Geschichte Oberbuergermeister Erfurt Manfred Ruge: Unterschied zwischen den Versionen
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Version vom 25. Januar 2026, 15:19 Uhr
Erfurts Oberbürgermeister
Manfred Ruge nimmt als erster wieder demokratisch gewählter Oberbürgermeister (1990-2006) nach der Friedlichen Revolution in der DDR eine besondere Stelle in der Kette der Stadtoberhäupter seit 1872 ein.
Erfurt ist ein Dorf, so hört man bisweilen. Das meint die beschauliche Lebensqualität in unserer 215.000-Einwohner-Großstadt. Und es verweist auf den Umstand, dass sich echte Puffbohnen immer irgendwie persönlich kennen. Nicht anders verhält es sich mit Manfred Ruge und mir. Man bat mich als Historiker, seine Amtszeit als Oberbürgermeister in die Reihe seiner Vorgänger und Nachfolger vergleichend einzuordnen. Ich habe dies umso lieber getan, als es weit zurückreichende Verbindungen in unseren Familiengeschichten gibt. Manfred Ruges Vater, Schneider Otto Ruge aus der Adalbertstraße 18, war befreundet mit Bäckermeister Walter Höttermann aus der Adalbertstraße 15, meinem Großvater. Beide waren lebensfrohe Kegelbrüder und auch die Familien unternahmen viel gemeinsam. Meine Mutter Renate Raßloff, geb. Höttermann, hat als Kind mit dem kleinen Manfred auf der Straße gespielt. (Siehe Abb., Manfred Ruge erste Reihe dritter von links, rechts hinter ihm Renate Raßloff, geb. Höttermann) Und in den letzten Jahren ist zwischen Manfred Ruge und mir durch das gemeinsame Engagement für die Erfurter Kulturlandschaft eine freundschaftliche Beziehung gewachsen.
Wie ist nun Manfred Ruges Amtszeit als Oberbürgermeister von Erfurt von 1990 bis 2006 einzuordnen? Wie auch immer man Herausforderungen und Verdienste bewerten mag – er hat die Erfurter Verwaltung unstrittig in einer Zeit einschneidenden Wandels geführt. Und wenn man sich Fotos von Erfurt um 1990 anschaut und dann den Blick über die heutige Stadt schweifen lässt, hat er offenbar vieles richtig gemacht. Aber Manfred Ruge ist keineswegs der erste OB einer solchen Schwellenzeit. Seit 1872 ist Erfurt eine kreisfreie Stadt mit einem Oberbürgermeister an der Spitze, die immer wieder ihr Gesicht gewandelt hat. Und die Stadtoberhäupter gelangten unter teils sehr unterschiedlichen Bedingungen ins Amt.
Seit dem 13. Jahrhundert hatte die Mittelaltermetropole Erfurt ihrem Landesherrn, dem Kurfürsten und Erzbischof von Mainz, weitgehende Autonomie abgetrotzt. Die Macht des Rates sank jedoch seit dem 16. Jahrhundert, gipfelnd in der Unterwerfung unter Mainz 1664. Hieran erinnern die prächtigen Barockbauten, wie die heutige Staatskanzlei am Hirschgarten, das Angermuseum und die Zitadelle Petersberg. Übrigens ist diese lange gemeinsame Geschichte auch Grundlage für die 1988 geschlossene Städtepartnerschaft mit Mainz. Manfred Ruge hat diese steife Beziehung der deutsch-deutschen Teilung als frischgebackener OB gemeinsam mit seinem Mainzer Kollegen Herman-Hartmut Weyel am 14. Juli 1990 in einem neuen Partnerschaftsvertrag „vom Kopf auf die Füße gestellt“.
Mit dem Übergang an Preußen 1802/15 begann für die stagnierende kurmainzische Provinzstadt ein Wiederaufstieg. Wer dabei die einst vom Freiherrn von Stein eingeführte kommunale Selbstverwaltung als Oberbürgermeister führte, bestimmte ein Zirkel honoriger Bürger. Denn bis 1918 bevorteilte das preußische Dreiklassenwahlrecht bei der Kommunalwahl Bürger mit hohem Steueraufkommen. Zudem besaßen nur wenige Erfurter das notwendige Bürgerrecht, noch 1914 waren es ganze 14,5%. Ins Rathaus gewählt wurden so Bürger von „Besitz und Bildung“: Unternehmer, Bankiers, Ärzte, Rechtsanwälte, Professoren, wohlhabende Handwerker. Da sich Erfurt seit der Reichsgründung 1871 und der Entfestigung 1873 rasant zur Industriegroßstadt entwickelte, beriefen die Stadtverordneten erfahrene Justiz- und Verwaltungsexperten zum OB.
