Michaelsstraße 7 und 8 Beschreibung

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Michaelisstraße_7 und 8_detaillierte Informationen

Informationen des Bauherrn Ragnar Heise zur denkmalgerechten Instandsetzung der Michaelisstraße 7, „Haus zur Großen Alten Waage“ und zur Michaelisstraße 8, „Haus zur Sichel“

Die Bauhistorischen Untersuchungen der Michaelisstrasse 7 und 8 von 1991 an bis 2017 haben folgende Erkenntnisse gebracht, besonders vorangetrieben von Herrn Historiker Dr. Thomas Nitz, Herrn Christian Misch vom Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Herrn Hermann Günther, dem Architekten:

Michaelisstrasse 7:

Gegenüber der mittelalterlichen Synagoge gelegen, wurde um ca. 1340 herum auf dem gemeinsamen Grundstück, das später in Michaelisstrasse Nr. 6 und 7 geteilt wurde, ein hochgotischer Neubau errichtet. Bauherr war die jüdische Familie des Abraham von Rotenburg. Dieser Mann hat insofern Bedeutung gehabt, als dass er als Jude im Dienste des Erzbischofs bezeichnet wurde und in mehreren Rechtsgeschäften und Urkunden als mitunterzeichnender Zeuge erscheint. In den Bau von ca. 1340 wurden mehrere Mauerpartien und Fundamente integriert, die bis in die Romanik zurückreichen. Er war von geradezu palastartigen Abmessungen, mit 1 Meter dicken Steinwänden, drei Vollgeschossen, drei Dachgeschossen, 15 Meter breit und 31 Meter lang. Anlässlich des Pogroms 1349 wurde dieser wohl größte private Profanbau Erfurts vom Mopp angezündet. Bei der Sanierung ab 2014 zeigten sich von Innen alle Steinwände, Fenster- und Torlaibungen mit Brandabplatzungen und Brandverfärbungen. Der größte Teil aller verbauten, nicht brandgeschädigten Hölzer im Haus wurden, dendrochronologisch festgestellt, im Jahre 1351 gefällt. Herr Misch fand im Stadtarchiv Rechnungen von 1351 für Bauholz, das die Stadt Erfurt für das Haus bezahlen musste, das einst dem Juden Abraham von Rotenburg gehörte. Ab 1351 wurde also diese Brandruine zur städtischen Waage umgebaut. Ab 1354 begann der reguläre Waagebetrieb, Herr Misch fand im Stadtarchiv dazu die ersten Einnahmequittungen.

Im Jahre 805 wird Erfurt von Kaiser Karl dem Großen als Welthandelsumschlagplatz festgelegt. Erfurt hatte das so genannte Stapelrecht. Das bedeutete, alle Händler mussten bei der Durchreise ihre Waren wiegen lassen und entsprechend Zoll zahlen. Außerdem mussten die Waren drei Tage lang im Waage- und Kaufhaus aufgestapelt den Stadtbürgern zum Kauf angeboten werden. Bis 1349 waren Waagefunktion und Kaufhausräume im Rathaus am Fischmarkt integriert. Nach Ermordung und Vertreibung der Juden 1349 bot sich die riesige ausgebrannte Steinruine Michaelisstrasse 6 und 7 förmlich an, für ein gesteigertes Handelsvolumen Erfurts, separat vom Rathaus und der Marktstrasse, das Waage- und Kaufhaus einzurichten.

