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Die DDR-Stadtgeschichtsschreibung hatte es sich zur Aufgabe gemacht, alle "revolutionären und anderen progressiven geschichtliche Traditionen Erfurts" zu pflegen und zu erforschen. Freilich sollte hierbei "die Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung" im Mittelpunkt stehen. So verwundert es nicht, wenn weit über zwei Drittel der umfangreichen "Geschichte der Stadt Erfurt" (1986), aus der die obigen Zitate stammen, die Zeit nach der Französischen Revolution mit entsprechender Ausrichtung behandeln. Dies wiederum war nicht zuletzt Ergebnis zahlreicher politischer Restriktionen, wie sie etwa der langjährige Spiritus Rector der Lokalhistoriographie, Prof. Willibald Gutsche (1926-1992), in einem Aufsatz beschrieben hat (Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 1991). Dennoch erstaunt es, dass ein zentraler Vertreter "bürgerlich-progressiver" Traditionen in den gut 600 Seiten nicht einmal erwähnt wird: Fritz Tiedemann (1872-1930, siehe Abbildung mit seinen Kindern), führender Liberaler der Kaiserzeit, 1918 Gründungsvorsitzender der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und langjähriger Regierungspräsident (1920-1930). Um so mehr scheint es heute geboten, an diesen aufrechten Demokraten zu erinnern. Er hielt in einer Zeit tiefer gesellschaftlicher Zerwürfnisse gemeinsam mit einer kleinen Minderheit des Erfurter Bürgertums an seinen liberal-demokratischen Überzeugungen fest, ließ sich nach einem blutigen Bürgerkrieg nicht in den Sog gesellschaftlicher Anfeindung mit der Arbeiterschaft und geradezu hasserfüllter Ablehnung der Weimarer Republik hineinziehen, der den Aufstieg des Nationalsozialismus wesentlich mit begünstigte.
 
Die DDR-Stadtgeschichtsschreibung hatte es sich zur Aufgabe gemacht, alle "revolutionären und anderen progressiven geschichtliche Traditionen Erfurts" zu pflegen und zu erforschen. Freilich sollte hierbei "die Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung" im Mittelpunkt stehen. So verwundert es nicht, wenn weit über zwei Drittel der umfangreichen "Geschichte der Stadt Erfurt" (1986), aus der die obigen Zitate stammen, die Zeit nach der Französischen Revolution mit entsprechender Ausrichtung behandeln. Dies wiederum war nicht zuletzt Ergebnis zahlreicher politischer Restriktionen, wie sie etwa der langjährige Spiritus Rector der Lokalhistoriographie, Prof. Willibald Gutsche (1926-1992), in einem Aufsatz beschrieben hat (Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 1991). Dennoch erstaunt es, dass ein zentraler Vertreter "bürgerlich-progressiver" Traditionen in den gut 600 Seiten nicht einmal erwähnt wird: Fritz Tiedemann (1872-1930, siehe Abbildung mit seinen Kindern), führender Liberaler der Kaiserzeit, 1918 Gründungsvorsitzender der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und langjähriger Regierungspräsident (1920-1930). Um so mehr scheint es heute geboten, an diesen aufrechten Demokraten zu erinnern. Er hielt in einer Zeit tiefer gesellschaftlicher Zerwürfnisse gemeinsam mit einer kleinen Minderheit des Erfurter Bürgertums an seinen liberal-demokratischen Überzeugungen fest, ließ sich nach einem blutigen Bürgerkrieg nicht in den Sog gesellschaftlicher Anfeindung mit der Arbeiterschaft und geradezu hasserfüllter Ablehnung der Weimarer Republik hineinziehen, der den Aufstieg des Nationalsozialismus wesentlich mit begünstigte.
  

