen 1970 mit der im Mai 2009 eingeweihten Leuchtschrift “Willy Brandt ans Fenster” wirft dabei erhellende Schlaglichter auf die alte Kontroverse zwischen zeitgenössischem Künstler, der neue Wege beschreitet, und dem Bürger, der dies skeptisch beäugt. Allerdings geht der Diskurs keineswegs in dieser Konstellation auf, zumal es sich bei den Mannstein-Projekten nicht um L’art pour l’art handelt, sondern um exponierte Projekte öffentlicher Erinnerungskultur. Deren Verwirklichung bewegt sich traditionell in einem Spannungsfeld von künstlerischem Gestaltungswillen und der legitimen Forderung nach historischer Korrektheit bzw. Aussagekraft.

Das erste größere Leuchtschrift-Projekt Mannsteins entstand 2004 für die Weimarer Kunstgalerie ACC. Unter dem Titel “... vorausgesetzt, dass er noch dort ist” spielt eine LED-Laufschrift an der Fassade des Hauses vis-a-vis vom Stadtschloss den Briefwechsel des Emil Ulbrich von 1946 bis 1950 ab. Jener Briefwechsel eines einfachen Bürgers schlägt eine Schneise der Erinnerung in die Nachkriegsgeschichte, verweist auf eine Zeit voller materieller und ideeller Nöte. Die elektronische Schrift auf der Fassade des ACC soll sich deutlich von “den serifengewaltig dargebrachten Äußerungen der großen Meister im klassizistischen Weimar” abheben. Hier zeigt sich bereits der Ansatz Mannsteins, mit moderner Formensprache historische Themen künstlerisch zu verarbeiten. Als charakteristisches Ausdrucksmittel dient dabei die Leuchtschrift im öffentlichen Raum. In Erfurt und Jena konnte er damit 2007 und 2008 Ausschreibungen für Denkmalprojekte gewinnen, die keinen geringeren Persönlichkeiten gewidmet sind als Willy Brandt, Goethe und Schiller bzw. deren historische Bindung an beide Städte verdeutlichen sollen. Entsprechend groß und kontrovers war die Anteilnahme.


"Willy Brandt ans Fenster"

Die größte öffentliche Aufmerksamkeit erregt hat Mannsteins Entwurf für das Denkmal zur Würdigung des ersten deutsch-deutschen Gipfeltreffens zwischen Willy Brandt und Willi Stoph am 19. März 1970 in Erfurt. Tausende Erfurter hatten seinerzeit die Polizei- und Stasi-Absperrungen vor dem Hotel “Erfurter Hof” überrannt und “Willy Brandt ans Fenster!” skandiert. Als jener sich zeigte, brandete tosender Jubel auf. Der Erfurter Hof bildet damit den Schauplatz der beeindruckendsten Demonstration nationalen Einheitswillens in der DDR zwischen 1953 und 1989. Mannsteins Entwurf sah neben der Erleuchtung des “Willy-Brandt-Zimmers” und einem Informationsterminal die Anbringung des Leuchtschriftzuges “Willy komm ans Fenster” auf dem Dach des “Erfurter Hofes” vor. Damit ging er am 5. März 2007 als Sieger aus einem zweistufigen offenen Wettbewerb der Stadt Erfurt hervor. Vorsitzender der 13-köpfigen Jury war Prof. Dr. Kai Uwe Schierz, Direktor der Kunsthalle Erfurt, der die Qualitäten des Siegerentwurfes nachdrücklich hervor hob.

Freilich erregte besonders der veränderte Wortlaut sofort eine Diskussion, die als “Erfurter Denkmalstreit” viel Aufmerksamkeit über die Grenzen Thüringens hinaus erregt hat. Der Verein für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt, Herausgeber eines viel beachteten Sammelbandes zum Gipfeltreffen 1970 und zur Geschichte des “Erfurter Hofes”, wies auf den hohen Bedeutungsgehalt des originalen Rufes hin, der nicht verändert werden sollte. Warum müsse man mit den Worten von Schierz in „poetischer Umdeutung“ die Erfurter zu Troubadouren erklären, die ihre Geliebte ans Fenster rufen? Die vermeintliche „Schärfe des Imperativs“ habe Willy Brandt jedenfalls nicht gestört, für ihn sei der 19. März 1970 einer der emotionalsten Tage seines Lebens gewesen. Dieser sachlichen Kritik stand eine Flut von Protesten handfester Art gegenüber, die das Projekt grundsätzlich verwarfen. Auch Prominente wie Brigitte Seebacher-Brandt machten ihrem Unmut deutlich Luft. Schierz heizte die Diskussionen noch dadurch an, dass er die Zeitzeugen von 1970 als schwache Quelle bezeichnete. Dadurch geriet auch aus dem Fokus, dass Mannstein immerhin als einziger die Rufe der Erfurter in den Mittelpunkt seines Entwurfes gestellt hatte.

