Thueringer Allgemeine Geschichte

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Geschichte der Thüringer Allgemeine

In Erfurt hat sich im 19. Jahrhundert eine vielgestaltige Presselandschaft ausgebildet, aus der die 1849 als Erfurter Allgemeiner Anzeiger gegründete heutige Thüringer Allgemeine herausragt.


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Die erste Ausgabe der „Thüringer Allgemeine“ (TA) erschien am 15. Januar 1990. Aber weit über diese gut dreieinhalb Jahrzehnte hinaus blickt die größte Tageszeitung des Freistaates auf eine lange Geschichte bis 1849 zurück. Sie spiegelt dabei die mal allmählichen, mal abrupten gesellschaftlichen Veränderungen. Im 19. Jahrhundert wuchs die Zahl der Nachrichten- und Anzeigenblätter. Ein erster Höhepunkt wurde mit der Revolution 1848 erreicht. Blätter wie die „Thüringer Zeitung“ des Erfurter Demokraten Hermann Alexander Berlepsch erhielten jetzt einen politischeren Charakter.

Geburtstag der TA ist der 1. Mai 1849 mit der Erstausgabe des „Erfurter Allgemeinen Anzeigers“ (Abbildung Sammlung Valdeig). Dieser sollte sich aus bescheidenen Anfängen an der Langen Brücke innerhalb weniger Jahrzehnte zur führenden Tageszeitung Erfurts und Thüringens mit eigenem Redaktions- und Druckhaus in der Johannesstraße entwickeln. Dem Anzeiger, wie er kurz hieß, wuchs mit der Entwicklung Erfurts zur Industriegroßstadt mit 100.000 Einwohnern (1906) eine neue Rolle zu. In zunehmender Trennung standen sich die Milieus von Arbeiterschaft und Bürgertum gegenüber. Ein zentrales Element jener Milieus waren die Zeitungen. Sie dienten nicht nur Information und Unterhaltung, sondern waren tägliche Kampf- und Meinungsbildungsorgane. Der Anzeiger etablierte sich als führendes Bürgerblatt, wurde als größte Tageszeitung aber auch über die Milieugrenzen hinaus gelesen.

Die Veränderungen durch Ersten Weltkrieg und Novemberrevolution 1918 führten zu einer weiteren Konfrontation bis hin zu blutigem Bürgerkrieg. Damit stieg auch die Bedeutung der Zeitungen, etwa in den zahlreichen Wahlkämpfen der Weimarer Republik. Zugleich kam es zu einer Ausdifferenzierung des Pressespektrums. Einen Überblick bietet die Auflistung der Erfurter Zeitungen durch den preußischen Regierungspräsidenten vom Januar 1931. Als auflagenstärkste Tageszeitung (56.000) steht ganz oben die Thüringer Allgemeine Zeitung (TAZ), wie sich der Anzeiger seit 1919 nannte. In diesem Namenswechsel dokumentiert sich die Bedeutung als in ganz Thüringen präsentes und überregional wahrgenommenes Blatt mit Redaktionen in Weimar und Berlin.

Politisch wird die TAZ den liberalen Parteien zugeordnet. Mit ihrer großen Leserschaft bildete sie die Tageszeitung für Erfurt. In der Liste folgen die rechtskonservative „Mitteldeutsche Zeitung“ (32.000, davon allerdings nur ein Teil in Thüringen), die katholische „Thüringer Volkswacht“ (3000), die SPD-nahe „Tribüne“ (16.000) und das kommunistische „Thüringer Volksblatt“ (10.000). Ein berüchtigtes Wochenblatt war das „Echo Germania“ (2800) des vorbestraften Antisemiten Adolf Schmalix. Bei der Kommunalwahl 1929 wurde dessen Liste zur stärksten Kraft. Die TAZ kommentierte den reichsweiten Skandal mit: „Erfurt begeht moralischen Selbstmord.“ Man lehnte Radikalismus und Judenhetze klar ab. Für diesen liberalen Geist stand etwa Verlagsleiter Walter Richters, dessen Frau aus der jüdischen Unternehmerfamilie Benary stammte.

Mit der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 wurden die linken Zeitungen verboten. Die TAZ konnte zwar bis 1944 weiter erscheinen, musste sich aber wie alle Zeitungen den Vorgaben aus Josef Goebbels‘ Propagandaministerium beugen. Die „Thüringer Gauzeitung“ fungierte daneben als scharfmacherisches Blatt der NSDAP. Nach 1945 übernahm in der Sowjetischen Besatzungszone und DDR „Das Volk“ als Organ der Staatspartei SED die Funktion als dominierende Tageszeitung von der TAZ. Zunächst auf ganz Thüringen ausgerichtet, wurde sie von 1952 bis 1990 als Zeitung der SED-Bezirksleitung Erfurt herausgegeben.

Berichterstattung und Kommentierung waren eng an die Parteilinie gebunden. Mit einer Auflage von 350.000 Ende der 1970er-Jahre gehörte „Das Volk“ zu den größeren SED-Bezirkszeitungen. Die Bedeutung wird auch im Umzug in das neue „Volk-Hochhaus“ am Juri-Gagarin-Ring 1968 deutlich. Während der Friedlichen Revolution im Herbst 1989 wandelte sich die Parteizeitung in einem Demokratisierungsprozess zur unabhängigen Tageszeitung „Thüringer Allgemeine“. Die erste Ausgabe mit neuem Titel, symbolisch über das bisherige „Das Volk“ gelegt, erschien am Montag, dem 15. Januar 1990. Seither hat sich die TA als feste Größe in der pluralistischen deutschen Zeitungslandschaft behauptet.


Steffen Raßloff: Eine Zeitreise durch die Geschichte der TA. In: Thüringer Allgemeine vom 19.02.2026.


Siehe auch: Thüringer Allgemeine, Geschichte der Stadt Erfurt