Von 1354 bis 1711 fand der Waage- und Kaufhausbetrieb auf dem Grundstück Michaelisstrasse 6 und 7 statt. Um 1712 erfolgt die Verlegung in den neuen Waage- und Packhof Am Anger, dem heutigem Angermuseum. Das von nun an „Haus zur Alten Waage“ genannte Gebäude Michaelisstrasse 6 und 7 wird als nutzlos leerstehend und baufällig bezeichnet. Es wird verkauft an einen hohen Mainzer Beamten, dem Regierungsrat und Kriegskommissar Braun. Er baut es 1717 zu seinem Privathaus um. Dabei wird das dritte Vollgeschoss entfernt und die Gebäudekubatur um 150 cm abgesenkt. Es gibt jetzt nur noch zwei Vollgeschosse, dafür aber mit vier Meter Raumhöhe. Innen entsteht neu in Fachwerk ein typisch barocker Wohnhausgrundriss mit tragender Mittellängswand und herrschaftlichen Raumfluchten. Die Zweifüllungstüren und Gliederkehlen- Stuckdecken sind schlicht, aber gediegen. Dendrochronologisch konnte fast gar keine der inneren Hölzer auf 1717 datiert werden, dafür aber hauptsächlich Zweitverwendete festgestellt werden von 1351, 1470 und 1632. Der Dachstuhl über der Michaelisstrasse 6 und 7 von 1351 ist praktisch komplett noch erhalten. Lediglich wurden die Sparren am Fuß- und Firstende gekürzt und 1717 zweitverwendet neu aufgeschlagen. Die mittelalterliche Dachneigung war über 60 Grad steil, nach der barocken Neuabzimmerung nur noch 45 Grad. Insgesamt entstand dadurch ein sehr viel niedrigeres Gebäude, als die mittelalterliche Waage. Die Bezeichnung Michaelisstrasse 6 „Haus zur Kleinen Alten Waage“ und Michaelisstrasse 7 „Haus zur Großen Alten Waage“ hat nichts damit zu tun, dass es einst unterschiedlich große Waagen gegeben hat und unterschiedlich dimensionierte Waren zur Versteuerung gewogen werden mussten! Es hat auch nichts mit unterschiedlich großen Fuhrwerken und Kaufmannstrecks zu tun. Vielmehr ist es Tatsache, dass die Michaelisstrasse 6 und 7 nach wie vor baukonstruktiv eine Einheit darstellen. Die Holzdecken, Längsunterzüge, Dachbalkenlage und Dachsparren laufen durch, sind eine zimmermannsmäßige Einheit. Diese Einheit hatte Bestand bereits in Zeiten vor 1349, dem Judenpogrom. Es gibt keine trennende Brandwand, es handelt sich also um ein einziges Haus mit einem gemeinsamen hölzernem Traufgesims und einem großen gemeinsamen Dachstuhl. Erst in der Gründerzeit um 1880 wurde das Haus zur Alten Waage, damalige Hausnummer Michaelisstrasse 1, in mehrere Arbeiterwohnungen und Erdgeschossläden aufgeteilt und eine provisorische Gebäudetrennung vorgenommen. Aus der ehemaligen Michaelisstrasse 1 wurden erst von da an die Häuser Michaelisstrasse 6 und 7 auch eigentumsrechtlich voneinander unterschieden. Da der Gebäudetrackt Michaelisstrasse 6 deutlich kleiner ist als der von der Michaelisstrasse 7, entstanden die Bezeichnungen „Haus zur Kleinen Alten Waage“ und „Haus zur Großen Alten Waage“.

Michaelisstrasse 8:

Die Michaelisstrasse 8 trägt den Namen „Haus zur Sichel“. Er kann von der Pflanze Färberwaid her stammen, der auch Sichelstrumpf genannt wurde, oder bezieht sich auf das sichelartig schmale Grundstück. Es war ursprünglich eine schmale Gasse zwischen den Gebäuden Michaelisstrasse 7 und 9, aber bereits vor 1349 bebaut worden, zunächst als Anbau der Michaelisstrasse 9. Dieser ist in zwei Etappen ersetzt worden durch ein hölzernes Hinterhaus von 1536 mit Rauchküche und Bohlenstube, und einem vorderem Steinhaus von 1542. Dessen Erdgeschoss zur Michaelisstrasse wurde um 1880 durch den Einbau eines klassizistisch reich profilierten Schaufensters ersetzt.

Sanierung und Instandsetzung von 2014 bis 2017:

Die Michaelisstrasse 7 und 8 zeigten sich 2014 in einem chaotisch verbauten Zustand, leerstehend, in keiner Weise heutigen Nutzungsansprüchen gerecht. Das Haus zur Sichel war eine 1991 nur notdürftig gesicherte Ruine.

Angesichts einer vom Bauherrn negativ empfundene, einseitige Entwicklung der Michaelisstrasse zur Kneipenmeile, war das Ziel, ein Stück urbaner Erfurter Normalität diesem Straßenabschnitt zurückzugeben: Im Obergeschoss mit Wohnungen für Familien und im Erdgeschoss Gewerbenutzung, ausgeschlossen die eines Wirtshauses. Wohnen und Arbeiten mitten in der Stadt ist gefragt. Man spart Zeit, kann auf Autofahrten verzichten, ist mittendrin zwischen seinen Nachbarn, Freunden, Geschäftspartnern und Kunden. Nichts geht über die direkte Kommunikation von Angesicht zu Angesicht.

