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Gruendung Freistaat Thueringen 1920

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100 Jahre Freistaat Thüringen 2020

Geburtsstunde des modernen Thüringens

Am 1. Mai 1920 trat der Freistaat Thüringen aus sieben ehemaligen Kleinstaaten ins Leben. 2020 steht dem Bundesland damit ein bedeutendes Jubiläum ins Haus.


Der 1. Mai 1920 kann als eines der Schlüsseldaten der thüringischen Geschichte gelten. Nach Jahrhunderten der geradezu sprichwörtlichen Kleinstaaterei entstand an diesem Tag per Reichsgesetz ein modernes föderales Staatsgebilde: „Die Länder Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Meiningen, Reuß, Sachsen-Altenburg, Sachsen-Gotha ohne das Gebiet von Coburg, Schwarzburg-Rudolstadt und Schwarzburg-Sondershausen werden mit Wirkung vom 1. Mai 1920 zu einem Lande Thüringen vereinigt.“

Das vielgepriesene „Herzland deutscher Kultur“ um die UNESCO-Welterbestätten Wartburg und Weimar, um die Wirkungsorte Luthers, Bachs und Goethes, war bis ins 20. Jahrhundert hinein in zeitweise bis zu 30 Staatsgebilde untergliedert gewesen. 1918 waren es immerhin noch acht Kleinstaaten und der preußische Regierungsbezirk Erfurt. Dies veranlasste nicht nur den preußischen Historiker Heinrich von Treitschke, zwar die kulturellen Verdienste Thüringens zu würdigen, zugleich aber dessen Zersplitterung zu geißeln: „Unsere Cultur verdankt ihnen unsäglich viel, unser Staat gar nichts.“

Die jüngere Geschichtsschreibung hat dagegen auch bedeutende politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Innovationen für die Moderne herausgearbeitet. Und aus der Perspektive des heutigen Freistaates überwiegt nicht nur in touristischer Hinsicht das Positive: Fürstliche Repräsentation bescherte dem „Land der Residenzen“ prächtige Schlösser, Parks, Museen, Bibliotheken und Theater in einmaliger Dichte, machte es zum Synonym des Landes der Dichter und Denker. Gleichwohl wurden die Kleinstaaten doch immer häufiger in Frage gestellt und ein vereintes Thüringen gefordert. Entsprechende Bestrebungen reichen bis zur Revolution von 1848 zurück. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Rufe immer lauter. Besonders die Schrift des Meininger Sozialdemokraten Arthur Hofmann „Thüringer Kleinstaatenjammer“ (1906) sorgte für heftige Diskussionen.

Den entscheidenden Durchbruch brachte vor 100 Jahren die Novemberrevolution 1918 mit dem Ende der Monarchien. Neben Kaiser Wilhelm II. mussten auch der Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, die Herzöge von Sachsen-Coburg und Gotha, Sachsen-Altenburg und Sachsen-Meiningen sowie die Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt, Schwarzburg-Sondershausen, Reuß ältere Linie (Greiz) und Reuß jüngere Linie (Gera) ihrem Thron entsagen. Die Kleinstaaten-Regierungen nahmen sofort Verhandlungen auf und schlossen sich über mehrere Zwischenschritte am 1. Mai 1920 zum Freistaat Thüringen mit der Landeshauptstadt Weimar zusammen. Lediglich Coburg blieb durch seinen Anschluss an Bayern fern. Diesen Zusammenschluss brachte auch das 1921 beschlossene Landeswappen mit sieben silbernen Sternen auf rotem Grund zum Ausdruck (siehe Abbildung).

Allerdings gehörte diesem „Kleinthüringen“ der preußische Regierungsbezirk Erfurt noch nicht an. Das Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 sorgte dann erstmals für ein Thüringen in weitgehend der heutigen Form, in dem Erfurt die Hauptstadtrolle übernahm. In der DDR 1952 bereits wieder in die Bezirke Erfurt, Gera und Suhl aufgeteilt, trat das heutige Bundesland Thüringen mit Vollzug der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 ins Leben. In der Landesverfassung von 1993 gab man dem Bundesland unter Berufung auf die demokratische Tradition von 1920 den Namen Freistaat Thüringen. Dementsprechend gilt es 2020 die „Geburtsstunde des modernen Thüringens“ als bedeutendes Jubiläum angemessen zu begehen.

(Dr. Steffen Raßloff)


Lesetipps

Steffen Raßloff: Geschichte Thüringens. München 2010.

Steffen Raßloff: Kleine Geschichte Thüringens. Ilmenau 2017.

Steffen Raßloff: Novemberrevolution und Landesgründung 1918/1920. Erfurt 2016.


Siehe auch: Geschichte Thüringens, Novemberrevolution und Landesgründung 1918/1920