Erfurt 55 Highlights aus der Geschichte: Unterschied zwischen den Versionen

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[[Datei:ErfurtHighlightsCover.jpg|320px|right]]Die einstige Mittelaltermetropole Erfurt hat viele historische Highlights von Luther und der ältesten Universität Deutschlands bis hin zur ersten Stasi-Besetzung 1989 zu bieten. Als heutige Landeshauptstadt war es stets das „Haupt des Thüringer Landes“, wie schon Hartmann Schedel in seiner „Weltchronik“ von 1493 schrieb. Bis in die Zeit des Thüringer Königreiches lässt sich dies zurückverfolgen. Die Blütezeit als eines der wichtigsten Handels- und Kulturzentren des Reiches kann man in der Altstadt rund um den imposanten Domhügel erleben.
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[[Datei:ErfurtHighlightsCover.jpg|320px|right]]Die einstige Mittelaltermetropole Erfurt hat viele historische Highlights von Luther und der ältesten Universität Deutschlands bis hin zur ersten Stasi-Besetzung 1989 zu bieten. Als heutige Landeshauptstadt war es stets das „Haupt des Thüringer Landes“, wie schon Hartmann Schedel in seiner „Weltchronik“ von 1493 schrieb. Bis in die Zeit des Thüringer Königreiches lässt sich dies zurückverfolgen. Die Blütezeit als eines der wichtigsten Handels- und Kulturzentren des Reiches kann man in der Altstadt rund um den imposanten Domhügel erleben. Seine Ersterwähnung 742 verdankt das seit der Steinzeit besiedelte erphesfurt Missionar Bonifatius. Das ursprüngliche Königsgut gehörte zwar seit etwa 1000 dem Mainzer Erzbischof, erlangte aber weitgehende Autonomie. Die Quasi-Reichsstadt wurde Schauplatz großer Ereignisse wie die Unterwerfung Heinrichs des Löwen unter Kaiser Barbarossa 1181 im Peterskloster. Mit ihren vielen Kirchen war sie auch religiöses Zentrum Thüringens, der Handel rund um die malerische Krämerbrücke blühte vor allem dank des Blaufärbemittels Waid.
 
Seine Ersterwähnung 742 verdankt das seit der Steinzeit besiedelte erphesfurt Missionar Bonifatius. Das ursprüngliche Königsgut gehörte zwar seit etwa 1000 dem Mainzer Erzbischof, erlangte aber weitgehende Autonomie. Die Quasi-Reichsstadt wurde Schauplatz großer Ereignisse wie die Unterwerfung Heinrichs des Löwen unter Kaiser Barbarossa 1181 im Peterskloster. Mit ihren vielen Kirchen war sie auch religiöses Zentrum Thüringens, der Handel rund um die malerische Krämerbrücke blühte vor allem dank des Blaufärbemittels Waid.
 
  
1379 erhielt Erfurt das erste Privileg für eine Universität im heutigen Deutschland, deren bekanntester Student und Lehrer Martin Luther war. Mit dessen Eintritt ins Augustinerkloster 1505 begann das Ringen um die Reformation, die in Erfurt auf fruchtbaren Boden fiel. Weitere große Namen sind Meister Eckhart, Adam Ries, der Humanistenkreis um Helius Eobanus Hessus mit den „Dunkelmännerbriefen“ sowie Eulenspiegel und Faust. Auch die jüdische Gemeinde hat beeindruckende Spuren rund um die Alte Synagoge hinterlassen.  
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1379 erhielt Erfurt das erste Privileg für eine Universität im heutigen Deutschland, deren bekanntester Student und Lehrer Martin Luther war. Mit dessen Eintritt ins Augustinerkloster 1505 begann das Ringen um die Reformation, die in Erfurt auf fruchtbaren Boden fiel. Weitere große Namen sind Meister Eckhart, Adam Ries, der Humanistenkreis um Helius Eobanus Hessus mit den „Dunkelmännerbriefen“ sowie Eulenspiegel und Faust. Auch die jüdische Gemeinde hat beeindruckende Spuren rund um die Alte Synagoge hinterlassen. Im „Tollen Jahr“ 1509/10 zeichnete sich dann ein allmählicher Niedergang an. Von Schwedenkönig Gustav II. Adolf genährte Hoffnungen auf Reichsfreiheit blieben unerfüllt und 1664 folgte die Unterwerfung unter Kurmainz. Hierfür stehen die Zitadelle Petersberg und das Barockerbe. Höhepunkt jener Epoche, in der Erfurt fast Geburtsstadt Johann Sebastian Bachs geworden wäre, war die Dalbergzeit mit ihren Verbindungen zur Weimarer Klassik. Zugleich liegen hier die Wurzeln des Erwerbsgartenbaus. An die Blumenstadt von Weltruf erinnern große Gartenschauen bis hin zum egapark und der Bundesgartenschau 2021.  
  