Richard Breslau (1872–1889) war der erste Erfurter Oberbürgermeister. Unter dem „Vater des modernen Erfurts“ wandelte sich die Festungsstadt zur pulsierenden Industriemetropole. Richard Breslau wurde 1835 im schlesischen Königshütte geboren. Er stammte damit wie die meisten höheren Beamten in Preußen aus einer anderen Provinz des Landes. 1862 hatte ihn der Berufsweg als Regierungsassistenten bei der preußischen Bezirksregierung am Hirschgarten nach Erfurt geführt. Der laut Zeitgenossen für „seine Kraft und Energie“ bekannte Beamte wurde 1871 zum 1. Bürgermeister gewählt und fungierte mit der Erhebung Erfurts zur kreisfreien Stadt 1872 als Oberbürgermeister.
Nunmehr entfaltete er laut Stadthistoriker Johannes Biereye „eine großartige Tätigkeit“ bei der Modernisierung der Stadt. Die hygienischen Bedingungen wurden durch Zentralwasserleitung, Kanalisation und effektive Müllentsorgung entscheidend verbessert. 1876 öffnete der neue Friedhof, der heutige Südpark, 1882 folgte das Krankenhaus an der Nordhäuser Straße. Gerühmt wurden die Reform der „Polizei-, Kassen- und Schulverhältnisse“ und die Pflasterung der Straßen. Ein weiterer Meilenstein war die Pferdestraßenbahn 1883, die 1894 durch die „Elektrische“ ersetzt wurde. Voraussetzung hierfür bildete die Elektrifizierung seit 1887. In diesen Jahren begann auch die rapide Ausdehnung der Stadt mit den Wohngebieten des Gründerzeitgürtels und neuen Industriearealen.
Wohl größtes Verdienst Breslaus stellt das Vorhaben Flutgraben/Ringstraße dar. 1878 war es ihm gelungen, vom preußischen Staat günstig die seit 1873 nutzlosen Wallanlagen für die Stadt zu kaufen. Deren Beseitigung folgte der Ausbau des äußeren Befestigungsgrabens zum Umflutgraben 1890–1899. Damit wurde die ständige Hochwassergefahr gebannt. Seiner Zeit weit voraus, hatte Breslau auch den Bau einer parallelen Straßenmagistrale auf den Weg gebracht, da er „die eminenten Vorteile dieser Ringstraße für den öffentlichen Verkehr“ erkannte. Der Juri-Gagarin-Ring ist heute tatsächlich das Rückgrat des innerstädtischen Verkehrs. Angesichts dieser Leistungen ehrte die Stadt Richard Breslau nach seinem Tode 1897 mit einem Denkmal in der Grünanlage des heutigen Löberwallgrabens.
Der nach Breslau-Nachfolger Gustav Schneider (1890–1895) amtierende Oberbürgermeister Hermann Schmidt (1895–1919) war das letzte Stadtoberhaupt der Kaiserzeit. Unter ihm vollzog sich die endgültige Wandlung zur modernen Industriegroßstadt. Wie seine Vorgänger stammte auch Schmidt nicht aus der Region. 1851 in Dedesdorf im Großherzogtum Oldenburg geboren, wirkte er 1882–1890 als Stadtsyndikus in Hildesheim und 1890–1895 als 2. Bürgermeister von Halle/S. Am 3. Dezember 1895 trat er sein Amt als Oberbürgermeister von Erfurt an.
Zeitgenosse Biereye hebt die Fähigkeiten des „ausgezeichneten Finanzpolitikers“ hervor. Durch geschickte Bodenpolitik nahm die Entwicklung der Vorstädte weiter Fahrt auf. Die Industrie beflügelte man 1909 durch ein großes Gewerbegebiet im Norden. Die moderne Dienstleistungsstadt symbolisiert das 1906 eingeweihte „Kaufhaus Römischer Kaiser“, das heutige „Anger 1“. Es entstanden ein Elektrizitätswerk (1901), der Stadtpark (1908) und der Hauptfriedhof (1916). Auch in der Kultur setzte Schmidt Akzente, indem das Städtische Museum mit dem späteren Reichskunstwart Edwin Redslob 1912 einen Direktor bekam und einen Neubau nach Entwurf von Henry van de Velde (1913) erhalten sollte.
