Zuwanderung nach Erfurt

Zuwanderung nach Erfurt

Eine große Bereicherung

Über Jahrhunderte veränderte sich die Zusammensetzung der Erfurter Bevölkerung immer wieder durch Zuwanderer, die oft positive Impulse setzten.


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Besorgte Abendländer fürchten mittlerweile auch in Erfurt eine „Überfremdung“ durch Asylbewerber und Mitbürger anderer Herkunft. Die Deutschen sollen im schönen alten Erfurt unter sich bleiben, damit es hier nicht zu „westdeutschen Verhältnissen“ kommt. Idealvorstellung scheint dabei eine ethnisch-kulturelle Einheit, wie sie vermeintlich seit Jahrhunderten besteht. Aber wie ist es tatsächlich um die historische Beschaffenheit der Erfurter Bevölkerung bestellt? Schaut man genauer hin, so finden sich in unserer Stadtgeschichte immer wieder Schübe von Zuwanderungen aus dem thüringischen Umfeld, aus anderen Teilen Deutschlands, aber auch aus dem Ausland.

Schon die Urgeschichte war ein großer Migrationsprozess. Später folgten Kelten, Germanen, Thüringer und Franken aufeinander oder verbanden sich zu neuer Einheit. Über Jahrhunderte lebten auch Slawen im Raum Erfurt. Hieran erinnern Ortsnamen wie Windischholzhausen, der auf die Wenden zurückgeht. Weitgehend friedlich vermischte sich der slawische Bevölkerungsteil schließlich mit den Deutschen. Bildhaften Ausdruck gefunden hat dies in Großbrembach nordöstlich von Erfurt. Dort erinnert ein zeitgenössisches Relief an den Zusammenschluss der slawischen und deutschen Gemeinde 1579. Es zeigt einen dunkel- und hellhaarigen Mann, die beide buchstäblich unter einen Hut gebracht wurden.

Die Lehmannsbrücke in der Augustinerstraße ist ein weiterer Hinweis auf frühe Mitbürger mit Migrationshintergrund. Sie gilt als älteste Brücke Erfurts, auch wenn man dies dem Neubau von 1977 nicht ansieht (Foto: Steffen Raßloff). Der Sage nach soll sie ein Schäfer Lehmann errichtet haben. Tatsächlich aber verweist die 1108 erstmals erwähnte „Liepwinisbrucca“ wohl auf den Heiligen Lebuin von Deventer. Hieraus hat man auf die Ansiedlung friesischer Kaufleute aus dem heutigen Holland geschlossen, die auch Knowhow in Sachen Wasser- und Gartenbau besaßen.

Überhaupt war der Erzbischof von Mainz als Stadtherr sehr am Zuzug von Neubürgern „ungeachtet ihrer Herkunft und ihres Standes“ interessiert. Sie brachten die Entwicklung Erfurts zur Mittelaltermetropole mit voran. Ähnliches gilt auch für die jüdische Gemeinde, die bis zum blutigen Pogrom von 1349 zu den größten des Reiches zählte. Ihre Hinterlassenschaften rund um die Alte Synagoge sind so bedeutend, dass sie Erfurt bald auf die UNESCO-Welterbeliste bringen könnten. Später wäre etwa die rasante Entwicklung zur Industriegroßstadt um 1900 ohne zahlreiche Neubürger nicht möglich gewesen.

Zu den Zuwanderern gehörten aber auch Kriegsopfer wie in unseren Tagen die syrischen Flüchtlinge. Deutsche Heimatvertriebene aus dem Osten lebten seit 1945 teils über Jahre unter primitivsten Verhältnissen in der Stadt. Eines der großen Lager auf dem Petersberg bestand bis 1949. Laut Erfurter Sozialamt durchliefen insgesamt rund 670.000 Menschen diese Notunterkünfte. Natürlich ging dies in der harten Nachkriegszeit nicht ohne Spannungen ab, aber letztlich fanden alle Flüchtlinge ihren Platz. Für einige von ihnen sollte Erfurt zur neuen Heimat werden. Darunter waren auch zahlreiche Katholiken, wie der gebürtige Schlesier Joachim Wanke. Der spätere Bischof von Erfurt erinnert sich mit großer Dankbarkeit an die offene Aufnahme im protestantischen Thüringen.

(Dr. Steffen Raßloff in: Thüringer Allgemeine vom 25.04.2015)


Siehe auch: Bevölkerungsentwicklung in Erfurt, Geschichte der Stadt Erfurt