Industriegroßstadt Erfurt

Industriegroßstadt Erfurt

Beitrag der TA-Serie Erfurt und die Preußen von Dr. Steffen Raßloff (18.07.2015)


Anbruch einer neuen Geschichte

ERFURT UND DIE PREUßEN (6): Erfurt entwickelte sich im 19. Jahrhundert zur modernen Metropole Thüringens


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Mitte des 19. Jahrhunderts machte sich das preußische Erfurt nicht zuletzt dank des Anschlusses an das Eisenbahnnetz 1847 auf den Weg Richtung Industriegroßstadt. Es boomten nun vor allem die Metall- bzw. Schwerindustrie (Hagans, J.A. Topf & Söhne, Henry Pels & Co., Preußische Gewehrfabrik) sowie die Textilindustrie (Schuhfabrik Lingel). Die großen Erfurter Gartenbauunternehmen (J.C. Schmidt, Ernst Benary, Haage, F.C. Heinemann, N.L. Chrestensen u.a.) erlangten Weltruf und sorgten für den Beinamen „Blumenstadt“. Hinzu kam eine beachtliche Lebensmittelindustrie, wie etwa der älteste deutsche Nudelhersteller North und mehrere Brauereien. Mit dem Salzbergwerk in Ilversgehofen war Erfurt sogar Bergbaustandort. Aber auch Banken und Versicherungen siedelten sich im wirtschaftlichen Herzen Thüringens an.

Die „Gründerjahre“ nach der Reichseinigung 1871 sorgten endgültig für den Durchbruch zur Großstadt, die seit 1872 als kreisfreie Stadt von Oberbürgermeistern geleitet wurde. Wichtig war die Aufhebung der Festungsfunktion 1873. Es erfolgte die Beseitigung der Mauerringe und die rasante Vergrößerung des Stadtgebietes. Im Norden und Osten wuchsen Industrie und Arbeiterwohnsiedlungen, im Süden und Westen gehobene Wohnquartiere. Stadtbildprägende Neubauten sind etwa das neogotische Rathaus, der Hauptbahnhof, das „Kaufhaus Römischer Kaiser“ („Anger 1“) und das Hotel „Erfurter Hof“. Die ständige Hochwassergefahr wurde durch den Flutgraben gebannt, zu dem parallel der heutige Juri-Gagarin-Ring entstand. In jene Jahrzehnte gehen auch der Hauptfriedhof, der Stadtpark, das Krankenhaus in der Nordhäuser Straße, Trinkwasserversorgung, Kanalisation und Straßenbahn zurück. Die Einkaufsmeilen Anger und Bahnhofstraße erhielten ein völlig neues Aussehen im Stil der Gründerzeit.

Das schwindelerregende Wachstum der Stadt wird deutlich, wenn man die 44.000 Einwohner zum Zeitpunkt der Reichsgründung 1871 mit der 1906 erreichten Zahl von 100.000 vergleicht – Erfurt war nunmehr erste und lange Zeit einzige Großstadt Thüringens. Für viele Erfurter lag der Schlüssel zum Aufblühen zur modernen Metropole im Anschluss an Preußen 1802/15 begründet. Diese Entwicklung übertraf sogar noch in den Augen mancher Lokalhistoriker die mittelalterliche Blütezeit als Handels- und Kulturzentrum. In der Festzeitschrift zum 100. Jubiläum des Anschlusses 1902 erhebt Stadtarchivar Alfred Overmann die Preußenzeit zum absoluten Höhepunkt der Stadtgeschichte: „Thüringens Hauptstadt feiert einen Jubeltag, der einzig dasteht in der Geschichte der Stadt. Für Erfurt brach mit der Vereinigung mit dem Königreich Preußen eine neue Geschichte an, segensreicher als alle früheren Zeitläufe, mögen sie noch so glänzend erscheinen.“ (Abb. Archiv Raßloff)


Lesetipp:

Steffen Raßloff: Erfurt - Thüringens erste Industriegroßstadt. Wirtschaft, Sozialstruktur und Stadtentwicklung um 1900. In: Stefan Gerber/Werner Greiling/Marco Swiniartzki (Hg.): Thüringen im Industriezeitalter. Konzepte, Fallbeispiele und regionale Verläufe vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Wien/Köln/Weimar 2019. S. 237-260.


Siehe auch: Erfurt und Preußen, Geschichte der Stadt Erfurt, Industriegroßstadt Erfurt