Version vom 6. November 2009, 15:48 Uhr

Fritz Tiedemann

liberaler Politiker, Regierungspräsident von Erfurt 1920-1930

geb. 21.07.1872 in Berlin, gest. 07.02.1930 in Erfurt

seine Söhne Arnold und Ernst Tiedemann betrieben einen Widerstandskreis in der NS-Zeit

Ein Liberaler und Demokrat in schwerer Zeit

Tiedemann.jpg

Die DDR-Stadtgeschichtsschreibung hatte es sich zur Aufgabe gemacht, alle "revolutionären und anderen progressiven geschichtliche Traditionen Erfurts" zu pflegen und zu erforschen. Freilich sollte hierbei "die Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung" im Mittelpunkt stehen. So verwundert es nicht, wenn weit über zwei Drittel der umfangreichen "Geschichte der Stadt Erfurt" (1986), aus der die obigen Zitate stammen, die Zeit nach der Französischen Revolution mit entsprechender Ausrichtung behandeln. Dies wiederum war nicht zuletzt Ergebnis zahlreicher politischer Restriktionen, wie sie etwa der langjährige Spiritus Rector der Lokalhistoriographie, Prof. Willibald Gutsche (1926-1992), in einem Aufsatz beschrieben hat (Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 1991). Dennoch erstaunt es, dass ein zentraler Vertreter "bürgerlich-progressiver" Traditionen in den gut 600 Seiten nicht einmal erwähnt wird: Fritz Tiedemann (1872-1930, siehe Abbildung mit seinen Kindern), führender Liberaler der Kaiserzeit, 1918 Gründungsvorsitzender der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und langjähriger Regierungspräsident (1920-1930). Um so mehr scheint es heute geboten, an diesen aufrechten Demokraten zu erinnern. Er hielt in einer Zeit tiefer gesellschaftlicher Zerwürfnisse gemeinsam mit einer kleinen Minderheit des Erfurter Bürgertums an seinen liberal-demokratischen Überzeugungen fest, ließ sich nach einem blutigen Bürgerkrieg nicht in den Sog gesellschaftlicher Anfeindung mit der Arbeiterschaft und geradezu hasserfüllter Ablehnung der Weimarer Republik hineinziehen, der den Aufstieg des Nationalsozialismus wesentlich mit begünstigte.

Fritz Tiedemann wurde am 21. Juli 1872 in Berlin als Sohn eines kleinen Eisenbahnbeamten geboren. Diese Herkunft aus "einfachen Verhältnissen" mag bei der Ausprägung seiner politisch-sozialen Haltung eine Rolle gespielt haben. Anders als die meisten Vertreter der die Stadt bis 1918 dominierenden Honoratiorenschicht kannte er jedenfalls die Sorgen und Nöte derer, die nicht in den gutbürgerlichen Wohn- und Villenvierteln an Steigerrand und Cyriaksburg aufgewachsen waren. Nach der Übersiedlung seiner Familie, der Vater war Rechnungsrat bei der Bahnverwaltung geworden, ließ sich Tiedemann im Anschluss an ein Jurastudium 1902 als Rechtsanwalt in Erfurt nieder. Zum beruflichen Erfolg gesellte sich im Laufe der Jahre der Aufstieg in das politisch tonangebende Establishment der Stadt. Er wurde zu einer Führungsfigur der Nationalliberalen Partei, leitete u.a. deren Nachwuchsorganisation, den "Jung-Nationalliberalen Verein".

Den I. Weltkrieg erlebte Tiedemann als aktiver Teilnehmer. Der "Einjährig-Freiwillige" hatte in Erfurt bei den "71ern" gedient, dem 3. Thüringischen Infanterie-Regiment Nr. 71 auf dem Petersberg, und war wie viele seiner bildungsbürgerlichen Standesgenossen Reserveoffizier geworden. Im Krieg stieg Tiedemann zum Hauptmann der Reserve auf, als welcher er die deutsche Niederlage und das Ende der Monarchie im November 1918 erlebte.

