Geschichtslandschaft Mitteldeutschland
Geschichtslandschaft Mitteldeutschland
Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bilden eine eng verflochtene Geschichtslandschaft, die auch historische Verknüpfungen zu Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern aufweist.
Sie tauchen zyklisch in den Medien auf, die Vorschläge für ein Bundesland Mitteldeutschland. Begründet werden sie meist damit, dass sich Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wegen ihrer relativ geringen Größe und Wirtschaftskraft zusammenschließen müssten, um zu sparen und mehr Bedeutung im föderalen Wettstreit zu gewinnen. Diese Vorstöße stehen bewusst oder unbewusst in der Tradition der 1920er-Jahre. Schon damals gab es Pläne, das Territorium Deutschlands einschneidend zu reformieren. Argumentiert wurde dabei gerne auch historisch. Aber gibt es tatsächlich so etwas wie eine mitteldeutsche Geschichte, die einem Großland erinnerungskulturelle Legitimität verleihen könnte? Und gibt es darüber hinaus gehende historische Entwicklungen, die einen noch weiteren Mitteldeutschland-Begriff plausibel machen?
Askanische und wettinische Machtentfaltung
Ein Blick zurück legt fraglos Gemeinsamkeiten offen. Einen frühen Anlauf zur herrschaftlichen Erfassung der Region machten die Askanier. Seit dem 11. Jahrhundert bauten sie, ausgehend von ihrem Kernraum zwischen Harz und Elbe, eine mächtige Herrschaft auf. Die Askanier prägten als Herzöge von Sachsen(-Wittenberg) und Fürsten von Anhalt große Teile des heutigen Sachsen-Anhalts und begründeten unter ihrem Stammvater Albrecht dem Bären von der Altmark ausgehend 1157 die Mark Brandenburg. Sachsen und Brandenburg rückten später in den exklusiven Kreis der sieben Kurfürstentümer auf. Unter Albrechts Nachkommen spaltete sich der Besitz der Askanier in vier Linien als Markgrafen von Brandenburg, Herzöge von Sachsen, Grafen von Anhalt und Grafen von Weimar-Orlamünde auf.
Ihre Herrschaft reichte so zeitweise vom Stettiner Haff bis nach Thüringen, von der Altmark und Anhalt bis ins heutige Polen. Allerdings konnte sich nur die 1212 begründete anhaltinische Linie um Bernburg, Köthen, Zerbst und Dessau dauerhaft behaupten. 1320 erlosch die brandenburgische Linie, deren Nachfolge 1415 die Hohenzollern antraten; die sächsische Linie ging 1423 an die Wettiner verloren. Bereits 1346 hatten die Grafen von Weimar-Orlamünde ihre Souveränität eingebüßt. Die Region wurde fortan durch Sachsen und Brandenburg-Preußen geprägt. Die Askanier hielten sich immerhin im Schatten der mächtigen Nachbarn als Kleinstaatenherrscher von Anhalt.
Die Wettiner als erfolgreiche Konkurrenten und Nachfolger der Askanier verfügten an der Schwelle zur Neuzeit um 1500 über eines der mächtigsten Territorien des Reiches, das den Raum Mitteldeutschland im heutigen Sinne weitgehend umfasste. Als Markgrafen von Meißen hatten sie sich seit 1089 die Herrschaft über Sachsen erkämpft. 1247 erwarben die Wettiner die Landgrafschaft Thüringen und übernahmen 1423 von den Askaniern mit Wittenberg die Kurfürstenwürde. 1519 brachte man Kurfürst Friedrich den Weisen sogar als Kandidaten für die Kaiserkrone ins Spiel. Sein Bruder Ernst konnte als Erzbischof von Magdeburg und Administrator des Bistums Halberstadt den Einfluss weiter ausdehnen.
Allerdings mündete auch diese Machtentfaltung nicht in einen einheitlichen modernen Staat. Die Wettiner splitterten ihren Besitz immer wieder auf. Die Leipziger Teilung 1485 zwischen den Brüdern Ernst und Albrecht wurde zu einer zentralen Zäsur der mitteldeutschen Geschichte. Sie führte zur Aufspaltung in eine ernestinische und albertinische Linie der Wettiner, von denen die Spur bis hin zu den Freistaaten Thüringen und Sachsen führt. Jene Teilung ging mit einer Schwächung besonders gegenüber Brandenburg-Preußen einher. Bereits nach dem Tode Ernsts von Wettin 1513 deutete sich dies an, als Albrecht von Hohenzollern Erzbischof von Magdeburg und Bischof von Halberstadt wurde. Nach dem Dreißigjährigen Krieg fielen beide Gebiete endgültig an Brandenburg, das mit der Altmark seit langem in Mitteldeutschland präsent war.
