Harry Domela: Unterschied zwischen den Versionen

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[[Datei:HarryDomela.jpg|320px|right]]1926 beehrte seine Königliche Hoheit Prinz Wilhelm von Preußen das Hotel „Erfurter Hof“ mit seiner Anwesenheit. Allerdings stellte sich bald heraus, dass es sich tatsächlich um den „falschen Prinzen“ Harry Domela handelte. Es war die spektakulärste Hochstapelei der deutschen Geschichte neben dem Streich des „Hauptmanns von Köpenick“. Der Fall Domela sorgte für viel Heiterkeit, aber auch für Nachdenken. Bevor der arbeitslose Baltikumdeutsche im Erfurter Spitzenhotel als Prinz hofiert wurde, hatte er die Tiefen der Gesellschaft erlebt. Mehrfach scheiterten seine Versuche, in den schwierigen Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg 1914/18 Fuß zu fassen. Als Ausweg erkannte der gutaussehende junge Mann die ungebrochene Ehrfurcht vor den blaublütigen Geschlechtern der 1918 in der Novemberrevolution untergegangenen Monarchie. So logierte er sich Ende 1926 in Erfurt als Baron von Korff standesgemäß im „ersten Haus am Platze“ direkt am Hauptbahnhof ein.  
[[Datei:DomelaCover.png|320px|right]]1926 beehrte seine Königliche Hoheit Prinz Wilhelm von Preußen das Hotel „Erfurter Hof“ mit seiner Anwesenheit. Allerdings stellte sich bald heraus, dass es sich tatsächlich um den „falschen Prinzen“ Harry Domela handelte. Es war die spektakulärste Hochstapelei der deutschen Geschichte neben dem Streich des „Hauptmanns von Köpenick“. Der Fall Domela sorgte für viel Heiterkeit, aber auch für Nachdenken. Bevor der arbeitslose Baltikumdeutsche im Erfurter Spitzenhotel als Prinz hofiert wurde, hatte er die Tiefen der Gesellschaft erlebt. Mehrfach scheiterten seine Versuche, in den schwierigen Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg 1914/18 Fuß zu fassen. Als Ausweg erkannte der gutaussehende junge Mann die ungebrochene Ehrfurcht vor den blaublütigen Geschlechtern der 1918 in der Novemberrevolution untergegangenen Monarchie. So logierte er sich Ende 1926 in Erfurt als Baron von Korff standesgemäß im „ersten Haus am Platze“ direkt am Hauptbahnhof ein.  


Der Hoteldirektor verbreitete sofort das Gerücht, es handele sich um den Prinzen Wilhelm, den Enkel Kaiser Wilhelms II. Domela nahm diese Verwechslung zunächst mit Belustigung auf. Freilich „schmeichelte es mir, mit solchen Augen angesehen zu werden, zu erleben, wie alles vor mir in Ehrfurcht erstarrte“, so Domela in seinen 1927 erschienenen Erinnerungen „Der falsche Prinz“. Die Schilderung seines Eintrags in das Goldene Buch des Hotels stellt einen der Höhepunkte des Buches dar. Am Abend plaudern der Prinz und der Direktor in den Klubsesseln der Hotelhalle. Die Unterhaltung führt zu den Persönlichkeiten, die im Hause übernachtet hatten. Erst jüngst habe hier Reichskanzler Wilhelm Marx anlässlich des deutschen Katholikentages genächtigt. Schließlich führt der Direktor den Prinzen ins Privatkontor des Hotelbesitzers Georg Kossenhaschen, um ihm das Goldene Buch zu zeigen. „Der Direktor konnte jetzt eine gewisse Erregung nicht mehr verbergen. ‚Ja, Marx, der höchste Beamte des Deutschen Reiches, auf dieser Seite.‘ Er schlug eine neue Seite auf. ‚Und hier, hier müßte sich eine der höchsten Persönlichkeiten eintragen, eine Persönlichkeit, die der hohen Stellung eines Reichskanzlers gleichkommt, ein Name, der einen noch volleren Klang hat.‘“ Kurzentschlossen signiert Domela als „Wilhelm, Prinz von Preußen“. Damit waren alle Dämme gebrochen. Auch der lebenserfahrene Kossenhaschen ließ sich von seinem hochadeligen Gast bestricken.  
Der Hoteldirektor verbreitete sofort das Gerücht, es handele sich um den Prinzen Wilhelm, den Enkel Kaiser Wilhelms II. Domela nahm diese Verwechslung zunächst mit Belustigung auf. Freilich „schmeichelte es mir, mit solchen Augen angesehen zu werden, zu erleben, wie alles vor mir in Ehrfurcht erstarrte“, so Domela in seinen 1927 erschienenen Erinnerungen „Der falsche Prinz“. Die Schilderung seines Eintrags in das Goldene Buch des Hotels stellt einen der Höhepunkte des Buches dar. Am Abend plaudern der Prinz und der Direktor in den Klubsesseln der Hotelhalle. Die Unterhaltung führt zu den Persönlichkeiten, die im Hause übernachtet hatten. Erst jüngst habe hier Reichskanzler Wilhelm Marx anlässlich des deutschen Katholikentages genächtigt. Schließlich führt der Direktor den Prinzen ins Privatkontor des Hotelbesitzers Georg Kossenhaschen, um ihm das Goldene Buch zu zeigen. „Der Direktor konnte jetzt eine gewisse Erregung nicht mehr verbergen. ‚Ja, Marx, der höchste Beamte des Deutschen Reiches, auf dieser Seite.‘ Er schlug eine neue Seite auf. ‚Und hier, hier müßte sich eine der höchsten Persönlichkeiten eintragen, eine Persönlichkeit, die der hohen Stellung eines Reichskanzlers gleichkommt, ein Name, der einen noch volleren Klang hat.‘“ Kurzentschlossen signiert Domela als „Wilhelm, Prinz von Preußen“. Damit waren alle Dämme gebrochen. Auch der lebenserfahrene Kossenhaschen ließ sich von seinem hochadeligen Gast bestricken.  