Der in Erfurt wie in weiten Teilen des Reiches relativ unblutig verlaufenden Novemberrevolution folgte eine kurze Phase demokratischer Erneuerungsbereitschaft im Bürgertum, die mit der anfangs gemäßigten Haltung der Arbeiterschaft korrespondierte. Träger dieser Reformwilligkeit war die DDP, zu der sich am 6. Dezember 1918 die beiden liberalen Ortsgruppen zusammengeschlossen hatten. Zum Vorsitzenden wurde neben dem Führer der linksliberalen Fortschrittspartei, dem Gymnasialprofessor August Hoffmann, der Kriegsheimkehrer Tiedemann gewählt. Freilich waren dieser neuen bürgerlichen Sammelpartei - sie erreichte bei der Nationalversammlungswahl 1919 in Erfurt als zweitstärkste Partei nach den Sozialdemokraten 21,8% der Stimmen - nur wenige Monate breiter Popularität beschieden. Die mit einem rigiden Generalstreik der Arbeiterschaft im Februar 1919 beginnende und im Kapp-Putsch der Märztage 1920 kulminierende Eskalation der Gewalt trieb die Mehrheit des Bürgertums zunächst zurück in die Arme der konservativen und rechtsliberalen Honoratiorenparteien DNVP und DVP, die sie wiederum über den Zwischenschritt spezifischer Mittelstands- und Interessenparteien letztlich ab 1930 an die NSDAP verloren. Die Vermittlungsbemühungen der demokratischen Kräfte, an der Spitze neben Oberbürgermeister Dr. Bruno Mann (1919-1933) auch DDP-Chef Tiedemann, wurden dagegen nicht honoriert, die Demokraten verschwanden nach einem kontinuierlichen Schrumpfungsprozess in den letzten Wahlen der Republik in der politischen Bedeutungslosigkeit.

Nach dem vorläufigen Ende der Bürgerkriegswirren wurde der geschickte Verhandlungsführer Tiedemann am 10. Juli 1920 zum Regierungspräsidenten des preußischen Regierungsbezirkes Erfurt ernannt. Diese Berufung verdankte er auch seiner politischen Position. In Preußen, dem einstigen Hort des monarchischen Konservativismus, regierte seit 1918 bis zu ihrer staatsstreichartigen Absetzung 1932 durch Kanzler Franz von Papen fast durchgehend eine demokratische Koalition aus SPD, katholischem Zentrum und DDP. Diese Regierung war bestrebt, die überwiegend konservative höhere Beamtenschaft des Landes mit republikanischen Vertretern zu durchdringen. Genau hier lag aber auch der Ansatzpunkt breiter polemischer Kritik seitens der rechtsbürgerlichen Honoratiorenschaft. Das Einsetzen von vermeintlich inkompetenten "Bonzen" in hohe Verwaltungs- und Staatsämter wurde als ein Symptom korrupt-egoistischer Parteienwirtschaft gebrandmarkt. Nach Ansicht der 1919 in Erfurt gegründeten konservativ-völkischen "Mitteldeutschen Zeitung" stellte die "neupreußische" Personalpolitik ein Verbrechen am Staat dar, der angeblich "die Folgen des unheilvollen Dilettantismus in den Verwaltungen" immer deutlicher zu spüren bekomme. Zur Ernennung Tiedemanns bzw. der Absetzung des alten Präsidenten August Graf von Pückler hieß es in symptomatischer Art und Weise: "Der Posten des Erfurter Regierungspräsidenten war einer der wenigen, die noch nicht mit Leuten besetzt worden sind, denen zwar alle fachmännischen Kenntnisse abgehen, die sich aber dafür besondere Verdienste um die demokratische und die sozialdemokratische Partei erworben haben. Der Regierungspräsident von Erfurt war einer der letzten wenigen Beamten mit sorgfältiger Vorbildung, genauen Sachkenntnissen und reichen Erfahrungen in der Verwaltungspraxis."

