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Entfesseltes Erfurt

2023 blickt Erfurt unter anderem auf 150 Jahre Entfestigung, 100 Jahre Inflation und 70 Jahre Volksaufstand vom 17. Juni 1953 zurück.


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Die Gründung des Deutschen Reiches 1871 gilt als Start in die Moderne. Aus dem Agrarland wurde innerhalb weniger Jahrzehnte eine führende Industrienation. Jene „Gründerzeit“ ist sprichwörtlich geworden. Hierbei sticht das rasante Wachstum der Städte hervor. Das trifft auf Erfurt besonders zu. Mit der Reichseinigung rückte die preußische Festungsstadt mitten in den neuen Nationalstaat. Damit entfiel deren militärische Bedeutung, worauf 1873 die Entfestigung verfügt wurde. Jenes Geschehen vor 150 Jahren ist eine der tiefen Zäsuren der Stadtgeschichte.

Die gewaltigen Bastionen, wie sie das große Modell im Stadtmuseum „Haus zum Stockfisch“ (Foto: Stadtmuseum Erfurt) zeigt, hatten die Entwicklung gehemmt. Die seit Mitte des 19. Jahrhunderts wachsende Bevölkerung und Industrie waren in das Korsett der Befestigungen geschnürt, während das Vorfeld nicht bebaut werden durfte. 1873 wurde daher buchstäblich als Entfesselung empfunden. Freilich zog sich die Beseitigung der Stein- und Erdmassen gut zwei Jahrzehnte hin. Einen symbolischen Schlusspunkt setzte der 1893 eingeweihte Hauptbahnhof mit seinen Gleisen auf dem zurückgebauten Wall.

Befreit von baulichen Fesseln, wuchs die Einwohnerzahl von 45.000 auf 100.000 im Jahre 1906. Erfurt war jetzt eine Industriegroßstadt, die sich rasant ausdehnte. Es kam zur epochalen Modernisierung der Infrastruktur mit Wasserleitung, Stromversorgung, Straßenbahn usw. Großprojekte wie Flutgraben und Ringstraße haben die Stadtstruktur geprägt. Dem Schlüsselereignis der Entfestigung wird das Stadtmuseum 2023 eine Sonderausstellung widmen. Der Geschichtsverein befasst sich in seiner öffentlichen Fachtagung „Nächster Halt: Moderne“ am 22. April 2023 mit dem Eisenbahnanschluss 1847. Dieser gilt als Initialzündung für die Industrialisierung, die nach 1873 zum Durchbruch kam.

Vor 100 Jahren fühlten sich die Erfurter noch einmal wie entfesselt. Freilich sorgte diesmal die Inflation mit rasantem Wertverlust des Geldes für Sorgen und Verzweiflung. Am 15. November 1923 zählte der Dollar 4,2 Billionen Mark. Das brachte die Wirtschaft in große Schwierigkeiten und kostete vielen Bürgern ihre Ersparnisse. Die Stabilisierung des Geldes 1924 sorgte dann für den kurzen Aufschwung der „Goldenen Zwanziger“. Dieser war erneut mit städtebaulicher Expansion und Großprojekten wie dem Hanseviertel, dem Nordpark mit Nordbad und dem Stadion verbunden.

Vor sieben Jahrzehnten schienen die Erfurter kurzzeitig die Fesseln der SED-Diktatur abgeworfen zu haben. Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 führte zwar in der Bezirksstadt zu keinen blutigen Kämpfen, aber es gab Streiks und Proteste. Volkspolizei und Staatssicherheit konnten die Unruhen rasch eindämmen, „Rädelsführer“ mussten teils langjährige Haftstrafen verbüßen.

(Dr. Steffen Raßloff in Thüringer Allgemeine vom 31.12.2022)


Sie auch: Stadtmuseum Erfurt, Erfurter Geschichtsverein, Geschichte der Stadt Erfurt