Version vom 31. Januar 2021, 13:51 Uhr

Harry Domela

Der Arbeitslose Harry Domela sorgte 1926 als Prinz Wilhelm von Preußen für die spektakulärste Hochstapelei neben dem Hauptmann von Köpenick. Lachen und Nachdenken hielten sich seinerzeit freilich die Waage.


DomelaCover.png

1926 beehrte seine Königliche Hoheit Prinz Wilhelm von Preußen das Hotel „Erfurter Hof“ mit seiner Anwesenheit. Allerdings stellte sich bald heraus, dass es sich tatsächlich um den „falschen Prinzen“ Harry Domela handelte. Es war die spektakulärste Hochstapelei der deutschen Geschichte neben dem Streich des „Hauptmanns von Köpenick“. Der Fall Domela sorgte für viel Heiterkeit, aber auch für Nachdenken. Bevor der arbeitslose Baltikumdeutsche im Erfurter Spitzenhotel als Prinz hofiert wurde, hatte er die Tiefen der Gesellschaft erlebt. Mehrfach scheiterten seine Versuche, in den schwierigen Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg 1914/18 Fuß zu fassen. Als Ausweg erkannte der gutaussehende junge Mann die ungebrochene Ehrfurcht vor den blaublütigen Geschlechtern der 1918 in der Novemberrevolution untergegangenen Monarchie. So logierte er sich Ende 1926 in Erfurt als Baron von Korff standesgemäß im „ersten Haus am Platze“ direkt am Hauptbahnhof ein.

Der Hoteldirektor verbreitete sofort das Gerücht, es handele sich um den Prinzen Wilhelm, den Enkel Kaiser Wilhelms II. Domela nahm diese Verwechslung zunächst mit Belustigung auf. Freilich „schmeichelte es mir, mit solchen Augen angesehen zu werden, zu erleben, wie alles vor mir in Ehrfurcht erstarrte“, so Domela in seinen 1927 erschienenen Erinnerungen „Der falsche Prinz“. Die Schilderung seines Eintrags in das Goldene Buch des Hotels stellt einen der Höhepunkte des Buches dar. Am Abend plaudern der Prinz und der Direktor in den Klubsesseln der Hotelhalle. Die Unterhaltung führt zu den Persönlichkeiten, die im Hause übernachtet hatten. Erst jüngst habe hier Reichskanzler Wilhelm Marx anlässlich des deutschen Katholikentages genächtigt. Schließlich führt der Direktor den Prinzen ins Privatkontor des Hotelbesitzers Georg Kossenhaschen, um ihm das Goldene Buch zu zeigen. „Der Direktor konnte jetzt eine gewisse Erregung nicht mehr verbergen. ‚Ja, Marx, der höchste Beamte des Deutschen Reiches, auf dieser Seite.‘ Er schlug eine neue Seite auf. ‚Und hier, hier müßte sich eine der höchsten Persönlichkeiten eintragen, eine Persönlichkeit, die der hohen Stellung eines Reichskanzlers gleichkommt, ein Name, der einen noch volleren Klang hat.‘“ Kurzentschlossen signiert Domela als „Wilhelm, Prinz von Preußen“. Damit waren alle Dämme gebrochen. Auch der lebenserfahrene Kossenhaschen ließ sich von seinem hochadeligen Gast bestricken.

Domela kann die schöne Zeit in Erfurt, den Luxus, das Umschwärmtsein und die Freundschaft mit dem väterlichen Kossenhaschen freilich nicht lange genießen. Stets droht die Enttarnung des falschen Prinzen. Am 8. Januar 1927 erfolgt bei Köln seine Verhaftung, als er sich in die Fremdenlegion retten will. Die Berichterstattung macht Domela schlagartig zum Medienstar, seine Erinnerungen werden zum Bestseller und sogar verfilmt. Die Reaktionen sind allerdings gespalten. Kurt Tucholsky gilt die Geschichte von „Harry dem Ersten“ als „Kulturdokument ersten Ranges“. Für andere ist Domela ein Verbrecher. Noch so mancher Bürger hofft, dass die Hohenzollern Deutschland aus der ungeliebten Weimarer Republik zurück in die „gute alte Zeit“ des Kaiserreiches führen mögen. Die Thüringer Allgemeine Zeitung kann der Sache immerhin etwas Gutes abgewinnen: „Nun soll aber keiner mehr sagen, daß Erfurt unbekannt ist. Allüberall im Vaterlande spricht man von uns: denn durch den ganzen deutschen Blätterwald rauschte in diesen Wochen der Name unserer Stadt.“


Steffen Raßloff: Der falsche Prinz. Harry Domela im Erfurter Hof. In: Erfurt. 55 Highlights aus der Geschichte. Erfurt 2021. S. 96 f.


Lesetipp:

Steffen Raßloff: "Der falsche Prinz". Harry Domela zu Gast im "Erfurter Hof" 1926. In: Steffen Raßloff (Hg.): "Willy Brandt ans Fenster!" Das Erfurter Gipfeltreffen 1970 und die Geschichte des "Erfurter Hofes". Jena 2007. S. 137-145.


Siehe auch: Erfurter Hof, Creuzburg, Erfurt und Preußen , Weimarer Republik, Erfurter Gipfel 1970, Geschichte der Stadt Erfurt