Preussen Weimarer Republik

Preußen oder Thüringen?

Beitrag der TA-Serie Erfurt und die Preußen von Dr. Steffen Raßloff (15.08.2015)


„Ich bin ein Preuße, will ein Preuße sein!“

ERFURT UND DIE PREUßEN (10): Auch nach dem Ende der Monarchie 1918 wollte sich die Mehrheit der Erfurter nicht dem Freistaat Thüringen anschließen.


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Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges wurde die „alte Preußentreue“ der Erfurter nie ernsthaft auf die Probe gestellt. Umso heftiger stellte sich die Frage der Landeszugehörigkeit während der Bildung des Freistaates Thüringen 1918/20 bzw. in den Reichsreformdiskussionen der Weimarer Republik. Die Novemberrevolution 1918 brachte das Ende des preußisch-deutschen Herrscherhauses der Hohenzollern mit Kaiser Wilhelm II. ebenso, wie das der regierenden Fürstengeschlechter in Thüringen. Eine am 5. Januar 1919 in Erfurt stattfindende Großkundgebung artikulierte jetzt einen „starken einheitlichen Willen zur Schaffung eines Einheitsstaats Thüringen“. Gegenstimmen kamen jedoch aus der Erfurter Bürgerschaft. Justizrat Karl Weydemann sprach von den Gefahren, wenn „wir Preußen uns in die Kleinstaaterei begeben“. Darauf schloss er in Anspielung auf das populäre „Preußenlied“: „Ich bin ein Preuße, will ein Preuße sein!“

Linksliberale Teile des Bürgertums sahen dies aber zunächst anders. Am 24. Januar 1919 forderte Stadtarchivar Alfred Overmann auf einer Versammlung der Demokraten die Bildung „Großthüringens“ aus den Kleinstaaten und dem Regierungsbezirk Erfurt. Allerdings räumte er hierbei auch ein: „Aus der stolzen Großmacht Preußen sollen die preußischen Thüringer in ein verhältnismäßig bescheidenes Staatsgebilde übertreten.“ Diese Vorbehalte gewannen bald die Oberhand. Auf seiner Sitzung vom 7. März sprachen sich die Stadtverordneten „gegen eine Loslösung von Stadt und Bezirk Erfurt aus dem Verband des preußischen Staats“ aus (Foto Rathaus, Alexander Raßloff). Mit dem Scheitern preußisch-thüringischer Verhandlungen und der Beibehaltung der föderalen Reichsstruktur schien der „Einheitsstaat Thüringen“ ohnehin ad acta gelegt. Am 1. Mai 1920 trat der Freistaat Thüringen mit der Hauptstadt Weimar als „Kleinthüringen“ nur aus den ehemaligen Kleinstaaten ins Leben.

Andererseits war das „alte Preußen“ auf staatlicher Führungsebene untergegangen, herrschten in Berlin jetzt SPD, Demokraten und katholische Zentrumspartei. Dennoch betrachteten dies viele Erfurter mit Blick auf den Freistaat Thüringen als das kleinere Übel. 1921 war es in Weimar zu einer von den Kommunisten tolerierten SPD-Regierung gekommen. Den Höhepunkt des „roten Thüringens“ bildete die kurzzeitige „Volksfront“-Regierung aus SPD und KPD im Herbst 1923. Die Diskussionen um eine Einigung Thüringens oder Mitteldeutschlands flackerten ab 1927 wieder auf, wobei man in Erfurt stets auf die preußische Karte setze. Allerdings erwiesen sich die Hemmnisse für eine Neugliederung des Reiches als zu stark. Mit der Beseitigung des Föderalismus im Dritten Reich ab 1933 verlor die Landeszugehörigkeit Erfurts an Bedeutung, alle Neugliederungsdiskussionen wurden zudem von Hitler eingefroren.


Siehe auch: Weimarer Republik, Erfurt und Preußen, Geschichte der Stadt Erfurt