Hermann Schmidt war es auch, der den Eintritt Erfurts in den Kreis der Großstädte verkünden konnte. Voller Stolz informierte er die Stadtverordneten, dass mit dem Fleischermeistersohn Wilhelm Mund am 22. Mai 1906 der einhunderttausendste Erfurter das Licht der Welt erblickt habe, was mit einem „lebhaften Bravo!“ beantwortet wurde. Die Einwohnerzahl hatte sich seit 1875 von 48.000 auf 100.000 verdoppelt. Auch durch die Eingemeindung des Industrievorortes Ilversgehofen (1911) stieg sie auf 130.000. Der Erste Weltkrieg 1914–1918 unterbracht abrupt diese dynamische Entwicklung. Am Ende des verlorenen Krieges war Erfurt „eine arme Stadt“, wie es im Verwaltungsbericht heißt.
Auch in der Weimarer Republik leitete mit Bruno Mann (1919–1933) ein Fachmann „alter Schule“ die Geschicke der Stadt. Mann wurde jedoch als erster von einer durch Männer und Frauen frei gewählten Stadtverordnetenversammlung ins Amt berufen. 1874 in Frankfurt/O. geboren, war er nach verschiedenen Karrierestationen 1918 zum 2. Bürgermeister von Neukölln aufgestiegen. Am 11. Oktober 1919 wählte die Erfurter Stadtverordnetenversammlung den Juristen einstimmig zum Oberbürgermeister. Mann übernahm sein Amt in unruhiger Zeit. Seit der Novemberrevolution 1918 war die Stadt von Streiks und Unruhen erschüttert worden. Der Kapp-Putsch vom Frühjahr 1920 bildete den Höhepunkt des Bürgerkriegs zwischen linker Arbeiterschaft auf der einen, Bürgerwehr, Polizei und Militär auf der anderen Seite. Acht Tote und zahlreiche Verletzte waren zu beklagen.
Ab 1924 begannen mit einem wirtschaftlichen Aufschwung die „Goldenen Zwanziger“ in der jetzt wieder pulsierenden Großstadt. Die Kommune verwirklichte Großprojekte wie das Nordbad (1925) und das Stadion (1929). Das Museum wurde mit tatkräftiger Unterstützung von Mann zu einem Zentrum moderner Kunst. 1929 gelang es, Erfurt mit einer Pädagogischen Akademie wieder zur Hochschulstadt zu machen. Am 1. Dezember 1929 schrieb die „Mitteldeutsche Zeitung“ über Bruno Mann: „Ihm hat die Bürgerschaft tief zu danken, daß trotz der Nachkriegs- und Inflationsnöte Erfurt einen Aufschwung genommen hat, wie ihn nur wenige deutsche Städte zu verzeichnen haben.“
Umso heftiger schlug die Weltwirtschaftskrise ab Ende 1929 auch in Erfurt zu. Zahlreiche Unternehmen mussten schließen, das öffentliche Leben brach weitgehend zusammen, sogar die Pädagogische Akademie wurde 1932 wieder geschlossen. Im Sommer 1932 war mehr als jeder Dritte Erfurter arbeitslos, der Stadt gelang kein ausgeglichener Haushalt mehr. Die tiefe Krisenstimmung ließ die Nationalsozialisten v.a. für das Bürgertum als letzten Ausweg erscheinen. Mit 42,2 % stieg die NSDAP in der Reichstagswahl vom Juli 1932 in Erfurt zur weitaus stärksten Partei auf. Die „Machtergreifung“ Hitlers vom 30. Januar 1933 stieß so durchaus auf breite Zustimmung.
