Revolution und preußischer Patriotismus

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Revolution und preußischer Patriotismus

Beitrag der TA-Serie Erfurt und die Preußen von Dr. Steffen Raßloff (04.07.2015)


Zwischen Revolution und preußischem Patriotismus

ERFURT UND DIE PREUßEN (4): Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden viele Erfurter stolze Preußen


Pickelhaube.jpg

Die Stadt Erfurt war lange Zeit eine Hochburg des Liberalismus und der Demokraten. Männer wie Goswin Krackrügge und Hermann Alexander Berlepsch gehörten zu deren Meinungsführern, was zu zahlreichen Spannungen mit der preußischen Obrigkeit in Erfurt führte. Ihren Höhepunkt fanden die bürgerlichen Emanzipationsbestrebungen im Revolutionsjahr 1848/49. Erfurt war hierbei eines der Zentren der Erhebung, die mit den Straßenkämpfen zwischen Bürgern und preußischen Soldaten auf dem Anger am 24. November 1848 ihren blutigen Höhepunkt fand. In maßgebenden Kreisen der Bürgerschaft kam es hierauf zu einem allmählichen Wandlungsprozess. Die Honoratioren von „Besitz und Bildung“ orientierten sich zunehmend am Konservativismus und Nationalliberalismus. Die Bismarck’sche Reichseinigung 1871 stellte hierbei eine entscheidende Zäsur dar.

Die Erfurter identifizierten sich jetzt weitgehend mit der preußischen Monarchie und dem glanzvoll-pompösen Deutschen Kaiserreich. Die starke preußische Komponente dieses Patriotismus entsprang nicht zuletzt dem Stolz, selbst ein Teil der ruhmreichen Reichseinigungsmacht zu sein. Für Stadtarchivar Alfred Overmann war deshalb das 100. Jubiläum der Zugehörigkeit zu Preußen 1902 ein „Jubeltag“, „der die Herzen aller Patrioten und treuen Bürger höher schlagen lässt“. Zugleich sah man im Kaiserreich bzw. im preußischen Staat und seiner Monarchie aber auch ein festes Bollwerk gegen die aufstrebende sozialistische Arbeiterbewegung.

Wesentlich bestärkt wurde diese Haltung von der Beamtenschaft und dem Offizierskorps der Garnison, die fest in die lokale Honoratiorenschicht integriert waren. Seit 1802 hatte der preußische Staat Beamte vor allem aus den Ostprovinzen nach Erfurt versetzt, die der dortigen Staatsgesinnung aufhelfen sollten. Diese Rechnung scheint in einigen Fällen voll aufgegangen sein. Herausragender Vertreter der bürgernahen und bildungsbeflissenen Beamten war Wilhelm Freiherr von Tettau (1804-1894), der Gründungsvorsitzende des Geschichtsvereins 1863. Der im westpreußischen Marienwerder gebürtige Dirigent der Abteilung des Inneren in der Bezirksregierung am Hirschgarten war 1848 wesentlich an der Niederschlagung der Erfurter Unruhen beteiligt gewesen. Er stand aber auch für den anschließenden Trend einer Annäherung zwischen preußischer Obrigkeit und Bürgerschaft. Vom „bestgehassten Mann in Erfurt“ während der Revolutionszeit brachte es der „gewaltige Polyhistor“ im Laufe der Zeit zur „populärsten Persönlichkeit der Stadt“, wie Gymnasial-Professor Hoffmann im Jahre 1913 schreibt. (Foto: "Pickelhaube" im Stadtmuseum Erfurt, Dirk Urban)


Siehe auch: Erfurt und Preußen, Geschichte der Stadt Erfurt