Nordpark Buga: Unterschied zwischen den Versionen

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'''Die Buga-Maßnahmen in der nördlichen Geraaue knüpfen an ältere soziale Projekte wie den Nordpark an und bieten große Chancen für das einstige "Blechbüchsenviertel".'''
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'''Volkspark für alle'''
  
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Vor 100 Jahren begann die Gestaltung des Nordparks, woran die Buga ambitioniert anknüpft.
  
[[Datei:Nordpark.Erfurt.jpg|380px|right]]Momentan wird viel darüber diskutiert, ob und in wieweit die städtebauliche Aufwertung durch die Buga-Projekte in der Geraaue den Norden Erfurts als Wohnstandort attraktiver machen. Diese Frage ist durchaus berechtigt, gilt die Gegend doch seit gut einem Jahrhundert als sozial unterprivilegiertes „Blechbüchsenviertel“.
 
Die Industrialisierung war von einer dynamischen Stadtentwicklung begleitet. Die Stadt breitete sich nach der Entfestigung 1873 rasant aus. Dies geschah unter klarer sozialer Ausdifferenzierung. Im Norden und Osten entstanden einfache Vorstädte für Arbeiter und Kleinbürger sowie große Industrieareale, während sich im Süden und Westen die „besseren Viertel“ des Bürgertums etablierten. 
 
  
Nach einer gewissen Durchmischung in der DDR-Zeit hat sich das soziale Südwest-Nordost-Gefälle nach 1990 wieder weitgehend reproduziert. Jüngere sozialwissenschaftliche Studien bescheinigen Erfurt mit seinen 215.000 Einwohnern sogar einen der höchsten Segregationsgrade deutscher Großstädte, will heißen: die Gutbetuchten wohnen wieder mehrheitlich in der Altstadt und am Steigerrand, die weniger Wohlhabenden im Norden.  
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[[Datei:Nordpark.Erfurt.jpg|380px|right]]Im Frühjahr 1919 herrschte in Erfurt triste Stimmung. Wenige Monate nach der von vielen Deutschen als traumatisch erfahrenen Niederlage im Ersten Weltkrieg und dem Trubel der Novemberrevolution 1918 bestimmten Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Elend den Alltag vieler Menschen. Mit dem glanzvoll-pompösen Kaiserreich unter Wilhelm II. war besonders für das national eingestellte Bürgertum eine scheinbar festgefügte, rasch als „gute alte Zeit“ verklärte Epoche untergegangen.
  
Dieser sozialen Schieflage mit Parkanlagen beizukommen ist keine Erfindung der Buga-Macher unserer Tage. Hierfür steht seit rund 100 Jahren beispielhaft der Nordpark als grüne Lunge der nördlichen Erfurter Vorstädte (Foto: Michael Sander). Die Anlage wurde 1912 von Gartenbaudirektor Max Bromme entworfen. Allerdings konnten die Arbeiten erst nach dem Ersten Weltkrieg bis 1927 fertig gestellt werden. Mit der Einweihung des Nordbades im Bauhaus-Stil 1929 hatte die Parkanlage ihre Abrundung gefunden.
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Zugleich war die unter äußerst schwierigen Bedingungen ins Leben getretene Weimarer Republik aber auch eine Zeit wegweisender Projekte, die die Probleme der modernen kapitalistischen Massengesellschaft energisch in Angriff nahmen. Hierzu zählt nicht zuletzt der Nordpark als eines der bedeutendsten städtebaulich-landschaftsgestalterischen Vorhaben in Erfurt.
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Die Pläne für den Nordpark als grüne Lunge der nördlichen Vorstädte gehen freilich in die Vorkriegszeit zurück. Schon im Sommer 1914 sollten die Arbeiten beginnen. Das Vorhaben der prosperierenden Industriegroßstadt blieb aber durch den Kriegsausbruch wie andere ehrgeizige Projekte, etwa ein Museumsneubau auf dem Stadtparkgelände nach Entwürfen von Henry van de Velde, auf der Strecke.
  