Kleinteilige Länderstruktur statt Großstaat
Den Albertinern gelang zwar nach dem Sieg im Schmalkaldischen Krieg 1547, der den Ernestinern die Kurwürde und alle nichtthüringischen Gebiete kostete, die Entwicklung des Kurfürstentums und späteren Königreichs Sachsen zu einem Territorialstaat mit der Residenz Dresden. Sachsen geriet jedoch nach dem glanzvollen „Augusteischen Zeitalter“ seit Mitte des 18. Jahrhunderts immer wieder auf die Verliererseite der Geschichte und büßte zwei Drittel seines Gebietes ein. Die Ernestiner splitterten ihren Besitz seit dem 16. Jahrhundert in zahlreiche kleine Herzogtümer auf, was zur Ausbildung der sprichwörtlichen Kleinstaatenwelt in Thüringen beitrug. Ihre Fortsetzung fand diese mit den anhaltinischen Duodezfürsten der Askanier.
Gleichzeitig nutzte Preußen sein zunehmendes Übergewicht, um wettinische und andere Ländereien an sich zu reißen. Mehrfach drohte das völlige Aufgehen im ungeliebten Nachbarn. Entsprechende Begehrlichkeiten reichen von der Zeit Friedrichs des Großen über die sächsische Niederlage im Strudel von Napoleons Untergang bis hin zum Preußisch-Österreichischen Krieg 1866. Auch wenn dies letztlich immer verhindert werden konnte, so dehnte sich doch die Militärmacht insbesondere auf Kosten Sachsens aus. Von 1815 bis 1944/45 gehörte der größte Teil Sachsen-Anhalts und der Regierungsbezirk Erfurt in Thüringen zur preußischen Provinz Sachsen, während auch Teile des heutigen Sachsens Preußen einverleibt waren.
Die gewaltsamen Umbrüche des 20. Jahrhunderts prägten schließlich die kleinteilige mitteldeutsche Länderstruktur aus. Sachsen weist dabei trotz aller territorialen Veränderungen im Kern die größte Kontinuität auf. Mit der preußischen Provinz Sachsen und dem 1863 vereinigten Herzogtum bzw. Land Anhalt zeichneten sich seit 1815 auch die Umrisse des späteren Sachsen-Anhalts ab. 1920 schlossen sich die thüringischen Kleinstaaten zum Land Thüringen zusammen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Auflösung Preußens 1945 entstanden erstmals die drei Länder in weitgehend ihrer heutigen Gestalt. Sie wurden aber 1952 in der DDR schon wieder in kleinere Bezirke aufgeteilt. Seit 1990 sind nunmehr Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen föderale Bestandteile der Bundesrepublik Deutschland.
Geschichtslandschaft Mitteldeutschland
So mancher Landeshistoriker bedauert noch immer, dass es nicht zu jenem wettinischen Großstaat gekommen ist, wie er sich um 1500 abgezeichnete. Er hätte fraglos nicht zuletzt im Wettstreit von „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“ eine andere Rolle spielen können. Aber muss man dies wirklich als vertane Chance deuten? Hat nicht aus heutiger Perspektive gerade die historische Vielfalt ihren besonderen Reiz? So konnte sich dank der zahlreichen Residenzen eine einmalig dichte Kulturlandschaft vom klassischen Weimar über das Dessau-Wörlitzer Gartenreich bis zum barocken Dresden entfalten. Von Mitteldeutschland sind zudem zahlreiche Impulse für die Moderne ausgegangen.
Damit bleibt aber die Frage, ob man Mitteldeutschland tatsächlich als eine Geschichtslandschaft fassen kann. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass der Name noch sehr jung ist und v.a. auf die Reichsreformdebatten der 1920er-Jahre zurückgeht. Einige der Vorschläge nahmen bereits die heutige Situation voraus, indem etwa der Landeshauptmann der Provinz Sachsen Ehrhard Hübener 1929 für die drei Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen innerhalb eines engeren Verbundes Mitteldeutschland plädierte. Andere Pläne sahen einen Zusammenschluss Thüringens, der Provinz Sachsen und Anhalts vor oder bezogen sogar Sachsen mit ein. Niedergeschlagen haben sich diese Großraumvisionen etwa in der Mitteldeutschen Rundfunk AG in Leipzig (1924), dem Vorgänger des heutigen MDR. Dieser Sprachgebrauch hat sich weitgehend etabliert.
Schon in den Diskussionen der 1920er-Jahre spielte die übergreifende Geschichte eine wichtige Rolle. Bereits im 6. Jahrhundert hatte das mächtige Königreich der Thüringer weite Teile Mitteldeutschlands umschlossen. Die vielen historischen Verbindungen ziehen sich weiter von den Wettinern und dem „Kernland der Reformation“ bis hin zu vier Jahrzehnten DDR an der innerdeutschen Grenze. Ein einendes Band ist auch die große Kulturgeschichte als Land Luthers, Bachs, Goethes und des Bauhauses. Verstärkt wird die Gemeinsamkeit durch kulturell-sprachliche Eigenheiten. Zugleich hebt sich Mitteldeutschland bei allen Überschneidungen erkennbar von den umliegenden historischen Räumen ab.
