Tragödie Augustinerkloster 25. Februar 1945

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Tragödie Augustinerkloster 25. Februar 1945

Beitrag der TA-Serie 70 Jahre Kriegsende 1945 von Dr. Steffen Raßloff (21.02.2015)


Große Tragödie vor 70 Jahren

70 Jahre Kriegsende (8) Am 25. Februar 1945 kamen im Keller unter der Bibliothek des Augustinerklosters 267 Menschen ums Leben.


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Erfurt gilt neben Breslau als die einzige deutsche Großstadt, die von Flächenbombardements und umfassender Zerstörung im Zweiten Weltkrieg verschont worden ist. Über der etwa gleich großen Stadt Karlsruhe gingen beispielsweise zehnmal so viele Bomben nieder. Freilich sollte diese Statistik nicht den Blick dafür verstellen, dass auch die Erfurter unter dem Luftkrieg schwer zu leiden hatten. Neben den großen materiellen Verlusten stellen die nach den Forschungen von Helmut Wolf rund 1600 Opfer der Luftangriffe die zweifellos schlimmste Folge des Zweiten Weltkrieges dar. Die 1100 t Bombenlast aus britischen und amerikanischen Flugzeugen löschten teils in Sekunden ganze Familien und Hausgemeinschaften aus. Hieran erinnern etwa die Gedenksteine auf den Massengräbern des Hauptfriedhofes, die oft unter einem Sterbedatum mehrere Tote mit dem gleichen Familiennamen aufführen.

Hauptgrund hierfür war, dass es das NS-Regime nicht geschafft hatte, für die Bevölkerung einen effektiven Schutz zu bieten. Weder die aktive Luftabwehr mit Flak-Geschützen, die zunehmend wirkungslos blieb, noch die Organisation eines Luftschutzdienstes, die Anlage von großen Löschwasserbecken etwa auf dem Fischmarkt und Hirschgarten, strikte Verdunkelungsbestimmungen u. ä. Maßnahmen konnten hier gegensteuern. Insbesondere aber gab es nicht genügend sichere Luftschutzräume. Neben den Hauskellern, die bei einem Volltreffer zur tödlichen Falle werden konnten, standen nur wenige größere öffentliche Luftschutzkeller zur Verfügung. In wirklich „bombensicheren“ Bunkern bzw. Stollen, wie am Petersberg, unter dem Stadtpark oder am Steigerrand, fand nur ein Bruchteil der Erfurter Schutz.

Einer dieser größeren Luftschutzräume, die auch nur eine trügerische Sicherheit bieten konnten, befand sich unter der Bibliothek des Augustinerklosters. Dort ereignete sich am 25. Februar 1945 die größte Tragödie des Krieges in Erfurt. Gegen 20.00 Uhr flogen 59 britische Bomber einen der verheerendsten Luftangriffe auf Erfurt, der insbesondere die Altstadt treffen sollte. 288 Menschen kamen dabei ums Leben, zahlreiche historische Gebäude wurden zerstört. Zu ihnen zählte die Klosterbibliothek, unter der 267 Menschen im Luftschutzkeller begraben wurden. Nur ein kleines Mädchen und ein Hund konnten lebend gerettet werden. Der damalige junge Offiziersanwärter Ernst Meyer beschreibt in einem Bericht, wie der Bergungstrupp die vielen Frauen, Kinder und alten Leute auffand. Über die Verschütteten hatte sich Staub „wie ein weißes Leichentuch“ gelegt. Seit 2011 erinnert ein „Ort der Stille“ unter dem Neubau der Bibliothek an das tragische Geschehen vor 70 Jahren. Der große, kapellenartige Kellerraum möchte zu Einkehr und Gebet einladen. Texttafeln erklären das Geschehen von 1945 und enthalten Zeitzeugenberichte. (Foto: Augustinerkloster nach 1945, im Vordergrund Trümmer von Waidhaus und Bibliothek, Stadtarchiv Erfurt)


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt, Erfurt im Nationalsozialismus, Luftkrieg, Ort der Stille