Auf Initiative von Oberbürgermeister Andreas Bausewein fand am 18. März, nur zwei Wochen nach dem Jury-Entscheid, ein Treffen mit Mannstein, Schierz und Jury-Mitglied Prof. Dr. Karl Schawelka statt. „Die unerwartet emotionalen Reaktionen haben mich dazu veranlasst, dieses Treffen zu initiieren“, so der Oberbürgermeister. „Ich bin sehr froh, dass wir eine für alle vertretbare Kompromisslösung gefunden haben.“ Letztere sah die Umwandlung der Leuchtschrift in das authentische „Willy Brandt ans Fenster“ vor. Für den Künstler stellte sich die Sache so dar: „Ich fühle mich nicht persönlich angegriffen und bin doch schockiert, dass mit einem Kunstwerk, das im Kern etwas so Positives trägt, so negativ umgegangen wird.” Aber er räumte auch ein, erkannt zu haben, “wie wichtig und emotional wertvoll den Akteuren von damals die Spezifizierung ‚Brandt’ in ihren ‚Willy’-Rufen war”.

Nun, so konnte man meinen, sei die Bahn für die Verwirklichung des Denkmals frei. Aber weit gefehlt. Es sollte noch gut zwei Jahre dauern, ehe das “Willy Brandt ans Fenster” erstmals vom Dach des “Erfurter Hofes” leuchten konnte. Obwohl sich die Kritiker der Wortlaut-Frage aus der Diskussion zurück zogen, ging der öffentliche Widerstand gegen das Projekt fast ungebrochen weiter. Viele Stimmen forderten ein Denkmal in traditioneller Formensprache. Mannstein beobachtete “Gerangel hinter den politischen Kulissen”, die CDU-Stadtratsfraktion forderte sogar eine Bürgerbefragung, um das Projekt noch zu kippen. Zugleich verzögerten langwierige Verhandlungen zwischen der Stadt Erfurt und der Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen, Eigentümer des Gebäudes, die Fertigstellung.

Bei alledem war es nicht förderlich, dass der Künstler “weiterhin etwas betrübt die Änderung meines Textes in ´Willy Brandt ans Fenster´” bedauerte - so noch in einem Interview am Einweihungstag. Er hatte sogar die Buchstaben K O M M für seinen ursprünglichen Entwurf anfertigen lassen, was viele Befürworter des Kompromisses als Provokation empfanden. Mannstein und Schierz lobten noch einmal den Wortlaut “Willy komm ans Fenster”, der poetischer und vielschichtiger gewesen sei. Als wollte selbst Petrus sein Bedauern ausdrücken, ging die Einweihungsfeier am 20. Mai 2009 auf dem Willy-Brandt-Platz mit einem unwetterartigen Regenguss zu Ende.

Trotz des heftigen “Erfurter Denkmalstreits” könnte die Leuchtschrift über dem belebten Platz am Erfurter Hauptbahnhof ein Denkmal im besten Wortsinne werden, wenn ihr eigentlicher Zweck, nämlich zu historischer Erinnerung anzuregen, endlich in den Vordergrund tritt. Das Bild von Hoffnungsträger Willy Brandt am Fenster des “Erfurter Hofes”, vor ihm die jubelnden Erfurter, ist längst zur Chiffre für Entspannung und Annäherung zwischen Ost und West geworden, die seit 1989/90 wieder zusammen wachsen. Und nichts steht so für diesen historischen Moment wie der Sprechchor “Willy Brandt ans Fenster!”.