Bromme, später Gartenbaudirektor in Frankfurt am Main, gehörte zu jener neuen Generation von Gartenarchitekten, die in ihre Arbeit soziale Aspekte breit einfließen ließen. Zu seinem Erfurter Hauptwerk erklärte er: „Der Zweck des Nordparkes wird sein, für die Bevölkerung der dem Steigerwald abgewendeten Stadtteile freie Erholungs- und Bewegungsmöglichkeiten zu geben.“ Der Nordpark wird dem bis heute voll und ganz gerecht.
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Die Parkpläne des verdienstvollen Gartenbaudirektors Max Bromme wurden jedoch im Frühjahr 1919 wieder aufgenommen und dienten auch als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Das große Areal zwischen Auenstraße, Klinikum und Gera-Bogen, bisher landwirtschaftlich genutzt, konnte bis 1925 weitgehend in seiner heutigen Form abgeschlossen werden. Mit der Einweihung des Nordbad-Gebäudes im Bauhaus-Stil 1929 fand die Parkanlage ihre Abrundung.
  
Die Bundesgartenschau 2021 bietet nunmehr die Chance, diese soziale Funktion des Nordparks wieder aufzugreifen und gewissermaßen durch die weitgehend sanierten DDR-Plattenbaugebiete bis nach Gispersleben zu tragen. Hierbei sollte man die Chancen dieser Aufwertung betonen, nicht deren unstrittige Grenzen. Eine Stigmatisierung als Hartz 4- und Flüchtlings-Getto bringt den Norden jedenfalls nicht weiter.  
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Das wegweisende am Nordpark war über seine alle bisherigen Grünlagen weit übertreffende Größe hinaus der Charakter als modernen Volkspark mit weiten Wiesenflächen, mit Spiel- und Sporteinrichtungen. Er unterscheidet sich damit deutlich von älteren, eher dekorativen Parks, wie dem im späten 19. Jahrhundert entstandenen Stadtpark mit seiner repräsentativen Treppenanlage von 1908.
  
Auch dank des Nordparks ist die einst als „Blechbüchsenviertel“ verschriene Gründerzeitvorstadt der Kaiserzeit längst zur beliebten Wohnlage geworden. Ohne sich übertriebenen Illusionen hinzugeben, könnte die Buga ähnlich positive Effekte für den „hohen Norden“ mit sich bringen. Die ersten komplexen Wohnungs-Neubauprojekte seit mehr als 30 Jahren am Moskauer und Berliner Platz sind hierbei ein gutes Signal.
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Nicht zuletzt enthielt das Konzept des Volksparks soziale Aspekte. Bromme hat dies deutlich auf den Punkt gebracht: „Der Zweck des Nordparkes wird sein, für die Bevölkerung der dem Steigerwald abgewendeten Stadtteile freie Erholungs- und Bewegungsmöglichkeiten zu geben.“ Dabei dachte er an die Arbeiter und Kleinbürger des nördlichen „Blechbüchsenviertels“ der Industriestadt. Jene Bevölkerungsmehrheit, die nicht im gutbürgerlichen Südwesten wohnte, sollte auch die Chance auf Freizeitgestaltung im Grünen bekommen.
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Bei allem sozialen Wandel und mancher Veränderung seines Gesichts wird der Nordpark diesem Anspruch seit nunmehr 100 Jahren gerecht. Die Bundesgartenschau 2021, deren Vorbereitungen jetzt in die „heiße Phase“ treten, wird darüber hinaus die Grundidee des Nordparks auf die ganze nördliche Geraaue bis Gispersleben ausdehnen. So entsteht der größte Volkspark Thüringens.
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Dass bei einem solchen Jahrhundertprojekt etwa wegen notwendiger Baumfällungen auch Kritik aufkommt, ist wohl unvermeidlich. In erster Linie aber sollten sich die Erfurter  auf eine kilometerlange neue Gartenlandschaft, auf einen breiten Fuß- und Radweg mit neuen schmucken Brücken, auf barrierefreie Zugänge, auf die Renaturierung des Gera-Flusslaufes, auf die Anlage von Sport- und Spielplätzen, eines Sees und vielem mehr freuen.  
  
 
('''[[Steffen Raßloff|Dr. Steffen Raßloff]]''' in Thüringer Allgemeine vom 03.07.2018)
 
('''[[Steffen Raßloff|Dr. Steffen Raßloff]]''' in Thüringer Allgemeine vom 03.07.2018)

Version vom 12. April 2019, 06:37 Uhr

Nordpark und Buga 2021

Volkspark für alle

Vor 100 Jahren begann die Gestaltung des Nordparks, woran die Buga ambitioniert anknüpft.


