Kolonialismus in Erfurt

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Verklärter Kolonialismus?

Eine Ausstellung im „Haus Dacheröden“ unterstellt der Stadt Erfurt und ihrten Kultureinrichtungen pauschal Defizite bei der Erinnerung an die Kolonialgeschichte.


Eine Plakat-Ausstellung von Studenten der Universität Erfurt, unterstützt von der den Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung, begibt sich gerade im „Haus Dacheröden“ auf Spurensuche zum „Kolonialismus in Erfurt“. Man will auf kolonial-rassistisches Handeln und Denken bis zur Gegenwart hinweisen.

Die im wahrsten Wortsinne plakative Schau unterstellt hierbei der Stadt Erfurt wie der gesamten deutschen Gesellschaft pauschal „eine fehlende, unvollständige oder beschönigende Erinnerung an den Kolonialismus“. „Schweigen, Bagatellisieren und mitunter sogar die Umwendung ins Positive“ seien „gängige Umgangsweisen“.

Forschungen und Ausstellungen, die sich dem Thema differenziert gewidmet haben, werden ignoriert oder als verklärend bzw. verharmlosend dargestellt. Besonders deutlich wird dies bei der „Erfurter Südseesammlung“. 1889 verkaufte der Erfurter Konsul Wilhelm Knappe seine als Kolonialbeamter erworbene ethnografische Sammlung an das Städtische Museum.

2005 führten das Volkskundemuseum und die Kunsthalle jene in Vergessenheit geratene Sammlung mit der Ausstellung „Reisen ins Paradies – Die Erfurter Südsee-Sammlung im Spiegel der Kunst“ wieder in die Öffentlichkeit. Hierfür waren die Sammlung von Experten des Grassi-Museums für Völkerkunde Leipzig wissenschaftlich aufgearbeitet und die Biographie Knappes im Kontext der Kolonialgeschichte rekonstruiert worden.

In der Kolonialismus-Ausstellung wird der Schau dennoch vorgeworfen, der „koloniale Unrechtskontext, unter dem die Sammlung entstanden ist, erfahre keine oder nur eine verklärende Thematisierung“. Ihr Titel reproduziere „das problematische Konstrukt der Südsee als ‚Paradies‘“ – obwohl Ausstellung und Katalog die Paradies-Metapher aus historischer und kunstgeschichtlicher Sicht intensiv reflektierten.

Volkskundemuseum und Kunsthalle sind aber keineswegs die einzigen Adressaten solcher unsinnigen Vorwürfe. Weit hergeholt scheint auch das Argument, die „Tropennächte“ des Erfurter Zooparks stünden wegen ihrer exotischen kulturellen Umrahmung als „entwürdigende Inszenierungen“ in der Tradition rassistischer „Völkerschauen“ des 19. Jahrhunderts.

Für die Mohren-Apotheke in der Schlösserstraße, in der Ausstellung nur „M*-Apotheke“ bezeichnet, wird trotz ihres weit vor das koloniale Zeitalter zurückreichenden Namens eine Umbenennung gefordert. Das „Burenhaus“ in der Bahnhofstraße von 1902 wird als unreflektierte Huldigung der südafrikanischen Apartheidpolitik gegeißelt, obwohl schon mehrfach in Publikationen und in dieser Zeitung dessen historischer Hintergrund aufgearbeitet wurde.

Dem ohne Zweifel wichtigen Grundanliegen der Ausstellung, die eine Reihe von erinnerungskulturellen Defiziten und rassistischen Denkmustern aufzeigt, dürfte mit dieser Pauschalisierung, überzogenen Kritik und Denkmalstürmerei kaum gedient sein.

(Dr. Steffen Raßloff, 19.03.2019)