"Intellektuelle Zweisamkeit"

Mitten im Ringen um das Erfurter Denkmal bekam David Mannstein den Botho-Graef-Kunstpreis der Stadt Jena 2008 verliehen. Dieser seit 1990 vergebene Preis hat die Förderung zeitgenössischer Kunst mit Bezug zur Stadt Jena zum Ziel. Als Thema der Ausschreibung galt es die schicksalhafte Begegnung Goethes und Schillers im Jenaer „Wunderjahr“ 1794 künstlerisch zu verarbeiten. Damit wollte der Preisgeber “eine gewisse Nachhaltigkeit für Jena erreichen, indem zum einen mit der entstehenden künstlerischen Arbeit das schöpferische Bündnis, welches hier seinen Ausgang nahm [...], wirkungsvoll ins öffentliche Bewusstsein gerückt wird. Zum anderen soll es einen interessanten und gegebenenfalls unkonventionellen touristischen Anziehungspunkt in Ergänzung der bestehenden themenbezogenen Merkorte liefern.” Kurz, Jena möchte sich stärker als Klassikerstadt neben Weimar profilieren. In einem beschränkten Verfahren wurden 12 nationale Künstler eingeladen, einen Entwurf vorzulegen. Aus den eingereichten Arbeiten ermittelte eine 7-köpfige Jury wiederum unter Leitung von Schierz den Preisträger. Die preisgekrönte Arbeit sollte im Schillerjahr 2009 realisiert werden. David Mannstein und seine Ehefrau Maria Vill konnten mit ihrem Entwurf “Intellektuelle Zweisamkeit” überzeugen, der neben einer Leuchtschrift mit dem Goethe-Schiller-Briefwechsel 70 Bronze-Bodenplaketten mit Blattumrissen vorsieht, die auf die Metamorphose der Pflanzen anspielen. Goethe und Schiller waren über dieses Thema am 20. Juli 1784 nach einer Sitzung der Naturforschenden Gesellschaft erstmals ins Gespräch gekommen.

Am Unterm Markt 1, dem Neubau des Kirstenschen Hauses und Wohnsitzes Schillers, soll laut Mannstein “die hier begonnene ´Intellektuelle Zweisamkeit´ von Schiller und Goethe buchstäblich zum Leuchten gebracht” werden. Auf einer 30 Meter langen LED-Laufschrift wird der vollständige Text des Briefwechsels von Schiller und Goethe zu lesen sein. Diese Korrespondenz zählt zu den lebendigsten Zeugnissen der schöpferischen Beziehung. Mit dem Leuchttext soll zum Einstieg in die Lektüre eingeladen und aus “den eilenden Passanten verweilende Leser” gemacht werden.

Die Reaktionen auf den Jury-Entscheid waren weit weniger emotionsgeladen und kontrovers als in Erfurt. Sicher konnte man ebenfalls Stimmen vernehmen, die eher traditionelle Formen der Erinnerung bevorzugt hätten. Auch kam zumindest unterschwellig der Vorwurf mangelnder Originalität und “Alleinstellung” auf, hatte sich Jena doch für die mittlerweile dritte Mannstein-Leuchtschrift im Lande entschieden. Alles in allem blieben die Kommentare jedoch überwiegend sachlich bis wohlwollend. Von einem “Jenaer Denkmalstreit”, der großen Widerhall gefunden hätte, kann keine Rede sein. Allerdings geht es auch bei der Goethe-Schiller-Leuchtschrift nicht ohne Verzögerungen ab. Der Einweihungstermin am symbolträchtigen 20. Juli 2009 musste aus technischen Gründen verschoben werden und soll sich nun um Schillers 250. Todestag am 10. November ranken.


Text: Steffen Raßloff: "Willy Brandt ans Fenster" und "Intellektuelle Zweisamkeit". David Mannsteins Leuchtschrift-Denkmale in Thüringen. In: Kulturjournal Mittelthüringen 4/2009. S. 10 f.

Literaturtipp

Steffen Raßloff (Hg.): "Willy Brandt ans Fenster!" Das Erfurter Gipfeltreffen 1970 und die Geschichte des "Erfurter Hofes". (Schriften des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt. Bd. 6) Jena 2007.