Im „Tollen Jahr“ 1509/10 zeichnete sich dann ein allmählicher Niedergang an. Von Schwedenkönig Gustav II. Adolf genährte Hoffnungen auf Reichsfreiheit blieben unerfüllt und 1664 folgte die Unterwerfung unter Kurmainz. Hierfür stehen die Zitadelle Petersberg und das Barockerbe. Höhepunkt jener Epoche, in der Erfurt fast Geburtsstadt Johann Sebastian Bachs geworden wäre, war die Dalbergzeit mit ihren Verbindungen zur Weimarer Klassik. Zugleich liegen hier die Wurzeln des Erwerbsgartenbaus. An die Blumenstadt von Weltruf erinnern große Gartenschauen bis hin zum egapark und der Bundesgartenschau 2021.
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Die 800-jährige Bindung an Mainz endete 1802 mit dem Übergang an Preußen. Nach dem Zwischenspiel der „Franzosenzeit“ mit Napoleons Fürstenkongress 1808 fiel Erfurt endgültig an die Hohenzollern. Es stieg zur Industriegroßstadt auf, in der die SPD 1891 ihr wegweisendes Erfurter Programm verabschiedete. Wichtige Impulse kamen vom Anschluss an die modernen Verkehrsmittel. In der Weimarer Republik, die auch eine Erfurter Republik hätte werden können, wurde die Stadt ein Brennpunkt der kulturellen Moderne. Zugleich riss die Kette bedeutender Ereignisse nicht ab. Sie reicht vom Erfurter Unionsparlament 1850, bei dem sich Bismarck seine diplomatischen Sporen verdiente,  über das erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen 1970 mit Willy Brandt bis hin zum ersten ökumenischen Spitzentreffen mit Papst Benedikt XVI. 2011. Geschichte geschrieben haben auch Pharmazie-Pionier Johann Bartholomäus Trommsdorff, Soziologe Max Weber, Brooklyn Bridge-Erbauer Johann August Röbling, ein „falscher Prinz“ und viele Erfurter Sportler. Heute ist Erfurt eine lebenswerte Großstadt von 215.000 Einwohnern. Sie profitiert von ihrer Lage im Herzen Deutschlands, ist Messe- und Kongressstadt, Sitz des Bundesarbeitsgerichtes, des MDR, KIKA und einer Universität. Zur Erfolgsgeschichte seit 1990 zählt auch die Renaissance der Altstadt, die im Zweiten Weltkrieg dank des „Wunders von Erfurt“ weitgehend unzerstört blieb. Als Schatzkammer der Stadtgeschichte fungiert dort das Stadtmuseum „Haus zum Stockfisch“. Neben der großen Geschichte genießen die Erfurter und zahlreichen Touristen auch kulinarische Highlights, allen voran die Thüringer Nationalgerichte Bratwurst und Klöße.   
 
 
Die 800-jährige Bindung an Mainz endete 1802 mit dem Übergang an Preußen. Nach dem Zwischenspiel der „Franzosenzeit“ mit Napoleons Fürstenkongress 1808 fiel Erfurt endgültig an die Hohenzollern. Es stieg zur Industriegroßstadt auf, in der die SPD 1891 ihr wegweisendes Erfurter Programm verabschiedete. Wichtige Impulse kamen vom Anschluss an die modernen Verkehrsmittel. In der Weimarer Republik, die auch eine Erfurter Republik hätte werden können, wurde die Stadt ein Brennpunkt der kulturellen Moderne.
 
 
 
Zugleich riss die Kette bedeutender Ereignisse nicht ab. Sie reicht vom Erfurter Unionsparlament 1850, bei dem sich Bismarck seine diplomatischen Sporen verdiente,  über das erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen 1970 mit Willy Brandt bis hin zum ersten ökumenischen Spitzentreffen mit Papst Benedikt XVI. 2011. Geschichte geschrieben haben auch Pharmazie-Pionier Johann Bartholomäus Trommsdorff, Soziologe Max Weber, Brooklyn Bridge-Erbauer Johann August Röbling, ein „falscher Prinz“ und viele Erfurter Sportler.
 
 
 
Heute ist Erfurt eine lebenswerte Großstadt von 215.000 Einwohnern. Sie profitiert von ihrer Lage im Herzen Deutschlands, ist Messe- und Kongressstadt, Sitz des Bundesarbeitsgerichtes, des MDR, KIKA und einer Universität. Zur Erfolgsgeschichte seit 1990 zählt auch die Renaissance der Altstadt, die im Zweiten Weltkrieg dank des „Wunders von Erfurt“ weitgehend unzerstört blieb. Als Schatzkammer der Stadtgeschichte fungiert dort das Stadtmuseum „Haus zum Stockfisch“. Neben der großen Geschichte genießen die Erfurter und zahlreichen Touristen auch kulinarische Highlights, allen voran die Thüringer Nationalgerichte Bratwurst und Klöße.   
 
  
  

Version vom 6. November 2020, 14:00 Uhr

Erfurt - 55 Highlights aus der Geschichte

Das Buch des Historikers Dr. Steffen Raßloff porträtiert anschaulich 55 Menschen, Orte und Ereignisse, die die geschichtsträchtige Stadt Erfurt bis heute prägen.


