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Erfurt historische Erinnerungskultur Kulturpolitik

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Stadt mit großer Geschichte

Die historische Erinnerungskultur in Erfurt braucht ambitioniertere profilprägende Impulse, wofür der Wechsel an der Spitze der Kulturverwaltung eine Chance bietet.


"Erfurt ist seit jeher das 'Haupt des Thüringer Landes', wie es in Hartmann Schedels Weltchronik 1493 heißt. Vom Machtzentrum des Thüringer Königreiches im 6. Jahrhundert bis hin zur heutigen Landeshauptstadt des Freistaates Thüringen zieht sich diese Stellung wie ein roter Faden durch die Geschichte. Darüber hinaus gehörte die Handels- und Kulturmetropole im Mittelalter zu den größten Städten des Reiches. 1379 erhielt Erfurt das Privileg für die älteste Universität im heutigen Deutschland, deren bekanntester Student und Lehrer Martin Luther war. Mit dessen Eintritt ins Augustinerkloster 1505 begann das Ringen um die Reformation. Auch die jüdische Gemeinde hat beeindruckende Spuren hinterlassen."

Mit diesen Worten versuchte der Autor 2012 in der Erstauflage seiner "Geschichte der Stadt Erfurt" die große Historie unserer Stadt zu skizzieren. Dies war verbunden mit der Hoffnung auf eine intensivere historische Erinnerungskultur nicht zuletzt mit Blick auf das anstehende 500. Reformationsjubiläum 2017. Zusätzliche Nahrung erhielt diese Hoffnung durch den neuen Kulturdirektor Tobias Knoblich, der frischen Wind in die Kulturlandschaft zu bringen versprach.

Sieben Jahre später fällt das Fazit angesichts des angekündigten Weggangs von Knoblich eher ernüchternd aus. Gewiss, die Erfurter Touristiker vermarkten unsere geschichtsträchtige Stadt eifrig und können auf steigende Übernachtungszahlen verweisen. Aber auch von dort hört man immer wieder Klagen, dass die Kulturverwaltung zu wenig nachhaltige, überregional ausstrahlende Angebote vorhalte.

Rasch hatte sich der Kulturdirektor als kein Freund der Geschichtspflege erwiesen. Dies reicht von der Ausstattung der Museen bis hin zu den kulturellen Jahresthemen. So ist von dem im Kulturkonzept 2013 festgeschriebenen Geschichtsportal im "Haus zum Krönbacken" noch nichts zu sehen. Die Stelle eines Kurators für Neuere Geschichte im Stadtmuseum "Haus zum Stockfisch" (Foto: Alexander Raßloff) wurde nicht wiederbesetzt, weshalb die Stadtgeschichte ab 1500 wissenschaftlich brach liegt.

Große Jubiläen wie 350 Jahre Zitadelle Petersberg 2015, eine der bedeutendsten Stadtfestungen Europas, wurden nicht gewürdigt. Gipfelpunkt war das wenig ambitionierte Reformationsjubiläum mit dem Scheitern des UNESCO-Welterbe-Antrages für das Augustinerkloster. Zugleich endete die Reihe großer, viel beachteter Sonderausstellungen im Stadtmuseum zu profilprägenden historischen Themen. Impulse von außen, wie die Untermauerung der prestigeträchtigen These von Erfurt als ältester Universitätsstadt durch die Universitätsgesellschaft, wurden nicht aufgegriffen.

Hier nun bietet die Neubesetzung der Spitze der Kulturverwaltung eine Chance auf Kurskorrektur. Erfurt ist eine Stadt mit großer, teils international bedeutsamer Geschichte und vielen hochkarätigen Kulturdenkmalen. Dies ist sein kulturell-touristischer Markenkern mit erheblicher Bedeutung für die Stadtentwicklung. Jenes Potenzial sollte, ohne andere Kulturbereiche zu vernachlässigen, wieder energischer ausgeschöpft werden!

(Dr. Steffen Raßloff in Thüringer Allgemeine/Thüringische Landeszeitung vom 02.08.2018)


Siehe auch: Geschichte der Stadt Erfurt, Stadtmuseum Erfurt, Kritik an Erfurter Kulturpolitik, Kritik an Kulturdirektor Knoblich, 350 Jahre Petersberg 2015, 500 Jahre Reformation 2017, UNESCO Augustinerkloster