Nordpark.Erfurt.jpg

Im Frühjahr 1919 herrschte in Erfurt triste Stimmung. Wenige Monate nach der von vielen Deutschen als traumatisch erfahrenen Niederlage im Ersten Weltkrieg und dem Trubel der Novemberrevolution 1918 bestimmten Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Elend den Alltag vieler Menschen. Mit dem glanzvoll-pompösen Kaiserreich unter Wilhelm II. war besonders für das national eingestellte Bürgertum eine scheinbar festgefügte, rasch als „gute alte Zeit“ verklärte Epoche untergegangen.

Zugleich war die unter äußerst schwierigen Bedingungen ins Leben getretene Weimarer Republik aber auch eine Zeit wegweisender Projekte, die die Probleme der modernen kapitalistischen Massengesellschaft energisch in Angriff nahmen. Hierzu zählt nicht zuletzt der Nordpark als eines der bedeutendsten städtebaulich-landschaftsgestalterischen Vorhaben in Erfurt. Die Pläne für den Nordpark als grüne Lunge der nördlichen Vorstädte gehen freilich in die Vorkriegszeit zurück. Schon im Sommer 1914 sollten die Arbeiten beginnen. Das Vorhaben der prosperierenden Industriegroßstadt blieb aber durch den Kriegsausbruch wie andere ehrgeizige Projekte, etwa ein Museumsneubau auf dem Stadtparkgelände nach Entwürfen von Henry van de Velde, auf der Strecke.

Die Parkpläne des verdienstvollen Gartenbaudirektors Max Bromme wurden jedoch im Frühjahr 1919 wieder aufgenommen und dienten auch als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Das große Areal zwischen Auenstraße, Klinikum und Gera-Bogen, bisher landwirtschaftlich genutzt, konnte bis 1925 weitgehend in seiner heutigen Form abgeschlossen werden. Mit der Einweihung des Nordbad-Gebäudes im Bauhaus-Stil 1929 fand die Parkanlage ihre Abrundung.

Das wegweisende am Nordpark war über seine alle bisherigen Grünlagen weit übertreffende Größe hinaus der Charakter als modernen Volkspark mit weiten Wiesenflächen, mit Spiel- und Sporteinrichtungen. Er unterscheidet sich damit deutlich von älteren, eher dekorativen Parks, wie dem im späten 19. Jahrhundert entstandenen Stadtpark mit seiner repräsentativen Treppenanlage von 1908.

Nicht zuletzt enthielt das Konzept des Volksparks soziale Aspekte. Bromme hat dies deutlich auf den Punkt gebracht: „Der Zweck des Nordparkes wird sein, für die Bevölkerung der dem Steigerwald abgewendeten Stadtteile freie Erholungs- und Bewegungsmöglichkeiten zu geben.“ Dabei dachte er an die Arbeiter und Kleinbürger des nördlichen „Blechbüchsenviertels“ der Industriestadt. Jene Bevölkerungsmehrheit, die nicht im gutbürgerlichen Südwesten wohnte, sollte auch die Chance auf Freizeitgestaltung im Grünen bekommen.

Bei allem sozialen Wandel und mancher Veränderung seines Gesichts wird der Nordpark diesem Anspruch seit nunmehr 100 Jahren gerecht. Die Bundesgartenschau 2021, deren Vorbereitungen jetzt in die „heiße Phase“ treten, wird darüber hinaus die Grundidee des Nordparks auf die ganze nördliche Geraaue bis Gispersleben ausdehnen. So entsteht der größte Volkspark Thüringens.

Dass bei einem solchen Jahrhundertprojekt etwa wegen notwendiger Baumfällungen auch Kritik aufkommt, ist wohl unvermeidlich. In erster Linie aber sollten sich die Erfurter auf eine kilometerlange neue Gartenlandschaft, auf einen breiten Fuß- und Radweg mit neuen schmucken Brücken, auf barrierefreie Zugänge, auf die Renaturierung des Gera-Flusslaufes, auf die Anlage von Sport- und Spielplätzen, eines Sees und vielem mehr freuen.

(Dr. Steffen Raßloff in Thüringer Allgemeine vom 03.07.2018)


Siehe auch: Bundesgartenschau 2021, Blumenstadt Erfurt, Nordpark, Gerauaue im Buga-Konzept