Damit gelang es, den neuen demokratischen Staat in seinem höchsten Repräsentanten vor Ort in weiten Teilen des Bürgertums zu diskreditieren, während auf der anderen Seite die zunehmend unter kommunistischen Einfluss geratende Arbeiterschaft sich ebenfalls nicht mit dieser "bürgerlich-kapitalistischen" Demokratie identifizierte. Überdies neigte man in der Bürgerschaft dazu, alle Probleme der Nachkriegszeit - nationale "Schande", verschlechterte Lebensbedingungen, sozialer Abstieg, innerer Unfriede - der Republik anzukreiden, wobei nicht selten die Person des Regierungspräsidenten zur Zielscheibe der Kritik geriet. Schließlich schoss sich auch die äußerste Rechte auf die Symbolfigur des verhassten Weimarer "Systems" ein. Der völkische Nationalist und Antisemit Adolf Schmalix beispielsweise, ein Vorläufer und Konkurrent der Erfurter NSDAP, verbreitete zahllose persönlich gefärbte Polemiken. Tiedemann quittierte dies neben dem mehrfachen Verbot des Schmalixschen Wochenblattes "Echo Germania" u.a. rechtlicher Schritte in einer seiner letzten Amtshandlungen mit der Nichtbestätigung von Schmalix` Wahl zum Stadtrat anfang 1930, nachdem der skandalumwitterte Demagoge im November 1929 die Kommunalwahlen gewonnen hatte. Der Erfurter Regierungspräsident versah also in der Tat kein leichtes Amt, bedurfte eines robusten Gemütes, um die permanenten Angriffe und Konflikte zu ertragen.

Charakterlich wird Fritz Tiedemann häufig als bescheidener, umgänglicher und beliebter Mensch mit ausgleichendem Naturell beschrieben, woran auch sein Karrieresprung in die höhere preußische Beamtensphäre nichts änderte. Er galt nicht nur laut der "Thüringer Allgemeinen Zeitung" (TAZ) als verantwortungsvoller Beamter, "der sich ehrlich für den Ausgleich der Interessen einsetzte." Der letztgenannte Wesenszug war auch in politischer Hinsicht von besonderer Bedeutung. Anders als die meisten Honoratioren und Wortführer der beiden antagonistischen Lager, die sich kompromisslos als soziale Interessenvertreter ihrer Milieus oder engstirnige Wahrer ihrer Ideologien und Wertvorstellungen gerierten, bemühte sich Tiedemann seit der Novemberrevolution 1918 rastlos um die Vermittlung zwischen den Klassen und politischen Anschauungen. Er verteidigte unbeirrt die entscheidende Grundlage der Weimarer Republik, das Bündnis zwischen liberal-demokratischem Bürgertum und sozialdemokratisch-gemäßigter Arbeiterschaft; er verkörperte damit zugleich die wesentliche Grundvoraussetzung jeglicher Demokratie, eine ehrliche Kompromissbereitschaft, die den meisten seiner Zeitgenossen, soweit sie überhaupt je wirklich ausgeprägt worden war, in den hitzigen 20er Jahren oder spätestens ab 1929/30 weitgehend abhanden ging.

In der Nacht zum Freitag, dem 7. Februar 1930 erlag Fritz Tiedemann, für seine Umgebung trotz langjähriger chronischer Beschwerden völlig überraschend, einem Herzschlag in seiner Dienstwohnung im Regierungsgebäude am Hirschgarten. Dieser frühe Tod bewahrte ihn davor, mitzuerleben, wie die von ihm an verantwortlicher Stelle mitgetragene Republik zunehmend ausgehöhlt wurde und schließlich mit dem Stichtag des 30. Januar 1933, der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, schrittweise in der NS-Diktatur unterging. Auch hätte Tiedemann wohl persönliche Konsequenzen zu fürchten gehabt, trat er doch in seinem Machtbereich dem beginnenden nationalsozialistischen Extremismus entgegen. Die begründete Erwartung der TAZ in ihrem Nachruf, dass man "ihm auch über das Grab hinaus ein ehrenvolles Gedenken bewahren werde", wurde durch die zwei auf seine Schaffenszeit folgenden Diktaturen - die hier keineswegs auf eine Stufe gestellt werden sollen - widerlegt, in denen das Erinnern an Männer wie Fritz Tiedemann bzw. die von ihnen verkörperten Ideale nicht gefragt war. Heute, nach der friedlichen Revolution von 1989, ist dies auch in Erfurt wieder anders, sollte man sich solcher fast schon vergessenen Wegbereiter eines freiheitlich-demokratischen, sozial ausgesöhnten Deutschlands wieder entsinnen.

