Kapellendorf Erfurt 20. Jahrhundert

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Die Wasserburg Kapellendorf im 20. Jahrhundert

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Das Erfurter Landgebiet umfasste einst zahlreiche Burgen, aber keine von ihnen ist so eng mit der Geschichte der Stadt verbunden geblieben wie die 1348/52 erworbene Wasserburg Kapellendorf. Zwar musste das stolze Reichslehen 1508 an die Wettiner verpfändet werden und konnte von der Quasi-Reichsstadt Erfurt bis zum Verlust der Autonomie 1664 nicht wieder zurück erworben werden. Die Erinnerung an die „Erfurter Burg“ blieb jedoch lebendig. In der Zeit der Weimarer Republik knüpfte der Erfurter Geschichtsverein an die alten historischen Bande an. Die aus diesem bildungsbürgerlichen Kreis heraus 1930 gegründete Burggemeinde Kapellendorf unter dem Geschichtsvereins-Vorsitzenden Prof. Dr. Johannes Biereye übernahm die Verantwortung für die 1933 von der Stadt Erfurt angekaufte Burg. Dank des großen Engagements der Erfurter erlebte sie in den wenigen Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg eine wahre Renaissance. Auch wenn die Burggemeinde 1945 erlosch, die Burg an die Gemeinde Kapellendorf und später an die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten wechselte, blieben die Beziehungen nach Erfurt bestehen, wird zumal das Burgmuseum vom Stadtmuseum Erfurt betreut.

Viele Burgen wurden im 20. Jahrhundert der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und oft zu beliebten Ausflugszielen. Im Falle Kapellendorfs geschah dies auf Umwegen. Gemeindevorstand und Heimatverein Kapellendorf bemühten sich seit 1912 darum, das „Schloss doch endlich zu öffnen und der Besichtigung durch die daran Interessierten freizugeben“. Hiergegen sperrte sich aber der Pächter des noch immer großherzoglich-weimarischen Gutes, der in der Burg u.a. „Polenwohnungen“ für landwirtschaftliche Saisonarbeiter eingerichtet hatte. Zunehmend verfiel die Anlage, was sich im Ersten Weltkrieg 1914/18 noch beschleunigte. 1919/20 gaben einquartierte Reichswehrsoldaten den maroden Gebäuden etwa durch das Verheizen von Türen, Fenstern, Balken, Dielen etc. den Rest, so dass jetzt in einem Schreiben des Weimarer Finanzamtes von „einer fast vollkommenen Ruine“ die Rede war. 1922 erwarb sie ein ehemaliger Offizier aus Weimar, ohne die verfallene Burg wie versprochen zu sanieren. 1929 geriet sie mit dem Verkauf an den Inhaber der Erfurter Firma Ernst Cammerer wieder in den Blick der Stadt Erfurt, die auf Drängen geschichtsbewusster und engagierter Bürger wenige Jahre später auch zum neuen Besitzer der Wasserburg wurde.

Der 30. Mai 1930 stellt ein Schlüsseldatum in der jüngeren Geschichte der Wasserburg Kapellendorf dar. An diesem Tag wurde die Burggemeinde Kapellendorf e.V. mit Sitz in Erfurt gegründet. 22 Bürger, darunter tonangebende Mitglieder des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt, gehörten zum Gründerkreis. „Fürsteher“ der Gemeinde wurde Geheimrat Prof. Dr. Johannes Biereye (1860-1949), zugleich Vorsitzender des Geschichtsvereins. Weiter zum Vorstand gehörten der Lehrer Schuchardt als Schriftführer und Kaufmann Honcamp als Kassenwart. Wichtige Aktivisten waren daneben Oberlehrer Thiele, Kaufmann Schenke und Geheimer Oberfinanzrat Wolffram. Die Seele des Unterfangens bildete aber zweifellos Biereye. Der ehemalige Direktor des Erfurter Gymnasiums war zu jener Zeit die prägende Persönlichkeit der Stadtgeschichtsforschung und in vielen weiteren Vereinen und Projekten aktiv. Die praktische Pflege der Geschichte und ihrer Erinnerungsorte lag ihm besonders am Herzen. Der wichtigsten Burg des Landgebietes der stolzen Metropole Thüringens im Spätmittelalter sollte dank Biereye und seiner Mitstreiter das größte bürgerschaftliche Engagement zugutekommen, das jemals ein vergleichbares Projekt jenseits der Stadtmauern erfahren hat.