Landesbewusstsein und historische Verknüpfung
Allerdings sollte man sich davor hüten, Mitteldeutschland in integrativer Absicht zu einer historischen Einheit zu erklären. Dem widerspricht auch, dass v.a. in Sachsen und Thüringen ein fest verwurzeltes landsmannschaftliches Bewusstsein existiert. Dieses reicht weit zurück, gewinnt seit dem 19. Jahrhundert deutlich Gestalt und konnte auch in 40 Jahren DDR nicht beseitigt werden. Die sächsische Landesgeschichte mit Fixsternen wie August der Starke (Foto: Alexander Raßloff) entfaltet eine hohe identitätsstiftende Kraft. Auch in Thüringen hielt sich immer das Bewusstsein einer historischen „Einheit in der Vielfalt“. Diese reicht bis zum Königreich und zu den sagenumwobenen Landgrafen auf der Wartburg zurück und überlagert das „Land der Residenzen“. In Sachsen-Anhalt mit seiner weniger ausgeprägten Landestradition beruft man sich auf die vorgeschichtliche Zeit, die ottonische Königsmacht, die Reformation oder die moderne Industrieregion.
Angesichts dieses tief verwurzelten Landesbewusstseins verwundert es nicht, dass die Renaissance der Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen mit zu den Forderungen der Friedlichen Revolution 1989 zählte. In den folgenden großen Umbrüchen boten die Länder als vertraute Heimat Orientierung und Halt. Mittlerweile sind sie ein selbstverständlicher Teil des föderalen Deutschlands. So dürfte eine Mehrheit der Sachsen, Sachsen-Anhalter und Thüringer den Forderungen nach einem Bundesland Mitteldeutschland, dessen Einsparpotenzial ohnehin umstritten ist, eher skeptisch gegenüberstehen. Dem Bewusstsein der vielfachen historischen Verknüpfungen und einer engeren Kooperation, wie sie v.a. vom Mitteldeutschen Rundfunk seit gut drei Jahrzehnten verkörpert wird, muss dies aber keineswegs widersprechen.
Das größere Mitteldeutschland
Die weite Teile der neuen Bundesländer umfassende Herrschaft der Askanier konnte zwar durch das Aussterben aller Linien im Hochmittelalter mit Ausnahme Anhalts keine nachhaltige Wirkung entfalten, bildet aber dennoch eine historische Klammer der Region. Im 19. und 20. Jahrhundert reichen die historischen Verknüpfungen des von Preußen maßgeblich mit beherrschten Drei-Länder-Mitteldeutschlands bis hin zur preußischen Kernprovinz Brandenburg mit Berlin. Solche Verbindungen reichen aber auch weiter zurück. Genannt seien die traditionell guten Beziehungen zwischen Anhalt und Preußen, das dem „alten Dessauer“ Fürst Leopold I. nicht nur Gleichschritt und eisernen Ladestock verdankte. Diese Geschichtslandschaft weitet sich schließlich auch durch vier gemeinsame Jahrzehnte im Schatten des „Eisernen Vorhangs“ bis Mecklenburg-Vorpommern. Die 1990 zeitgleich gegründeten und an die von 1945 bis 1952 bestehenden Länder anknüpfenden Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen verbindet also einiges.
Damit ist auch der Wirkungsbereich des 1955 in der Bundesrepublik gegründeten Mitteldeutschen Kulturrates erreicht. Dieser hat die „Wahrnehmung und Vertretung der mitteldeutschen Beiträge zur gesamtdeutschen Kultur, Förderung der Kulturleistung der aus Mitteldeutschland stammenden Deutschen“ zum Ziel. Dabei lag in der Zeit der deutschen Teilung ein weiterer Mitteldeutschland-Begriff zugrunde. Dieser meinte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 die Gebiete zwischen den drei Westzonen bzw. der 1949 gegründeten Bundesrepublik und den Polen und der Sowjetunion eingegliederten deutschen Ostgebieten jenseits von Oder und Neiße, die man nicht endgültig aufzugeben bereit war. In der Hochzeit des Kalten Krieges umschrieb man damit auch die staatlich nicht anerkannte DDR. Mag dieses Mitteldeutschland auch mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag („Vertrag über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland“) 1990 von der Mittellage in die östliche Randlage geraten sein, so hat die Stiftung MKR hier doch nach wie vor ein weites Wirkungsfeld.
Steffen Raßloff: Geschichtslandschaft Mitteldeutschland. Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bilden eine eng verflochtene Geschichtslandschaft, die auch historische Verknüpfungen zu Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern aufweist. In: Kultur Report (Stiftung Mitteldeutscher Kulturrat) 2026. S. 6-9.
Siehe: Geschichte Mitteldeutschlands, Stiftung Mitteldeutscher Kulturrat