Der liberale Oberbürgermeister Mann wurde hierauf in den Ruhestand gedrängt. Seine Nachfolger von der NSDAP erhielten diktatorische Befugnisse. Seit der Reichsgemeindeordnung von 1935 amtierte das Stadtoberhaupt „in voller und ausschließlicher Verantwortung“. Die beiden ersten Stadtoberhäupter Theodor Pichier (1933–1935) und Max Zeitler (1935/36) mussten freilich aufgrund von Skandalen zurücktreten. Im März 1936 übernahm Walter Kießling (1936–1945) die Führung im Rathaus. Der 1892 in Tannroda geborene Jurist war seit 1930 NSDAP-Mitglied. Er galt als Verwaltungsfachmann und entschlossener Politiker. Freilich richtete sich diese Entschlossenheit v.a. gegen die moderne Kunst und gegen die Juden der Stadt. Beiden sagte er den Kampf an. Museumsdirektor Herbert Kunze wurde auf sein Drängen 1937 entlassen, das Angermuseum verlor in der Aktion „entartete Kunst“ seine heute unschätzbar wertvolle Sammlung der Moderne. Für Kießling waren dies nur „übelste bolschewistische Machwerke“.
In der „Judenfrage“ versuchte er sich von den Alltagsdiskriminierungen bis hin zur Deportation in die Vernichtungslager als Vorreiter zu profilieren. Unter ihm änderte auch die Stadt weiter ihr Aussehen. Kasernen und Rüstungsbetriebe schossen aus dem Boden. Sie waren die Vorboten des Zweiten Weltkrieges 1939–1945. Dieser griff seit 1940 durch Luftangriffe zerstörerisch ins Stadtbild ein, ca. 1600 Menschen verloren dabei ihr Leben. Der Oberbürgermeister konnte als Leiter des Luftschutzes kaum mehr als Propaganda dagegen aufbieten. Am Ende des Krieges setzte sich Kießling für eine kampflose Übergabe an die Amerikaner ein. Kommandant Oberst Otto Merkel verteidigte die Stadt jedoch gemäß „Führerbefehl“. So nahmen die US-Truppen am 12. April 1945 Erfurt kämpfend ein. Ein von Merkel erlassener Erschießungsbefehl gegen Kießling wurde zwar nicht vollstreckt, ebnete diesem aber den Weg in eine geachtete Nachkriegsexistenz in der Bundesrepublik.
Nach der Besetzung durch die US-Armee bestimmten die Sorgen der Nachkriegszeit und die am 3. Juli 1945 einmarschierten Sowjetbesatzer den Alltag. Mit deren Hilfe entfaltete sich die Herrschaft der Kommunisten bzw. der im April 1946 aus KPD und SPD gegründeten SED. Ihr Machtanspruch trat auch in Sachen Oberbürgermeister rasch hervor. Auf den von den US-Truppen eingesetzten Geschäftsmann Otto Gerber (1945) folgte unter den Sowjets im Juli 1945 der Kommunist und Buchenwald-Häftling Hermann Jahn (1945/46), nach dessen Tod im Mai 1946 das SED-Mitglied Georg Boock (1946–1961). Der Berliner hatte seit 1911 Erfahrungen als Kommunalpolitiker gesammelt. 1922 war er der SPD beigetreten. Im Dritten Reich noch 1944 zu einer Zuchthausstraße verurteilt, arbeitete er nach Kriegsende bis zu seiner Berufung nach Erfurt als Oberbürgermeister von Wurzen und trat der KPD bzw. SED bei.
Die noch halbwegs freien Kommunalwahlen in Erfurt vom 6. September 1946 gewannen jedoch die Bürgerparteien LDPD (41 %) und CDU (24 %), während die SED nur ein Drittel der Stimmen erringen konnte. Der neue Oberbürgermeister Paul Hach (1946) von der LDPD wurde daraufhin unter dem Vorwurf der Sabotage verhaftet und erst nach Amtsverzicht wieder freigelassen. So gelangte Boock erneut an die Spitze der Stadtverwaltung. Doch dies war nur ein erster Vorgeschmack auf die SED-Herrschaft im Rathaus. Sie fügte sich ein in den „demokratischen Zentralismus“ der 1949 gegründeten DDR. Politisch-gesellschaftliche Umwälzungen und wirtschaftliche Probleme mündeten auch in Erfurt in den Volksaufstand vom 17. Juni 1953. Schließlich konnte die DDR nur durch den Bau der Berliner Mauer 1961 vor dem Ausbluten gerettet werden.