Die Burggemeinde ergriff in ihrem Bestreben, die Wasserburg für Erfurt zurück zu gewinnen und als Kulturdenkmal zu erhalten, die Initiative. Mit Besitzer Cammerer wurden ein zukünftiger Kaufpreis von 48.000 Mark sowie eine sofortige Hypothek von 20.000 Mark ausgehandelt, wofür man nunmehr die Burg nutzen konnte. Dies sollte jedoch nur ein Zwischenschritt sein. Die Burggemeinde konnte mit Unterstützung von Oberbürgermeister Theodor Pichier den Magistrat zum Ankauf durch die Stadt bewegen. Am 15. August 1933 beschloss der Magistrat vorbehaltlich der Zustimmung durch die Stadtverordneten den Ankauf für 40.000 Mark, den die Stadtverordnetenversammlung am 20. Oktober 1933 sanktionierte. Der Burggemeinde wurde durch Erbbauvertrag (bis 1993) die Nutzung zugesichert, worauf man die ebenfalls von der Stadt übernommene Hypothek löschte. Der symbolische Erbbauzins belief sich auf 1 Mark jährlich. Nun bestanden mit der praktisch kostenlosen Erbpacht klare Rahmenbedingungen, die dem beachtlichen Engagement der Burggemeinde sehr zugute kamen.

Eines solchen von großem Idealismus getragenen Engagements bedurfte es auch, da die Burg mittlerweile praktisch eine Ruine war. „Fast alle Dächer mussten gedeckt werden. Dachlatten waren durchgefault, Bodenbretter fehlten, Teile des Gebälks waren ausgebaut oder durch Witterungseinflüsse zerstört, Türen und Fenster kaum noch vorhanden. Überall bot sich ein Bild der Verwahrlosung, Verwilderung und Zerstörung. Der Innenhof war eine große Schutthalde und alle Grabenabschnitte ohne Wasser, versumpft und verlandet.“ (Karl Moszner) Wichtige Voraussetzungen, hier Abhilfe schaffen zu können, waren die rasche Vergrößerung der Mitgliederzahl, die Aktivierung der Burgfreunde sowie die Aufbringung von nennenswerten Spenden und das Knüpfen von Kontakten. All dies sollte der Burggemeinde in erstaunlichem Maße gelingen. Bis zum Ausbruch des Krieges 1939 konnten neben privaten und öffentlichen Zuwendungen u.a. durch eine „Kapellendorf-Lotterie“ und Postkartenverkauf mehr als 800.000 Mark für die Sanierung der Burg aufgebracht werden. Die Zahl der Mitglieder und Förderer stieg auf bis zu 735.

1933 erfolgten bereits aufwändige Erdarbeiten, wobei ca. 50.000 Schubkarren Erde und Schutt aus der Kernburg entfernt wurden. Dank dieser zupackenden Maßnahme konnte die ursprüngliche Anlage der Kirchberger Burggrafen mit den Resten des inneren Mauerrings und dem Turmstumpf wieder für Besucher erlebbar gemacht werden. Gleichzeitig sorgten Grabungen für wichtige wissenschaftliche Aufschlüsse. Schon seit 1932 hatten Freilegungsarbeiten des Reichsarbeitsdienstes die Möglichkeit für erstmalige archäologische Untersuchungen gegeben. Unter Leitung von Erwin Schirmer und Prof. Dr. Gotthard Neumann vom Germanischen Museum Jena wurden 1932/33 Grabungsschnitte im Zwinger von der inneren bis zur äußeren Mauer angelegt. Sie förderten 750 kg Keramik und weitere Funde bis zurück in die Bronzezeit zutage. Diesen bisher einzigen umfassenden archäologischen Untersuchungen verdanken wir maßgebliche Aufschlüsse über die Burggeschichte und wichtige Exponate für das Museum.

Ein weiterer Schwerpunkt der von der Burggemeinde getragenen und initiierten Sanierungsarbeiten war die Wiederherstellung des Wassergrabens um die Burg. Schon 1934 konnten die Aushebung der Grabenabschnitte, die Regulierung der Zu- und Abflüsse sowie die Dichtung der Grabensohle abgeschlossen werden. Mit der Flutung des Grabens hatte Kapellendorf seinen Charakter als Wasserburg wieder zurück bekommen. Die südlichen und westlichen Bauwerke konnten bis 1935 wieder benutzbar gemacht werden, wo u.a. die heute verschollene Waffen- und Jagdtrophäensammlung untergebracht war. Die sehr aufwändigen Arbeiten an der Kemenate wurden 1934 begonnen und für den Prinzessinnenbau zumindest geplant, der Verliesturm konnte 1939 der Öffentlichkeit übergeben werden. Im Südflügel schuf man für einen Burgwart und eine Gastwirtschaft Räume, was das touristische Potenzial der Burg erhöhte. Die Verdienste der Burggemeinde sind also kaum zu überschätzen. Dank ihres Wirkens wurde aus einer halben Ruine eine gepflegte und gastliche Anlage, in der Jahrhunderte Burggeschichte in vielen Facetten nachverfolgt werden können.