Text nach: Steffen Raßloff in: Stadt und Geschichte. Zeitschrift für Erfurt 14 (2002). S. 26 f.


Widerstand in HJ-Uniform. Der Arnold-Tiedemann-Kreis

Vor einiger Zeit berichtete der Autor über einen der letzten preußischen Regierungspräsidenten von Erfurt (1920-1930), den Rechtsanwalt Fritz Tiedemann, der stellvertretend für den recht kleinen Kreis von überzeugten liberalen Demokraten in der Weimarer Republik stehen kann. Dort heißt es abschließend über den bereits 1930 im Alter von 57 Jahren verstorbenen Beamten: "Dieser frühe Tod bewahrte ihn davor, mitzuerleben, wie die von ihm an verantwortlicher Stelle mitgetragene Republik zunehmend ausgehöhlt wurde und schließlich mit dem Stichtag des 30. Januar 1933, der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, schrittweise in der NS-Dikatur unterging."

Blieb dies dem Vater also erspart, begann für die weltoffen-antinazistisch erzogenen Kinder Fritz Tiedemanns 1933 eine bittere Zeit. Zunächst war die Mutter Martha Tiedemann ebenfalls noch im Jahre 1930 ihrem Mann nach schwerer Krankheit gefolgt und die Geschwister Arnold (1913-1941), Hildegard (1918-2003) und Ernst (Klaus) Tiedemann (geb. 1919) zu Vollwaisen geworden (siehe Abbildung oben). Sie lebten fortan unter bescheidenen Umständen, da das Familien-Guthaben dem skandalumwitterten Konkurs des Erfurter Bankhauses Ullmann 1929 zum Opfer gefallen und die persönliche Einrichtung der Dienstwohnung im Regierungsgebäude nach dem Tode der Eltern zu Spottpreisen versteigert worden war. Auch ein dauerhaftes Unterkommen bei Verwandten oder Bekannten blieb ihnen verwehrt. So verbanden sich widrige persönliche Umstände mit den dramatischen äußeren Erscheinungen einer Zeit, die auch in Erfurt von sozialem Elend und politischem Extremismus gekennzeichnet war - Weltwirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit, Saal- und Straßenschlachten zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten.

Nach der hieraus erwachsenden "Machtergreifung" Hitlers 1933, die sich rasch auch auf die lokale Ebene auswirkte, entwickelte sich insbesondere der ältere Bruder Arnold Tiedemann (siehe Abbildung) zu einem entschiedenen Gegner der NS-Diktatur. Anders als sein liberaler Vater hatte sich der junge Intellektuelle und Jura-Student, wie später auch sein Bruder Ernst Absolvent des Erfurter Realgymnasiums "Zur Himmelspforte", jedoch der linken Ideologie zugewandt. Er kam aus der bündischen Jugend der 20er Jahre und teilte mit vielen Vertretern seiner Generation den Hang zu radikalen politischen Anschauungen, da sich die Welt der Väter spätesten seit dem Weltkrieg 1914/18 für sie offenkundig überlebt hatte. Der überzeugte Marxist Tiedemann wurde nunmehr zum führenden Kopf einer Gruppe von jungen Leuten in Erfurt, die sich in ihrer Ablehnung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft einig waren. Das Hauptreservoir bildeten hierbei die Schüler der "Himmelspforte". Den organisatorischen Rahmen wiederum stellte - Ironie der Geschichte - die staatliche NS-Jugendorganisation, die "Hitler-Jugend" (HJ). Arnold Tiedemann sammelte als HJ-Gefolgschaftsführer bei den regelmäßigen Veranstaltungen in Erfurt sowie während der beliebten Zeltlager auf Rügen und in Oberbayern zuverlässig scheinende Charaktere, die er dann vorsichtigt in den Kreis der jungen Regimekritiker einführte.

