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Version vom 6. Juni 2019, 07:16 Uhr

Kleine Geschichte der Hanse

Das reich illustrierte Buch des Rhino Verlages im handlichen Westentaschen-Format bietet einen populärwissenschaftlichen Überblick zur Geschichte der Hanse vom 12. Jahrhundert bis zu ihren Spuren in der Gegenwart.


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Die Hanse gehört zu den meist verklärten Mythen der deutschen Geschichte. Jene vom 12. bis 17. Jahrhundert wirksame, sich mehrfach wandelnde Vereinigung von niederdeutschen Kaufleuten und Städten zur Optimierung des Fernhandels ruft noch immer Vorstellungen von Solidität, nüchterner Zuverlässigkeit und weiten, wellenumspülten Horizonten hervor. Lange war die wehrhafte Handelsmacht der Stolz des deutschen Bildungsbürgers, musste schließlich sogar für die Großraumpolitik der Nationalsozialisten herhalten. Heute wird die Hanse wegen ihrer weit ausgreifenden Aktivitäten gerne besonders im Ostseeraum als Muster früher internationaler Zusammenarbeit und sogar als Vorläufer der Europäischen Union eingestuft.

Daneben gibt es durchaus auch eine sozialkritische Version der Hansen als reiche, geldgierige „Pfeffersäcke“, denen die mutigen, freiheitsliebenden Seeräuber à la Claus Störtebeker entgegengetreten seien. Dem legendären Führer der Likedeeler sind sogar auf der Insel Rügen die beliebten Störtebeker-Festspiele gewidmet. Hier und da erinnert man sich auch an die spektakulären Aufstände unterprivilegierter Bürgerschichten gegen die Vorherrschaft des hansischen Patriziats. Meist aber dominiert die positive Bedeutung des Begriffes Hanse. Vor allem in den Hansestädten an der Küste ist das Label allgegenwärtig – vom Unternehmen, Restaurant und Hotel über alle möglichen Produkte des Tourismus’ und Einzelhandels bis hin zum Fußballverein.

Von diesem beliebten Mythos ist die reale Geschichte der Hanse zu unterscheiden. Die frühe Hanse entwickelte sich im 12. Jahrhundert als genossenschaftlicher Zusammenschluss niederdeutscher Kaufleute in einer Zeit mit hohem Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum. Ihre aufblühenden Handelsstädte stimmten zunehmend ihre Interessen ab und traten 1358 erstmals machtvoll als stede van der dudeschen hense auf, als „Städte der deutschen Hanse“. Ihre großen Kontore im Ausland von London bis Nowgorod, von Brügge bis Bergen sicherten mit weitreichenden Privilegien einen ertragreichen Handel. Ohne feste Institutionalisierung koordinierte man den Bund von bis zu 200 Städten auf regelmäßigen Hansetagen. Die „heimliche Supermacht“ konnte ihre Handelsinteressen in Europa über Jahrhunderte effektiv durchsetzen und sogar das mächtige Königreich Dänemark militärisch in die Schranken weisen. Lange pflegte man zudem eine für beide Seiten vorteilhafte Partnerschaft mit den einflussreichen Rittern des Deutschen Ordens.

Ein zentraler Ausgangspunkt und Kernraum waren die niederdeutschen Hafenstädte an Nord- und Ostsee. Der Bund reichte freilich weit über die heutige deutsche Küste hinaus von Kampen und Groningen in den Niederlanden über das heute polnische Danzig (Gdańsk), russische Königsberg (Kaliningrad) und lettische Riga bis ins estnische Reval (Tallinn). Darüber hinaus erstreckte er sich tief ins Binnenland mit Handelsmetropolen wie Köln, Dortmund, Braunschweig, Erfurt, Breslau und Krakau, umspannte den ganzen Ostseeraum und war teils noch weit darüber hinaus aktiv.

Dennoch wird die Hanse hierzulande im historischen Gedächtnis weitgehend mit den norddeutschen Küstenstädten und ihrem Seehandel gleichgesetzt. Ihre prächtige Backsteinarchitektur gilt ebenso als eines der Erkennungszeichen der Hanse, wie der dickbäuchige Schiffstyp der Kogge. Über Jahrhunderte dominierte tatsächlich mit Lübeck eine der Seehandelsstädte als „Königin der Hanse“ bzw. „Haupt der Hanse“ den losen Verbund von Kaufleuten und deren autonomen Bürgerstädten. Hier fanden die meisten Hansetage statt, oft waren es lübische Stadträte und Bürgermeister, die die gemeinsamen Interessen vertraten. Die nach Osten ins Slawenland vorstoßenden deutschen Städtegründungen des 13. Jahrhunderts mit Wismar, Rostock, Stralsund und Greifswald blieben der „Mutterstadt“ im Rahmen des Wendischen Städtebundes von 1259 stets eng verbunden. Der einträgliche Zwischenhandel mit den hochwertigen Fertigprodukten des Westens und den begehrten Rohstoffen des Nordens und Ostens ließ sie alle zu wohlhabenden und mächtigen Kommunen heranwachsen.

Den Zugang zur Nordsee sicherten vor allem die Hansestädte Hamburg und Bremen. Ihr Aufstieg begann allerdings erst so richtig mit der Verlagerung des Welthandels auf den Atlantik zu Beginn der Neuzeit, parallel zum allmählichen Niedergang der Hanse. Hamburg wurde mit einem der größten internationalen Häfen sogar zu „Deutschlands Tor zur Welt“. Damit überflügelten sie alle Hansestädte im heutigen Deutschland. Zugleich entgingen sie als Reichsstädte auch dem nahezu alle übrigen Hansemitglieder ereilenden Verlust der Autonomie und der Integration in die fürstlichen Staatswesen. Über das lautlose Ende der Hanse im 17. Jahrhundert hinaus konnten Hamburg und Bremen (und bis 1937 auch Lübeck) ihre hanseatische Unabhängigkeit behaupten. Bis heute genießen die Freie und Hansestadt Hamburg und die Freie Hansestadt Bremen den Status von föderalen Bundesländern.

Aber auch in den Ostseestädten spielt das spezifische, historisch tief verwurzelte Selbstverständnis als offiziell so benannte Hansestädte noch immer eine zentrale Rolle. In diesem Sinne sollen Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund, Greifswald, Hamburg und Bremen, wichtige Akteure der Hanse und Orte bedeutsamer Ereignisse, mit kurzen Portraits schlaglichtartig vorgestellt werden. Das Erbe der Hanse, wichtige Erinnerungsorte und museale Einrichtungen – allen voran das Europäische Hansemuseum Lübeck – laden zu einer lebendigen Reise in die Vergangenheit ein. Lübeck, Wismar, Stralsund und Bremen mit ihren bedeutenden Baudenkmalen der Backsteingotik haben es sogar auf die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes geschafft.


Steffen Raßloff: Kleine Geschichte der Hanse (Rhino Westentaschen-Bibliothek). Ilmenau 2019.


Siehe auch: Deutsche Geschichte, Geschichte der Stadt Erfurt


Thüringer Allgemeine/Thüringische Landeszeitung vom 05.06.2019 (zum Lesen anklicken)

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