Im Wirken der Burggemeinde spiegelt sich aber auch der Ungeist des ab 1933 errichteten Dritten Reiches. Allerdings gilt für die Gemeinde ebenso wie für den Geschichtsverein, dass sich die konservativen Vereine gegen die „Gleichschaltung“ wehrten. Jedoch gelang dies im „Mutter-Verein“ besser als in der Burggemeinde. Der Geschichtsverein konnte 1933 einen neuen Vorsitzenden aus den Reihen der NSDAP verhindern. Stattdessen verblieb Johannes Biereye an der Spitze des angesehen Vereins. In der Burggemeinde dagegen gewannen die regimenahen Kräfte um Hans Schuchardt immer stärker an Einfluss. Der neue Fürsteher setzte sich in seiner Publikation „Die Wasserburg Kapellendorf“ (1935) das Ziel, die Burg „zum Symbol des Glaubens an Deutschlands Wiederaufstieg und Größe“ zu machen. Am 2. März 1934 wurde in Anwesenheit von NSDAP-Gauleiter Fritz Sauckel im Burghof eine „Hitlerlinde“ gepflanzt. Schon mit grotesken Zügen erklärte Schuchardt Hitler zu „unserem Ritter ohne Furcht und Tadel“. Dem neuen Kurs fiel u.a. das verdienstvolle Mitglied Hanns Feldmann zum Opfer. Hierauf reagierten mehr als 80 Mitglieder mit dem Austritt. Somit steht die Burggemeinde auch für das von völkisch-nationalistischen Anschauungen geprägte Wirken des „Bundes Thüringer Berg-, Burg- und Waldgemeinden“ (1921-1945). Noch heute findet sich auf dem 1936 eingeweihten Ehrenhain mit 32 Gedenksteinen der Mitgliedsgemeinden des Bundes am Jenaer Fuchsturm auch ein Gedenkstein der Burggemeinde Kapellendorf.

Der Zweite Weltkrieg 1939/45 stoppte die Erschließung der Burg. Nach Kriegsende kamen hier eine Maschinen- und Traktorenstation (MTS), Kindergarten, Bürgermeisteramt sowie Heimatvertriebene unter. Erst allmählich konnte durch Aktive wie Hanns Feldmann, Karl Moszner u.a. wieder an das Wirken der 1945 faktisch aufgelösten Burggemeinde angeknüpft werden. 1956 übernahm die Gemeinde Kapellendorf die Burg und trieb durch einen Burgbeirat mit staatlicher Unterstützung die Sanierung weiter voran. 1972 schuf man ein neues Burgmuseum, auch die touristische Attraktivität konnte erhöht werden. Nach dem Ende der DDR 1990 kam die Burg zunächst an die Stadt Erfurt zurück und fand 1998 mit der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten einen neuen Besitzer. Das Burgmuseum wird aber weiterhin vom Stadtmuseum Erfurt betreut. Dabei ist man bemüht, die historischen Verbindungen wieder stärker ins Bewusstsein der Erfurter zu rücken. Auf großes Interesse stieß etwa die Exkursion der Fördervereine des Stadtmuseums und des Volkskundemuseums am 25. Juni 2011 nach Kapellendorf. Viel Beachtung finden auch die zwei Ausstellungen der neuen Kuratorin Marie Petermann seit 2010/11 in der Kemenate (Mythos und Wirklichkeit: Zu den Anfängen der Wasserburg Kapellendorf; Belagerungen und Rückzugsgefechte: Erfurt und seine Burg). Pläne für eine komplexe Dauerausstellung im Südflügel, für eine Begegnungsstätte im Prinzessinnenbau sowie für eine Wiederbelebung der Gastronomie weisen in die Zukunft der „Erfurter Burg“.


Text: Steffen Raßloff: Die "Erfurter Burg" kehrt zurück. Kapellendorf im 20. Jahrhundert. In: Stadt und Geschichte. Zeitschrift für Erfurt 49 (2011). S. 12 f.


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt, Wasserburg Kapellendorf, Erfurter Geschichtsverein