ErfurtHighlightsCover.jpg

Die einstige Mittelaltermetropole Erfurt hat viele historische Highlights von Luther und der ältesten Universität Deutschlands bis hin zur ersten Stasi-Besetzung 1989 zu bieten. Als heutige Landeshauptstadt war es stets das „Haupt des Thüringer Landes“, wie schon Hartmann Schedel in seiner „Weltchronik“ von 1493 schrieb. Bis in die Zeit des Thüringer Königreiches lässt sich dies zurückverfolgen. Die Blütezeit als eines der wichtigsten Handels- und Kulturzentren des Reiches kann man in der Altstadt rund um den imposanten Domhügel erleben. Seine Ersterwähnung 742 verdankt das seit der Steinzeit besiedelte erphesfurt Missionar Bonifatius. Das ursprüngliche Königsgut gehörte zwar seit etwa 1000 dem Mainzer Erzbischof, erlangte aber weitgehende Autonomie. Die Quasi-Reichsstadt wurde Schauplatz großer Ereignisse wie die Unterwerfung Heinrichs des Löwen unter Kaiser Barbarossa 1181 im Peterskloster. Mit ihren vielen Kirchen war sie auch religiöses Zentrum Thüringens, der Handel rund um die malerische Krämerbrücke blühte vor allem dank des Blaufärbemittels Waid.

1379 erhielt Erfurt das erste Privileg für eine Universität im heutigen Deutschland, deren bekanntester Student und Lehrer Martin Luther war. Mit dessen Eintritt ins Augustinerkloster 1505 begann das Ringen um die Reformation, die in Erfurt auf fruchtbaren Boden fiel. Weitere große Namen sind Meister Eckhart, Adam Ries, der Humanistenkreis um Helius Eobanus Hessus mit den „Dunkelmännerbriefen“ sowie Eulenspiegel und Faust. Auch die jüdische Gemeinde hat beeindruckende Spuren rund um die Alte Synagoge hinterlassen. Im „Tollen Jahr“ 1509/10 zeichnete sich dann ein allmählicher Niedergang an. Von Schwedenkönig Gustav II. Adolf genährte Hoffnungen auf Reichsfreiheit blieben unerfüllt und 1664 folgte die Unterwerfung unter Kurmainz. Hierfür stehen die Zitadelle Petersberg und das Barockerbe. Höhepunkt jener Epoche, in der Erfurt fast Geburtsstadt Johann Sebastian Bachs geworden wäre, war die Dalbergzeit mit ihren Verbindungen zur Weimarer Klassik. Zugleich liegen hier die Wurzeln des Erwerbsgartenbaus. An die Blumenstadt von Weltruf erinnern große Gartenschauen bis hin zum egapark und der Bundesgartenschau 2021.

Die 800-jährige Bindung an Mainz endete 1802 mit dem Übergang an Preußen. Nach dem Zwischenspiel der „Franzosenzeit“ mit Napoleons Fürstenkongress 1808 fiel Erfurt endgültig an die Hohenzollern. Es stieg zur Industriegroßstadt auf, in der die SPD 1891 ihr wegweisendes Erfurter Programm verabschiedete. Wichtige Impulse kamen vom Anschluss an die modernen Verkehrsmittel. In der Weimarer Republik, die auch eine Erfurter Republik hätte werden können, wurde die Stadt ein Brennpunkt der kulturellen Moderne. Zugleich riss die Kette bedeutender Ereignisse nicht ab. Sie reicht vom Erfurter Unionsparlament 1850, bei dem sich Bismarck seine diplomatischen Sporen verdiente, über das erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen 1970 mit Willy Brandt bis hin zum ersten ökumenischen Spitzentreffen mit Papst Benedikt XVI. 2011. Geschichte geschrieben haben auch Pharmazie-Pionier Johann Bartholomäus Trommsdorff, Soziologe Max Weber, Brooklyn Bridge-Erbauer Johann August Röbling, ein „falscher Prinz“ und viele Erfurter Sportler. Heute ist Erfurt eine lebenswerte Großstadt von 215.000 Einwohnern. Sie profitiert von ihrer Lage im Herzen Deutschlands, ist Messe- und Kongressstadt, Sitz des Bundesarbeitsgerichtes, des MDR, KIKA und einer Universität. Zur Erfolgsgeschichte seit 1990 zählt auch die Renaissance der Altstadt, die im Zweiten Weltkrieg dank des „Wunders von Erfurt“ weitgehend unzerstört blieb. Als Schatzkammer der Stadtgeschichte fungiert dort das Stadtmuseum „Haus zum Stockfisch“. Neben der großen Geschichte genießen die Erfurter und zahlreichen Touristen auch kulinarische Highlights, allen voran die Thüringer Nationalgerichte Bratwurst und Klöße.


Steffen Raßloff: Erfurt. 55 Highlights aus der Geschichte. Erfurt 2021 (Sutton Verlag). (erscheint Frühjahr 2021)


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt