Thueringer Kulturtuete

Kritik an Erfurter Kulturpolitik

Die Stadt Erfurt bekam 2016 den Satirepreis "Thüringer Kulturtüte" für ihre defizitäre Kulturpolitik verliehen, an der sich seither wenig geändert hat. Kulturdirektor Knoblich könnte jetzt trotz erklärtem Wechsels nach Bayreuth dennoch zum Kulturdezernenten aufsteigen.


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Am 23. November 2016 bekam die Stadt Erfurt die "Thüringer Kulturtüte für herausragende Defizite und Fehlentscheidungen im kulturpolitischen Sektor" durch das Satire-Magazin "UN NU?" und den Verein "Rock‘n‘ Stroll" überreicht (Oberbürgermeister Andreas Bausewein und Chefredakteurin Anne Martin im Rathaus, Foto: Hannah Franke).

Laudator und Kulturausschuss-Vorsitzender Dr. Wolfgang Beese (SPD): "Mit desaströs sind die Perspektiven der Kultur hinreichend beschrieben. Kaum Kulturförderung, kaum Sonderausstellungen in den Museen, dafür Schließungsankündigungen und die Querelen um die Engelsburg." Marion Walsmann (CDU) ergänzte: "Hier geht es auch um die Einstellung zum Ehrenamt, zur Kreativszene und historischen Erinnerungskultur. Die Aussage von Kulturdirektor Dr. Tobias Knoblich in Bezug auf 350 Jahre Zitadelle Petersberg 2015 'Wir können uns nicht um jedes Jubiläum kümmern', ist da keine Motivationsgrundlage."

Seither hat sich kaum etwas geändert, wie das 500. Reformationsjubiläum 2017 mit dem gescheiterten UNESCO-Welterbe-Antrag für das Augustinerkloster zeigt. Zentrale Projekte wie das Geschichtsportal Krönbacken kommen nicht voran, 2018 gilt wegen der Aufgabe des Forums Konkrete Kunst als "schwarzes Jahr für die Erfurter Kultur" (Dr. Wolfgang Beese). Von visionären, weit ausstrahlenden Projekten ist demgegenüber in der Ära von Kulturdirektor Knoblich seit 2011 nichts zu sehen.

Zum 1. Januar 2019 wollte Knoblich als Kulturreferent nach Bayreuth wechseln, wobei er sich abfällig über die Erfurter Kulturlandschaft und Kommunalpolitik äußerte. Umso überraschender kam seine Bewerbung als Wirtschafts- und Kulturdezernent in Erfurt. Dies wird von vielen als unseriös und schizophren empfunden: Während Knoblich der Bayreuther Oberbürgermeisterin noch am 29. Oktober 2018 versicherte, seinen Posten anzutreten, ließ er sich zeitgleich vom Erfurter Oberbürgermeister nominieren. Von dieser Doppelbewerbung rückte er trotz heftiger Kritik nicht ab.

In Bayreuth sorgte jener "Posten-Poker" für gewaltigen Wirbel. Die Junge Union wertete Knoblichs "Doppelzüngigkeit" als "ungeheure Geringschätzung gegenüber der Kulturstadt Bayreuth". Die Oberbürgermeisterin hat hierauf in Absprache mit dem Stadtrat die Übergabe der Ernennungsurkunde verschoben. Auch im Erfurter Stadtrat regt sich mit Blick auf die Dezernentenwahl am 28. November parteiübergreifend Widerspruch. Kulturausschuss-Chef und SPD-Fraktionsvorsitzender Dr. Wolfgang Beese hält Knoblich wegen mangelnder "Loyalität", "Ehrlichkeit und Verlässlichkeit" "für nicht wählbar in Erfurt". Dessen "kulturloses Auftreten" ist in der Kulturszene ebenfalls auf starke Ablehnung gestoßen.

(Dr. Steffen Raßloff)


Thüringer Allgemeine vom 10.11.2018 (zum Lesen anklicken)

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