Thueringer Kulturtuete

Kritik an Erfurter Kulturpolitik

Die Stadt Erfurt bekam 2016 den Satirepreis "Thüringer Kulturtüte" für ihre defizitäre Kulturpolitik verliehen, an der sich seither wenig geändert hat. Kulturdirektor Knoblich stieg dennoch 2018 zum Kulturdezernenten auf.


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Am 23. November 2016 bekam die Stadt Erfurt den Satire-Preis "Thüringer Kulturtüte für herausragende Defizite und Fehlentscheidungen im kulturpolitischen Sektor" durch das Satire-Magazin "UN NU?" und den Verein "Rock‘n‘ Stroll" überreicht (Im Bild: Oberbürgermeister Andreas Bausewein und Chefredakteurin Anne Martin im Rathaus, Foto: Hannah Franke).

Laudator und Kulturausschuss-Vorsitzender des Stadtrates Dr. Wolfgang Beese (SPD) begründete: "Mit desaströs sind die Perspektiven der Kultur hinreichend beschrieben. Kaum Kulturförderung, kaum Sonderausstellungen in den Museen, dafür Schließungsankündigungen und die Querelen um die Engelsburg." Stadträtin Marion Walsmann (CDU) ergänzte: "Hier geht es auch um die mangelnde Einstellung zum bürgerschaftlichen Ehrenamt, zur Kreativszene und historischen Erinnerungskultur, wie beim Jubiläum 350 Jahre Zitadelle Petersberg 2015."

Seither hat sich kaum etwas geändert, wie das 500. Reformationsjubiläum 2017 mit dem gescheiterten UNESCO-Welterbe-Antrag für das Augustinerkloster zeigt. Zentrale Projekte wie das Geschichtsportal Krönbacken kommen nicht voran, 2018 gilt wegen der Aufgabe des Forums Konkrete Kunst als "schwarzes Jahr für die Erfurter Kultur" (Dr. Wolfgang Beese). Von visionären, weit ausstrahlenden Projekten war demgegenüber in der Ära Knoblich seit 2011 nichts zu sehen. Im Sommer 2018 erklärte der Kulturdirektor seinen Wechsel als Kulturreferent nach Bayreuth, wobei er sich sehr abfällig über die Erfurter Kulturlandschaft und Kommunalpolitik äußerte.

Umso überraschender kam Knoblichs Bewerbung als Wirtschafts- und Kulturdezernent in Erfurt: Während er der Bayreuther Oberbürgermeisterin noch am 29. Oktober 2018 versicherte, sein Amt zu Jahresbeginn anzutreten, ließ er sich zeitgleich vom Erfurter Oberbürgermeister nominieren. In Bayreuth sorgte jener "Posten-Poker" für große Empörung. Auch im Erfurter Stadtrat regte sich parteiübergreifend Widerspruch. SPD-Fraktionsvorsitzender Beese erklärte Knoblich wegen mangelnder "Loyalität und Verlässlichkeit für nicht wählbar". Dennoch wurde er am 28. November 2018 mit der Stimmenmehrheit von SPD und CDU im zweiten Wahlgang zum Dezernenten gewählt. Hierzu beigetragen hat auch die schwache Bewerberlage ohne hochkarätige auswärtige Kandidaten, was die gesunkene Attraktivität der Kulturstadt Erfurt spiegelt.

(Dr. Steffen Raßloff)


Thüringer Allgemeine vom 10.11.2018 (zum Lesen anklicken)

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