Schwerpunkt der Treffen war eine meist von Arnold Tiedemann selbst geleitete philosophisch-ideologische Schulung, die die 14- oder 15-jährigen Gymnasiasten oft überfordert hat, wie sich Ernst Tiedemann noch heute deutlich erinnert. Sie hatten neben dem täglichen Schulstoff und dem Agitationsmaterial der HJ nunmehr zusätzlich die Werke Hegels, Feuerbachs, Marx`, Engels und Lenins zu lesen. Als Vorbild bot ihnen ihr Mentor die kommunistische Sowjetunion unter Stalin an, für die sich viele linke Intellektuelle der 1920er und 1930er Jahre in Unkenntnis, Verdrängung oder Hinnahme der dortigen nicht weniger brutalen Verbrechen begeisterten. Hauptziel Arnold Tiedemanns war nach eigener Aussage gegenüber seinem Bruder, die jungen Leute vor dem Gift der NS-Ideologie zu bewahren und ein geistiges Fundament für die Zukunft zu legen. Die Phase höchster Aktivität mit regelmäßigen Zusammenkünften lag in den Jahren von 1933 bis 1935, ehe sich die Wege der meisten Beteiligten äußerer Umstände halber zu trennten begannen; im Weltkrieg brach der unmittelbare Kontakt nahezu völlig ab. Ernst Tiedemann traf seinen im "Generalgouvernement", dem besetzten Polen, als Jurist beschäftigten Bruder nur noch einmal, ehe letzterer 1941 bei einem Bergunfall in der Hohen Tatra ums Leben kam.

Arnold Tiedemann achtete immer auf strikte Konspiration, arbeitete nur in kleinen, auch untereinander nicht bekannten Kreisen; selbst seinem Bruder Ernst waren nur die unmittelbaren Mitglieder seiner Gruppe bekannt: u.a. die Mitschüler Horst Kellermann, Harry Diek und Gerhard Dönitz, ein Verwandter des Großadmirals und Chefs der U-Boot-Waffe Karl Dönitz, sowie Studienreferendar Fridjof Geisel, Bruder der eingeweihten Himmelspforte-Sekretärin Maja Geisel. Der bei Verhaftung eines Mitgliedes oder einer Gruppe drohenden Aufdeckung durch rücksichtslose Verhöre oder gar Folter sollte so vorgebeugt werden - deutliches Zeichen dafür, dass es sich keineswegs nur um spontanes, jugendlich-naives Aufbegehren handelte. V.a. Ernst Tiedemann ist es allerdings auch auch später als Soldat oft schwer gefallen, seine kritische Einstellung zu verbergen; eine entsprechende Bemerkung im Kreise von Offizieren über das gescheiterte Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 etwa hätte ihm bei weniger wohlwollenden Vorgesetzten durchaus den Kopf kosten können. Die offene Haltung gegenüber den jüdischen Familien in Erfurt, zu denen er persönliche Freundschaften unterhielt, war ohnehin bekannt und brachte schon dem Schüler Unannehmlichkeiten ein. Die Tätigkeit der Gruppe(n) um Arnold Tiedemann konnte jedoch zum Glück für alle Beteiligten geheim gehalten werden. Gelegentliche, von jugendlichem Idealismus getragene Gedanken an demonstrative öffentliche Aktionen, an Flugblattverteilungen u.ä. blieben unausgeführt, hätten wohl auch nur nutzlose Opfer unter den Gymnasiasten gefordert.

