Stadtmarketing Weimarer Republik

Stadtmarketing in der Weimarer Republik

Beitrag der Serie Bauhausjubiläum 2009 der Thüringer Allgemeine von Dr. Steffen Raßloff (24.01.2009)


Blumen-, Luther- und Domstadt

Bauhausjubiläum 2009 (9): Stadtmarketing spielte schon in den 1920ern eine wichtige Rolle


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Erfurt als Tourismus- und Kongressstadt zu präsentieren war auch schon in den 1920er Jahren ein wichtiges Anliegen der Stadt. Die Verantwortlichen machten sich dabei noch nicht auf die Suche nach dem einzigen “Alleinstellungsmerkmal”, wie sie heute in zyklischen Abständen von Touristikern und Politikern unternommen wird.

“Erfurt. Blumen-, Luther- und Domstadt” - unter diesem Titel gab das Erfurter Verkehrsamt seit den 1920ern in mehreren Auflagen ein handliches Büchlein heraus, in dem Besuchern der Stadt reich illustrierte Informationen zu Kultur, Geschichte und Sehenswürdigkeiten, aber auch viele praktische Hinweise gegeben wurden. Beigelegt war ein übersichtlicher Stadtplan, der die Orientierung leicht machte. In vielerlei Hinsicht bewegte sich diese Publikation bereits auf dem Niveau heutiger Tourismusbroschüren oder Stadtführer.

Interessant sind die Schwerpunkte der Präsentation Erfurts, die man heute mit den Schlagworten Tourismus und Marketing umschreiben würde. Nicht ohne einen gewissen Überschwang heißt es einleitend: “Die zwölfhundertjährige Blumen-, Luther- und Domstadt ist als eine der interessantesten und schönsten deutschen Fremdenstädte bekannt. Sie bietet eine unendliche Fülle bedeutender und seltener Sehenswürdigkeiten für jeden und die verschiedensten Interessengebiete. Wundervolle Natur und alte Kultur, traditionsreiche Geschichte und vielseitiges neuzeitliches Schaffen verbinden sich zu seltener Harmonie.”

Deutlich wird also im Gegensatz zur heutigen Suche nach dem “Alleinstellungsmerkmal” die Betonung der Vielseitigkeit. Die im Dom symbolisierte Mittelaltermetropole wird ebenso wie die herausragende Rolle im Leben des großen Reformators Luther betont. Hinzu kommt das seinerzeit noch weit präsentere Aushängeschild als Blumenstadt, die nicht nur den Weltmarkt mit beherrschte, sondern auch das Gesicht der Stadt nachhaltig prägte. Im Stadtplan werden “sehenswerte Gärtnereien” und ihre endlosen Blumenfelder mit fetten grünen Kreisen unter den touristischen Anlaufpunkten besonders hervorgehoben. Auch die Anfänge des heutigen egaparkes rund um die Cyriaksburg sind stolz ausgewiesen. Daneben nimmt die Wirtschaft, anders als heute, einen wichtigen Platz in der Präsentation ein. Mit großen Lettern prangt etwa über dem Betriebsgelände von Topf & Söhne das Prädikat “Weltruf”.

Auffällig spricht aus dem Büchlein auch der Stolz der pulsierenden Industriegroßstadt auf die städtebauliche Entwicklung der “Goldenen Zwanziger”. Unter großen Fotos der neuen Komplexe im Hanseviertel und von Bürohäusern wie dem DHV-Haus (Anger Entree) werden “großzügige neuzeitliche Wohnsiedlungen und Geschäftsbauten” angepriesen. Natürlich fehlt der 1925 eröffnete Flughafen als Drehkreuz für ganz “Südmitteldeutschland” nicht. Die Mitteldeutsche Kampfbahn als eines der größten und modernsten Stadien wird ebenso wie das Nordbad als “ausgezeichnete Pflegestätte” des Sports gerühmt. Der bevorstehende Umbau des Steigerwaldstadions und die Sanierung des Nordbades zeigen, welch zukunftsweisende Projekte in jener Zeit umgesetzt wurden. Sie gehören auch heute noch, nicht nur im Bauhausjahr 2009, zum Selbstverständnis der modernen thüringischen Metropole, die sich kaum auf eine Blumen-, Luther- und Domstadt oder gar nur auf eines dieser Prädikate reduzieren lässt. (Foto: privat)


Siehe auch: Erfurt in der Weimarer Republik