Georg Boock konnte aber auch Erfolge vermelden. Ab 1948 übernahm Erfurt von Weimar die Hauptstadtrolle des Landes Thüringen. Mit der Auflösung der Länder 1952 wurde es Bezirksstadt. Als Hauptstadt des größten der drei thüringischen Bezirke nahm es eine kontinuierliche Weiterentwicklung. Größtes Problem war die Wohnungsfrage, der man durch beschleunigten Wohnungsbau, Genossenschaften und das Nationale Aufbauwerk (NAW) beizukommen suchte. Erfurt baute seine Bedeutung als Industriestadt weiter aus. In Wissenschaft und Kultur brachte die Ära Boock wichtige Neugründungen wie die Pädagogische Hochschule (1953), die Medizinische Akademie (1954), den Thüringer Zoopark (1959) und die iga (1961).
Letztlich wird man die Verdienste des SED-Oberbürgermeisters der Nachkriegszeit nur unter Berücksichtigung der Bedingungen in der SBZ bzw. DDR angemessen würdigen können. Ähnliches gilt für seine Nachfolger Rolf-Dietrich Nottrodt (1961–1969), Heinz Scheinpflug (1969–1982) und Rosemarie Seibert (1982–1989). Erfurts Weg als sozialistische Industriegroßstadt, die 1972 die 200.000-Einwohner-Grenze überschritt, wurde weiter fortgesetzt. Zugleich aber ließen sich die politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Defizite nicht übersehen, die im Herbst 1989 zur „Wende“ in der DDR führten. In der Zeit der Friedlichen Revolution gelang es Oberbürgermeister Siegfried Hirschfeld (1989/90) von der SED/PDS, den Übergang im Rathaus in geordnete Bahnen zu lenken.
Nun kam die Zeit von Oberbürgermeister Manfred O. Ruge (1990–2006), einem vom Neuen Forum zur CDU gewechselten Bürgerrechtler. Die emotionalen, von großer Aufbruchstimmung geprägten Monate der „Doppelherrschaft“ von alten SED-Strukturen und neuer Bürgerbewegung mit ihren Donnerstagsdemos, Bürgerdialogen, Stasi-Besetzung und Rundem Tisch mündeten in die erste freie Kommunalwahl am 6. Mai 1990, fast genau ein Jahr nach der gefälschten Wahl vom 7. Mai 1989, die vieles ins Rollen gebracht hatte. Sieger wurde die CDU mit 36,7% (SPD 22,4%, PDS 15,5%, Neues Forum/Grüne Partei 9,6%, Demokratischer Aufbruch 5,0%). Sie führte unter dem am 30. Mai 1990 von der Stadtverordnetenversammlung gewählten Oberbürgermeister Manfred Ruge eine Koalition mit SPD, Demokratischem Aufbruch und Freien Demokraten. Damit existierten erstmals seit 1933 wieder ein wirklich demokratisches Kommunalparlament und eine demokratische Verwaltungsspitze.
Der Ingenieur ging die großen Herausforderungen seines Amtes mit viel Energie, Führungsstärke und ohne Angst vor Fehlern an – hiervon berichten in diesem Buch Weggefährten und Zeitzeugnisse wie die Antrittsrede von 1990. Manfred Ruge profilierte sich in den folgenden 16 Jahren im wiederaufblühenden Erfurt, aber auch bei tragischen Ereignissen wie dem Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium am 26. April 2002, zum geachteten Stadtvater. Zweimal konnte er sich in jetzt direkten Wahlen durch die Bürgerschaft im Amt behaupten: 1994 in der Stichwahl gegen Hubert Peter (SPD) und am 14. Mai 2000 im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit. Die Verdienste Ruges haben auch seine Nachfolger Andreas Bausewein (2006–2024), der erste Sozialdemokrat an der Spitze der Stadt, und Andreas Horn (seit 2024) von der CDU ausdrücklich gewürdigt. 2017 wurde Manfred Ruge das Ehrenbürgerrecht verliehen. Man ehrte damit, wie es in der Urkunde heißt, „die Lebensleistung eines Mannes, der auf vielfältige Weise das Leben der Landeshauptstadt gefördert und bereichert sowie die Weichen für die positive Entwicklung Erfurts maßgeblich gestellt hat“.
Steffen Raßloff: Erfurts Oberbürgermeister im Wandel der Zeit. Ein Stück Stadt- und Familiengeschichte.. In: ...das Erfurter Rad weitergedreht. Ansichten von und über Manfred Ruge, Oberbürgermeister 1990 bis 2006. S. 9-18.
Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt, Erfurter Oberbürgermeister