Kino Weimarer Republik

Kino in der Weimarer Republik

Eine Ausstellung im Kultur|Haus Dacheröden präsentiert im Oktober/November 2021 das Kino als spektakuläre Facette des kulturellen Aufbruchs der "Goldenen Zwanziger".


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Die neue Massenkultur - Kino und Film der „Goldenen Zwanziger“

Mit den „Goldenen Zwanzigern“ verbindet man häufig den Aufstieg des Kinos zum Massenphänomen, die Anfänge des Tonfilms und moderne stadtbildprägende Kino-Neubauten. Film-Klassiker wie „Nosferatu“, „Metropolis“ und „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich sind nicht nur passionierten Cineasten noch immer ein Begriff. Die Zahl der Kinos verdoppelte sich in der Weimarer Republik von 1918 bis 1933, Mitte der 1920er-Jahre gingen täglich ca. zwei Millionen Menschen ins Kino. Die Lichtspieltheater dienten freilich nicht nur Unterhaltungszwecken. Die Wochenschauen berichteten über politische, gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse in Deutschland und der Welt. In der turbulenten Schlussphase der Weimarer Republik wurde das Kino auch von den Parteien im Wahlkampf genutzt. Es erfüllte damit Aufgaben, die später das Fernsehen übernehmen sollte. Die Einführung des Tonfilmes 1929 gab diesem Trend einen weiteren kräftigen Schub. Schon 1932 wurden in Deutschland nur noch Tonfilme produziert. Die Weimarer Republik mit ihrem modernen freien Kulturleben hatte in kürzester Frist ein neues Massenmedium hervor gebracht, dem weitere revolutionäre Neuerungen an die Seite traten. Gab es zu Beginn der Republik noch keinen allgemeinen Rundfunkempfang, besaß 1932 bereits jeder vierte deutsche Haushalt ein Radio. Mit der Untergang der Republik in der NS-Diktatur Adolf Hitlers wurden diese modernen Medien dann rücksichtslos für Propaganda genutzt.

Metropolis und Blauer Engel - Filmklassiker der „Goldenen Zwanziger“

Das Kino gehört zu den kulturellen Phänomenen der industriellen Massengesellschaft. Es entwickelte sich im späten 19. Jahrhundert dank der Fortschritte im Bereich Fotografie und Film. Erste Filmvorführungen vor zahlendem Publikum gab es 1895 in New York, Berlin und Paris. Der Begriff Kino geht dabei auf den wegweisenden Vorführapparat der Gebrüder Lumière zurück, den Kinematographen. Den Durchbruch zum Massenphänomen brachten die „Goldenen Zwanziger“ der Weimarer Republik. Neben vielen leichten Unterhaltungsfilmen setzte Friedrich Murnau mit der Dracula-Verfilmung „Nosferatu, eine Symphonie des Grauens“ (1922) einen Meilenstein des Horrorfilms. Weitere stilbildende Streifen waren „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920) und „Der Golem, wie er in die Welt kam“ (1920). Auch die Entwicklung der modernen Technik spiegelte sich in Science-Fiction-Klassikern wie „Frau im Mond“ (1929) von Fritz Lang, einer der letzten großen Stummfilme. Zwei zeitlose Klassiker markieren den epochalen Umbruch vom Stummfilm zum Tonfilm. Der expressionistische Science-Fiction-Stummfilm „Metropolis“ (1927) von Fritz Lang thematisiert die soziale Ungerechtigkeit der Industriegesellschaft. Einer der bekanntesten Filmstars jener Zeit war Marlene Dietrich, die später in Hollywood Karriere machen sollte. Ihr Durchbruch gelang mit „Der blaue Engel“ (1929) von Josef von Sternberg nach dem Roman „Professor Unrat“ von Heinrich Mann. Als einer der ersten deutschen Tonfilme landete er mit „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ einen Welthit.

Bürgerkrieg und „Goldene Zwanziger“ - Erfurt in der Weimarer Republik

Bürgerkrieg und „Goldene Zwanziger“ sind Begriffe, die oft mit der Weimarer Republik 1918-1933 in Verbindung gebracht werden. Die Bilder von Straßenkämpfen und Demonstrationen wechseln mit denen von moderner Kunst, Architektur und technischem Fortschritt. Jene schillernde Epoche hat ihre Spuren nicht nur im „Babylon Berlin“ hinterlassen. Das gilt auch für Thüringen und dessen mit 130.000 Einwohnern einzige Großstadt Erfurt. Gesellschaftliche Spannungen entluden sich mehrfach vom Kapp-Putsch 1920 bis hin zur Zeit der Weltwirtschaftskrise. 1933 ging die Republik in der NS-Diktatur unter. Erfurt verkörpert jedoch keineswegs nur politischen Radikalismus, wie er sich etwa im Kommunalwahlsieg des Antisemiten Adolf Schmalix 1929 offenbarte. Vielmehr spielte die Stadt unter dem liberalen Oberbürgermeister Bruno Mann eine wichtige Rolle im Kulturleben. Erfurt stand im Austausch mit dem Weimarer Bauhaus und entwickelte sich selbst zu einem Brennpunkt moderner Kunst. Das heutige Angermuseum konnte dank des jüdischen Fabrikanten Alfred Hess eine bedeutende Sammlung des Expressionismus aufbauen. Auch der Städtebau hat mit Nordpark, Nordbad, dem Steigerwaldstadion und zahlreichen Bauten im Bauhausstil bleibende Werte geschaffen. Der 1925 eröffnete Flughafen läutete ein neues Zeitalter der Mobilität ein, das „Kaufhaus Römischer Kaiser“ („Anger 1“) verkörperte den Massenkonsum der „Goldenen Zwanziger“. Für das pulsierende Leben in der alten Metropole Thüringens stehen nicht zuletzt die modernen Kino-Neubauten, wie Alhambra, Union und UFA-Palast.

Alhambra, Union und UFA-Palast - Kinos der „Goldenen Zwanziger“ in Erfurt

Die Weimarer Republik erlebte einen stürmischen Aufschwung des Kinos als kulturelles Massenphänomen. Innerhalb weniger Jahre explodierten die Besucherzahlen. Dem begegnete man auch in Erfurt, der einzigen Großstadt Thüringens, mit großzügigen Kino-Neubauten. Filmgesellschaften und Betreiber errichteten unter anderem das „Alhambra“ in der Johannesstraße, das „Union“ am Ilversgehofener Platz und den „UFA-Palast“ in der Bahnhofstraße. Auch einigen älteren Kinos, wie dem „Roland“ am Fischmarkt, blieben die Besucher treu. Dieses wurde erst 1979 in die heutige Kunsthalle Erfurt umgewandelt. Die aufwändig ausgestatteten Film-Tempel verkörperten architektonisch den modernen Bauhaus-Stil. Mit dem 1924 fertiggestellten Alhambra bekam Erfurt laut Presseberichten das „größte und vornehmste Theater Thüringens“. Das 1928 eröffnete Union-Kino erreichte als „Unne“ Kultstatus im Norden der Stadt. Der UFA-Palast nahm die unteren Etagen des 1931 errichteten „Phönix-Hauses“ in der Bahnhofstraße 41/44 ein. Es stellte laut Architekturführer mit seiner klaren, markanten Fassade ein „zeittypisches Bürohaus“ dar. Union-Kino und UFA-Palast sind allerdings dem Bauhaus-Erbe in Erfurt verloren gegangen. Das „Unne“, zu DDR-Zeiten „Theater der Jugend“, wurde schon 1998 abgerissen. 2006 folgte der UFA-Palast, zwischenzeitlich „Panorama-Palast-Theater“, hinter dessen Fassade sich heute Büros und Geschäfte befinden. Vom Alhambra, heute Sitz einer Krankenkasse, ist ebenfalls nur die Fassade geblieben. Immerhin konnte das nur wenige Meter entfernte Stadtmuseum „Haus zum Stockfisch“ mit Teilen der Inneneinrichtung, historischer Technik und Filmplakaten ein Museumskino einrichten, das an die große Zeit des Kinos erinnert.

(Ausstellungstexte von Dr. Steffen Raßloff)


Siehe auch: Erfurt in der Weimarer Republik, Museumskino im Stadtmuseum, "Feuerzangenbowle" und Kinos bei Kriegsende 1945