Angesichts der strengen Geheimhaltung ist es heute nicht mehr möglich, die illegale Tätigkeit Arnold Tiedemanns und seiner Mitstreiter, ihre Antriebe, Methoden, politischen Vorstellungen und Zukunftsentwürfe für ein neues Deutschland nach der NS-Diktatur bis in alle Einzelheiten zu rekonstruieren. Aber die vorhandenen Hinweise reichen aus, um von einem aus dem bildungsbürgerlichen Milieu stammenden, linksintellektuell orientierten Widerstandskreis ohne feste (partei-)politische Bindung zu sprechen. Zielte man auch nicht auf einen aktiven Widerstand im Sinne von offenem Protest oder gar Gewalt gegen das Regime und seine Exponenten, so geht deren mit massiven Gefahren für Leib und Leben verbundenes Verhalten doch weit über private Nichtanpassung hinaus. Die zumindest bei Arnold Tiedemann, dem älteren Kopf der Gruppe, offensichtlich linksideologische Motivation darf angesichts der verbreiteten national-antimarxistischen, wenn auch nicht unbedingt nationalsozialistischen Prägung des Erfurter Bürgertums als ungewöhnlich gelten. Bemerkenswert ist weiterhin, dass seine Aktivität in die Zeit der großen innen- und außenpolitischen Erfolgswelle des Nationalsozialismus fiel und nicht erst wie in vielen anderen Fällen, etwa bei der Münchener "Weißen Rose" um die Geschwister Scholl, durch die Ernüchterungen des II. Weltkrieges hervorgerufen wurde.

Dass es dem Autor möglich war, diesen seltenen Mosaikstein widerständigen Verhaltens im Dritten Reich dem Forschungsbild der Erfurter Stadtgeschichte hinzuzufügen, verdankt er v.a. den Informationen und stichhaltigen Belegen des jüngeren Bruders Ernst Tiedemann. Nach dem Abitur an der "Himmelspforte" 1937 sowie anschließendem Arbeits- und Wehrdienst hatte er im Krieg 1939-1944 ein Medizinstudium in Göttingen und Jena mit abschließender Promotion absolviert. Letzteres wurde freilich durch lange Einsätze als Sanitätssoldat und Truppenarzt an den Fronten in Ost und West immer wieder unterbrochen. Eine kurzzeitige Tätigkeit als Arzt am Städtischen Krankenhaus in Erfurt zwischen Mai und August 1945 musste der Kriegsheimkehrer fluchtartig abbrechen, um einer drohenden Verhaftung als ehemaliger Militärarzt und damit Wehrmachtsoffizier durch die Sowjetischen Besatzungsbehörden zu entgehen. Es sollten für den seiner Heimatstadt dennoch immer tief verbunden bleibenden Erfurter nunmehr Jahrzehnte erfüllter, teils außergewöhlicher Tätigkeit in der Bundesrepublik und in aller Welt folgen.

Der für ein Jahr beurlaubte Amtsarzt durchquerte beispielsweise 1953 als erster Deutscher mit einem VW-Käfer das gesamte Afrika von Kapstadt bis Kairo. Als freigestellter Referent im niedersächsischen Sozialministerium wirkte der ausgebildete Tropenmediziner 1960-1964 als Berater des äthiopischen Gesundheitsministeriums in Addis Abeba, wobei es zu engen Kontakten mit dem damaligen Kaiser Haile Selassie kam. Durch eine in Äthiopien zugezogene schwere Tropenerkrankung musste Tiedemann 1964 in den Ruhestand versetzt werden. Das hielt ihn freilich nicht davon ab, weiterhin u.a. als Berater deutscher Firmen in Afrika oder als Schiffsarzt tätig zu sein. Ausgedehnte Reisen führten den Ruhelosen in nahezu alle Winkel der Erde, was gerade in den 50er und 60er Jahren seiner regen Vortragstätigkeit eine hohe Beachtung einbrachte.

Seit 1968 lebt Dr. Ernst Tiedemann in München, von wo aus er Erfurt in der DDR-Zeit regelmäßig besucht hat. Auch von mancher Schikane besonders pflichtbewußter Vertreter der "Organe" ließ er sich dabei nicht abschrecken. Die politische Wende und Wiedervereinigung 1989/90, die der von den Nationalsozialisten verschuldeten deutschen Teilung ein Ende bereitete, erlebte Tiedemann daher als besonders große Freude - rückte die alte Heimat doch für ihn wie für viele westliche "Exil-Erfurter" wieder sehr viel näher.


Text nach: Steffen Raßloff in: Stadt und Geschichte. Zeitschrift für Erfurt 24 (2004). S. 14 f.