Das Wertpotential des Hauses zur großen Alten Waage wurde in dem klaren und nutzungsneutralen Grundriss aus dem Barockumbau von 1717 gesehen. Nach Entfernung des auch statisch bedenklichen Wirrwarrs von nachträglichen Zwischenwänden und Fluren, kommt die Wirkung der wohlproportionierten und mit jeweils zwei großen Barockfenstern hell belichteten Räume wieder zur Geltung. Aufgearbeitete historische Türen und Stuckdecken tragen zur Atmosphäre bei. Die fein profilierten, aber stark frostgeschädigten Barocksandsteingewände wurden steinmetzmäßig restauriert. Besonderheiten sind drei originale gotische Spitzbogengewände im Erdgeschoss, die noch aus der Waagezeit um1354 stammen, und das originale, reich profilierte Barockholztor von 1717. In der ehemaligen Amtsstube des Waagemeisters wurde mit viel handwerklichem Können die Renaissance-Stuckdecke von 1632 freigelegt. Nun ist ganz scharfkantig wieder das sehr christliche Bildprogramm zu bewundern. Inmitten von Sternprofilen und dem Erfurter Stadtwappen, sind Jesus als Pelikan und Maria als Muschel zwischen blühenden Paradiespflanzen zu entdecken.

Trotz des ruinösen Zustandes konnte in der Michaelisstrasse 8 die historisch ursprüngliche Grundrissstruktur wiederhergestellt werden. Nun gibt es in dem schmalen Haus pro Etage jeweils nur eine Stube zur Strasse und eine zum Innenhof. Die nachträglichen und statisch bedenklichen Zwischenwände wurden entfernt, weil sie bereits zum Durchbrechen der Decken geführt hatten. Besonderheiten sind die vollständig gerettete Einschubdielendecke der Rauchküche im Erdgeschoss, dendrochronologisch datiert auf 1536. Im 1.Og wurde der kleine Rest einer spätgotischen Bohlenstubendecke aufwendig restauriert und von dem Zimmermann komplettiert, sodass sie wieder als sich selbst tragende Kiste statisch funktioniert. Zur Straßenseite wurden die barocken Stuckdeckenreste komplettiert und aufgearbeitet. Die kostbaren spätgotischen Sandsteingewände der straßenseitigen Fenster wurden mit viel Geduld vom Steinmetz wiederhergestellt. Das inzwischen sehr seltene klassizistische Holzschaufenster von 1880 wurde von Tischler in seinen Fehlstellen ergänzt und restauriert.

Bei der Sanierung der Michaelisstrasse 7 und 8 wurde darauf geachtet, möglichst viel der historischen Putzschichten und Oberflächen zu erhalten und nicht abzuschlagen. Entsprechend der Originalbefunde wurden Innen wie Außen die bewundernswert glatten, manchmal sogar gespachtelten Oberflächen wiederhergestellt. Die hellgrau-rote Fassadenfarben entsprechen den bauhistorisch festgestellten Originalfarben.

In der Michaelisstrasse 7 u. 8 mussten die inneren Treppenerschließungen komplett erneuert werden, weil sie im Haus zur Sichel durch Vandalismus zerstört war und in der Großen Waage durch verbastelte Umbauten es Kopfhöhen unter 2 Meter gab sowie ein extrem steiles Steigungsverhältnis, das nicht normal und ungefährdet zu begehen war.

Wertvoll ist der große Innenhof. Die Erschließung für Fahrzeuge erfolgt, wie schon im Mittelalter, von der Waagegasse her. Die vorhandene Remise und der Innenhof-Neubau mit der Bezeichnung Waagegasse 5 bieten witterungsgeschützte Stellplätze für 9 Autos und 25 Fahrräder. Zum Umsteigen soll angeregt werden. Es gibt außerdem Steckdosen für eine kommende Zeit der Elektromobilität. Möglichst große Beetflächen wurden attraktiv bepflanzt. Zur sonnigen und ruhigen Innenhofseite wurden im Erdgeschoss Terrassenbereiche, im Obergeschoss für die Wohnungen Balkone geschaffen.

Ausgesprochen kompetent und innovativ haben sich die Architekten vom Baubüro Günther (www.baubuero-guenther.de) mit diesem Projekt profiliert. Die schiere Masse an zu bewältigenden Problemen und Aufgaben nötigte ihnen einen langen Atem ab und ein Optimismus und geistigen Witz, die unterschiedlichsten menschlichen Persönlichkeiten unter einen Hut zu bringen und zu einem schlagkräftigen Team zusammenzuschweißen. Nicht einfach so nebenbei wurden die Spuren über 800 Jahre ununterbrochener Bautätigkeit auf den Grundstücken Michaelisstrasse 7 und 8 harmonisch verbunden mit modernstem Komfort und ästhetisch höchstem Anspruch.

Ragnar Heise, erstellt am 08.02.2018



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